Kultur
Gefangen in der Gefall-Falle
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 17.03.2010
Zuviel des guten: Madonna auf ihrer letztjährigen Tour. (Bild: Keystone)
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Es geht ja irgendwie bereits seit geraumer Zeit bergab mit Frau Ciccone. Und wie als Beweis dafür macht sie jetzt das, was die Prominenz zu tun pflegt, wenn es im angestammten Tätigkeitsbereich nicht mehr so richtig rundlaufen will: Sie lanciert eine Modekollektion. Für Teenager. Weil sie nun aber bereits 51 ist und damit bei der Zielgruppe nicht über die nötige Glaubwürdigkeit verfügt beziehungsweise die wohl berechtigte Befürchtung hegt, dass man sie da gar nicht mehr kennt, wird sie dabei von ihrer 13-jährigen Tochter Lourdes assistiert.
«Material Girl» heisst das Ganze, nach einem ihrer erfolgreichsten Songs aus dem Jahr 1984, und soll ab August in der US-Kaufhauskette Macy’s erhältlich sein: Schuhe, Kleider, Handtaschen und Modeschmuck gibts dann da in der Preislage zwischen 12 und 40 Dollar. Später kommen, welch eine Überraschung, noch ein Parfüm und eine Kosmetiklinie dazu. Bloss: Wer sein Leben lang von einer ganzen Armada von professionellen Stylisten eingekleidet wurde, verfügt über keinerlei Befähigung als Designerin. Dass die Linie «Material Girl» heisst, ist bezeichnend. Das mag ja vor 26 Jahren aufmüpfig geklungen haben, verrucht und nach bösem Mädchen; heute zuckt man die Schultern und denkt allerhöchstens an Fussballergattinnen auf exzessiven Einkaufstouren.
«12 Prozent männliche Gene»
Aber Madonna spielt ja immer noch ihre Rolle als Provokateurin und merkt nicht, dass dies bei einer Frau mit 51 längst nicht mehr die einstige Wirkung hat, sondern bloss ein Fremdschämen auslöst. An ihrem Konzert in Dübendorf vor eineinhalb Jahren sah man eine 50-jährige Frau, die als eine Art Vorturnerin agierte, seilsprang und sich als Cheerleaderin verleidete und dabei vor allem eines demonstrieren wollte: Wie fit sie noch ist. Wie trainiert ihr Körper. Über wie viel Sexappeal sie noch verfügt. Ein einziger Krampf war das und hatte etwas Verzweifeltes. Etwas sehr Unsouveränes. Und vor allem strahlte ihr ganzer Auftritt eine Verbissenheit aus, die einen unangenehm berührte. Es machte sich Mitleid breit mit dieser Frau, die offenbar entschlossen ist, es noch mit 20-Jährigen aufzunehmen – und dabei verkennt, dass dies allem Training und aller Chirurgie zum Trotz zum Scheitern verurteilt ist.
Die englische «Times» schrieb unlängst, Madonna trage vermutlich 12 Prozent männliche Gene in sich. Das war mitnichten abwertend zu verstehen, sondern vielmehr als Kompliment. Und tatsächlich hatte sie in ihrer ganzen Emanzipiertheit stets etwas Männliches, gerade wegen dieser ihr eigenen Selbstverständlichkeit: Die Frau war, wenn auch gänzlich frei von einem intellektuellen Anspruch, für den Feminismus hilfreicher als all die unzähligen Kampfschriften, weil sie lebte, wovon andere bloss redeten. Weil sie sich einfach nahm, was sie wollte. Sie scherte sich einen Deut um Konventionen, sie benutzte Männer und liess sie fallen, sobald sie ihrer überdrüssig geworden war oder sie ihren Zweck erfüllt hatten wie Lourdes’ Vater Carlos Leon. Sie hatte jederzeit die Kontrolle über sich, ihre Karriere und ihren Körper, sie zelebrierte ihre Rolle als knallharte Geschäftsfrau mit einer Kompromisslosigkeit, die man vorher so noch nicht präsentiert bekommen hatte von einer Frau im Musikgeschäft. Selbst wer ihre Platten nicht mochte, kam nicht umhin, Madonna zumindest dafür Respekt zu zollen.
Immer noch der sexy Vamp
Und jetzt begeht sie den grössten Fehler, den erfolgreiche Frauen machen können: Sie schafft es nicht, in Würde zu altern. Sie tappt mit zunehmendem Alter immer mehr in die Falle des unbedingten Gefallen-Wollens, will immer noch den sexy Vamp geben, weigert sich, ihr Alter zu akzeptieren und ist nicht in der Lage, eine neue Rolle zu finden. Das macht sie nicht zum Vorbild, das macht sie, ähnlich wie Sophia Loren, zum tragischen Fall, lächerlich auch, und ist die eigene De- montage des einst so erfolgreichen, starken Produkts Madonna. Weil sie nicht kapiert, dass eine Frau über 50 sehr wohl attraktiv sein kann, aber eben nur, wenn ihr Alter sie kaltlässt.
Seit sie sich von Guy Ritchie hat scheiden lassen, macht der wieder gute Filme und sie vor allem damit Schlagzeilen, dass sie sich einen 30 Jahre jüngeren Mann zulegte, ein Model noch dazu. Emanzipiert? Von wegen. Sie macht damit bloss dasselbe wie ein Mann: sich lächerlich. Auch die Botschaft an die Welt ist dieselbe wie bei den Männern, wo Frauen meist bloss die Augenbrauen hochziehen und in sich hineinlachen: Seht her, so alt bin ich noch nicht, ich bekomme immer noch solch eine Trophäe ins Bett, das soll mir zuerst mal jemand nachmachen, ha!
Das schreit derart laut nach Bestätigung, dass es mit Emanzipation nichts mehr zu tun hat, mit einer «starken Frau» auch nicht und mit Souveränität erst recht nicht. Es mag auf den ersten Blick vielleicht so wirken, und die Medien waren ja auch ganz euphorisiert darob, bloss wird da ein kleiner, aber entscheidender Unterschied übersehen: Ältere Frauen sind anders als Männer nur in der Lage, einen viel jüngeren Gespielen zu finden, wenn man ihnen ihr Alter nicht ansieht. So lauten die Regeln des Spiels.
Aber Madonna merkt ja nicht, dass sie nicht mehr die Spielmacherin, sondern längst zum Spielball geworden ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 07:35 Uhr


