Kultur
«Ich war heute mit meiner Freundin im Bett. Ich furzte, und es stank»
CD und Auftritte
Nach einer Drogenentziehungskur und einer bereits zweijährigen Beziehung mit der amerikanischen TV-Schauspielerin Ayda Field gibt Robbie Williams mit «Reality Killed The Video Star» (ab 6.11. im Handel) ein Comeback, das die Gunst seiner alten Fans zurückgewinnen dürfte. Die Platte ist melodiös und abwechslungsreich, von Soundtüftler Trevor Horn gekonnt produziert und enthält potenzielle Singles wie «You Know Me» und «Morning Sun». Die Anleihen bei Beatles, Pet Shop Boys oder Lou Reed wirken allerdings etwas fantasielos.
Mit der ersten Auskoppelung «Bodies» tritt der 35-jährige am 24.Oktober bei «Benissimo» auf. Sein erstes Konzert seit drei Jahren gibt er heute Dienstag zwar in London, doch auch Berner können dabei sein: In den Kinos Pathé Westside wird der Anlass ab 21 Uhr direkt übertragen.
Robbie Williams: «Reality Killed The Video Star», EMI
Wie fühlt es sich an, wieder im Rampenlicht zu stehen?
Wenn man drei Jahre weg war und sich nicht wie ein Superstar gefühlt hat, ist es irgendwie seltsam, zumal ich nach einer Weile vergessen hatte, wer ich war und was ich getan hatte. Ich bin deshalb überrascht und erfreut, wie liebenswürdig die Leute sind, wenn sie mich wieder sehen.
War das nicht zu erwarten?
Ich hatte in meinem Kopf wohl eine negative Vorstellung davon, wie man mir begegnen würde – vielleicht, weil ich in England verstehe, was über mich geschrieben wird, und dort eine gewisse Feindseligkeit mir gegenüber spüre. Also verhält man sich entsprechend und wird misstrauisch. Dann komme ich nach Deutschland und werde als Superstar gefeiert. Das ist schon irritierend, aber cool.
Was gefällt Ihnen am Popstardasein?
Es ist gleichzeitig aufregend und merkwürdig, sich selbst und eine bekannte Person zu sein.
Inwiefern?
Heute Morgen war ich mit meiner Freundin im Bett. Ich furzte, und es stank. Dann bin ich in meiner Unterwäsche im Hotelzimmer umhergelaufen, und wir haben zusammen Kaffee getrunken. Da war ich einfach ich. Dann kam ich in die Interviewsuite herunter und war plötzlich der Superstarmann. Seltsam
Haben Sie diese Zerrissenheit im ersten Song «Morning Sun» Ihres neuen Albums «Reality Killed The Video Star» verarbeitet?
Das ist eigentlich eine Ode an Michael Jackson. Aber ich denke, das Lied hat auch einen autobiografischen Teil: Die Zeilen «You always wanted more than life but now you don’t have the appetite; get a message to the troubadour, the world don’t love you anymore» waren meine Gedanken während der letzten Jahre.
Hat Sie Jacksons Tod getroffen?
Nicht sehr stark, aber genug, um an seinem Todestag diesen Text zu schreiben. Ich war schockiert, weil er so verfrüht kam. Ich war nie ein Fan, der Jacksons Platten gekauft hätte, aber ich verstand seine Bedeutung und weshalb ihn manche Leute vergöttert haben.
Wie kam es zu den Beatles-Zitaten in dieser Komposition?
Oh, ich kupfere eigentlich auf jeder Platte ein paar Sachen von ihnen ab...
Weshalb heisst Ihr neues Album eigentlich «Reality Killed The Video Star»?
Ursprünglich wollte ich die CD «Il Protagonista», also der Hauptdarsteller, nennen. Mein Management warnte mich aber zu Recht, dass dies als überheblich aufgefasst werden könnte. Schliesslich erinnerte ich mich an das Lied «Reality Killed The Video Star», das im Laufe der Produktion irgendwie untergegangen war. Es handelt davon, wie ich mich über die Jahre verändert habe. Das war mir bewusst geworden, als ich mit über 30 meine erste Liebe wieder getroffen habe. Leider hat es nicht mehr funktioniert, was uns beide sehr traurig gestimmt hat.
Haben Sie sich bei Ihrer ersten Single «Bodies» vom Kampf mit Ihrem eigenen Körper inspirieren lassen?
Nicht nur von meinem Kampf mit dem eigenen Körper und dessen Wahrnehmung – alle Menschen leiden mehr oder weniger darunter, dass sie nicht dem Bild entsprechen, das sie in den Medien als Ideal präsentiert erhalten.
Verstehen Sie nach all Ihren Diäten Frauen, die sich zu dick fühlen, besser als andere Männer?
Ich glaube, dass sich Männer ebenso unzulänglich fühlen wie Frauen, nur reden sie nicht so viel darüber oder geben ihre Verletzlichkeit seltener zu. Die meisten meiner Freunde in Los Angeles stehen jedoch dazu, denn der Körperkult ist ein Teil dieser Stadt. Ich selbst habe, wenn ich ehrlich bin, nur wenige Diäten ausprobiert. Weil ich zu faul war, jeden Tag ins Fitnessstudio zu gehen. Allerdings verzichte ich vor der Promotion-Tour auf Knabbereien, Schokolade, Donuts, Brot und all das gute Zeug. Sobald ich die Interviews hinter mir habe, ist jedoch ein Date mit einer Tüte Donuts angesagt!
Wie ist der Satz «Jesus didn’t die for you» im Refrain zu verstehen?
Ich hatte im Fernsehen zwei interessante Dokumentationen über die Bibel gesehen. Sie soll erst 400 Jahre nach dem Tod von Jesus von ein paar Italienern geschrieben worden sein. Es müssen also viele Ungenauigkeiten oder gar Fehler drin stecken. Das hat mein katholisch geprägtes Weltbild schon ziemlich erschüttert, insbesondere, da sich George W. Bush gerade anmasste, einen Krieg im Namen «meines Jesus» zu führen. So behaupte ich blasphemisch, dass Jesus ganz bestimmt nicht für ihn gestorben ist.
Sie waren einst vor der britischen Boulevardpresse nach Los Angeles geflüchtet. Weshalb sind Sie nach England zurückgekehrt?
L.A. wurde mir sehr langweilig, und ich wurde nostalgisch. Als es mir dann mit meinem Mädchen ernst wurde, hatte ich die romantische Idee, dass ich sie nun nach Hause bringen muss, um dort zu heiraten und eine Familie zu gründen. Eines Tages habe ich ihr auf «Google Earth» Stoke-on-Trent gezeigt, den Ort, wo ich herkomme. Sie fand es idyllisch. So fuhren wir hin, und alle Leute waren so wundervoll und warmherzig und hatten eine Seele. Da merkte ich: Es war die Seele, die ich in Los Angeles vermisst hatte!
Und was haben Sie dort geschätzt?
Die Sonne, die Leichtigkeit und ein paar andere Aspekte des Lebens sind grossartig. Aber ich möchte, dass die Kinder, die wir möglicherweise haben werden, mit einem englischen Akzent aufwachsen und eine Seele besitzen. Nach drei Wochen in England dachte ich mir jedoch: Shit, Seele geht immer mit wirklich beschissenem Wetter einher Dabei würde sich doch die Seele mit etwas Sonne auch viel besser fühlen! Also pendeln wir zwischen Kalifornien und England hin und her. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.10.2009, 10:25 Uhr
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