Musik-Kritik

Hier kommt die Nacht

Gross und unbescheiden: Das ist die kanadische Rockband Arcade Fire, die am 25. Oktober mit «Reflektor» gleich ein Doppelalbum veröffentlicht. Hier ein erster Eindruck, Song für Song.

Ein Film voller seltsamer Puppen: Der Clip zu «Reflektor».


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1. Reflektor
Seit Wochen schon kursiert die erste Single im Internet, begleitet durch das grandios dunkle Video von Anton Corbijn. Jetzt eröffnet der Song das nach ihm benannte Album, und die von James Murphy (LCD Soundsystem) programmierten Beats entwickeln einen enormen Sog. Ihre Kühle verzischt aber über dem kreiselnden Funkgroove, zu dem sich nun der Stamm der Indieclubkids treffen und wundtanzen wird. Der perfekte Auftakt ins perfekte erste Albumdrittel.

2. We Exist
Da ist er, der Song, den man David Bowie früher im Jahr für sein Comeback gewünscht hätte. Ein heisskalter Nachtmahr von dunkler und hinterhältiger Eleganz – mit brutal tiefen, aber wunderbar flüssigen Bässen, heftigen Güssen von Gitarrenglamour und spitzen «Ha ha»-Discoekstasen der Sängerin Régine Chassagne. Grossartig.

3. Flashbulb Eyes
Ein rässes Rockriff auf der Gitarre eröffnet den kurzen Song zwischen splitternden Beats. Afrogirlanden sirren durch die Musik, und auch Steeldrums und Technoblitze lassen die Musik wie eine räuschige Strassenparty klingen. Voodoo fürs Indievolk.

4. Here Comes the Night Time
Eine Kakophonie – halb Strassenlärm, halb Stammesritual – leitet über zu einem weiteren frühen Höhepunkt des Doppelalbums: Ein langer, schwerer Funk breitet sich aus, eine fiebrige Melodie zieht auf, und dahinter zittert mit einem Mal eine Autoharp aus den ewigen Appalachen, und ein Klavier hämmert ein Kinderliedmotiv. Dann lärmen Technosirenen zur hysterischen Party, und Win Butler singt: «Wenn du die Hölle suchst, sieh doch in dir selber nach.»

5. Normal Person
Das könnte mit seinem Gitarrenriff aus der Boogieschule nun ein Stadionrocksong sein, aber dafür ist er dann doch überlaut und zu übel gelaunt. Die Gitarre steuert viel zu hoch, und Win Butler macht in hysterischen Hick-ups auf Mick Jagger. Normale Leute seien seltsam, singt er, und noch einmal lässt man sich gerne fallen in einen dieser abnormalen, ja hässlichen Rocksongs, mit denen Arcade Fire ihr neues Album eröffnen.

6. You Already Know
Akustische Gitarren sorgen für eine etwas hellere Stimmung, und prompt hat «Reflektor» seinen ersten Durchhänger. Der Song klingt seltsam wurstig, vollgestopft mit Effekten, die verstecken sollen, wie schwach die Komposition ist.

7. Joan of Arc
Was nun folgt, ist der dreiteilige, bildungsbürgerliche Zyklus auf den Spuren zunächst von Jeanne d'Arc, dann von Orpheus (Song 10) und Eurydike (Song 9). Die kunstmythologische Ambition geht aber leider einher mit schwindender kompositorischer Inspiration. Viele schlecht verleimte Teile ergeben keinen Song, da helfen auch keine Dudelsacksounds und Punkgitarren.

8. Here Comes the Night Time II
Die zweite CD eröffnet mit dieser unnötigen Reprise, in der Owen Pallett zeigen kann, welch verzärtelte Geigenarrangements über gestrichenen Kontrabässen zu arrangieren er imstande ist.

9. Awful Sound (Oh Eurydice)
Ein Perkussionssturm wie von den Strassen von New Orleans fegt reinigend über den Dancefloor, und darüber setzt eine hübsche Gitarre ein und eine linde, von Win Butler schön ausgekostete Gesangsmelodie. Allerdings hat der Song noch zirka vier weitere Teile, irgendwann rasseln Folkgitarren und dröhnen Helikoptergeräusche, bis er schliesslich mit kindischem Singsang verklingt.

10. Never Over (Hey Orpheus)
Ein Gitarrenriff rüttelt wie U2 an einem fetten Bass- und Drumtrack, und man fragt sich, ob sich James Murphy mittlerweile womöglich aus dem Album verabschiedet habe. Aber nein, ein Blick ins Booklet sagt: Er sitzt immer noch hinterm Produzentenpult. Wieder nimmt der Song eine progressive Wendung nach der anderen, und wieder lehnt man sich leicht enerviert zurück.

11. Porno
Schnalzende, zickende Clubbeats eröffnen den Song, in dem viel elektronischer Betrieb herrscht, ohne dass der Song richtig in Gang kommt. Und alles, was der Song sagen will, wird überdeutlich ausgesprochen: Der kalte Sound erzählt natürlich von den tauben Gefühlen des Sängers, der dann auch prompt fragt: «Stimmt etwas nicht mit mir?» Nein, möchte man antworten, alles in Ordnung, bloss der Song ist tot.

12. Afterlife
Das Album ist jetzt richtig anstrengend geworden. Die Aufmerksamkeit lässt nach. Eine Gitarre hebelt an noch einem klobigen Song.

13. Supersymmetry
Und schliesslich die Erlösung in dieser Synthie- und Streicherfantasie, in der sich die Stimmen von Régine Chassagne und Win Butler hübsch annähern, ohne von der eklatanten Einsamkeit zu lassen, von der hier gesungen wird: «Ich hörte eine Stimme wie ein Echo, es kam von mir.» Dann ist der Gesang weg, die Musik summt noch minutenlang weiter. Da muss noch etwas übrig gewesen sein vom Budget des Arrangeurs Owen Pallett. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.10.2013, 15:03 Uhr

Rezension

Eine ausführliche Kritik folgt nächste Woche im «Tages-Anzeiger».

Video

«We Exist»: Eine Live-Performance.

Video

Eine kurze Hörprobe zu «Awful Sound».

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