Kultur
So flog Kiss durchs Hallenstadion
Von Dominik Dusek. Aktualisiert am 17.05.2010 24 Kommentare
Flug durchs Hallenstadion: Besuchervideo vom Hallenstadionkonzert auf Youtube.
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Ein Konzert der US-amerikanischen Hardrock-Band Kiss ist immer auch ein Defilée der Fans. Manche vor dem Hallenstadion hatten am Sonntag die Buchstaben K, I, S und S auf die nackten Oberkörper gemalt. Andere - und der jüngste davon war geschätzte fünf Jahre alt - trugen die gleichen Gesichter wie ihre Idole. Das war natürlich nicht irgendeinem beängstigenden Gentech-Kniff zu verdanken, sondern der Schminkkunst.
Dutzende Paul Stanleys (das ist der mit dem Stern und dem Kussmund) und Peter Crisse (das war der Schlagzeuger mit dem Katzengesicht, der inzwischen von einem identisch aussehenden Herrn namens Eric Singer abgelöst wurde) standen da rum, und bei verliebten Paaren konnte es gar geschehen, dass Ace Frehley (der Alien-Gitarrist, der heute von Tommie Thayer gespielt wird) Gene Simmons (den mit der Zunge) innig küsste.
Streng heterosexuellen Hardrock
Ein knappe Stunde späte wiederholte sich diese Szene beinahe auf der Bühne des Hallenstadions: Zum melodiösen Gitarrensolo von «Cold Gin», dem zweiten Song des Abends, liess Simmons seine Zunge über den Hals von Thayer gleiten. Comicmonster dürfen das, sogar im streng heterosexuellen Hardrock. Und nichts anderes als Comicmonster stellen Kiss dar - in einer durchaus beeindruckenden Inszenierung. Der Intro-Film zeigte die Musiker als Riesen über einem Häusermeer, zum Einstieg wurden die Musiker mit einer Chilbi-Plattform zur Bühnenfront gehoben. Seit jeher trägt Stanley auf dem Kopf eine ungebändigte Mähne und zeigt Brusthaar. Simmons wiederum hat einen charakteristischen Haarknödel und stapft echsenartig umher. Bald schon baumelte ein BH von Stanleys Gitarre, und Simmons spie Feuer.
Man könnte bis zur jeweiligen Gitarrenform noch unzählige Details anführen, die die Inszenierung «Kiss» seit Jahrzehnten (bis auf eine kurze ungeschminkte Phase) fast unverändert prägen. Aber es wurde ja auch noch Musik gegeben. Und das nicht weniger professionell durchkonzipiert als die Kostüme. Kiss-Lieder sind eigentlich Popsongs, sie stehen - zugespitzt gesagt - Abba näher als Led Zeppelin. Klar, es geht etwas härter zu in knackigen Riff-Songs wie «Deuce» oder «Detroit Rock City», aber die schlitzohrig kalkulierte Wirkung ist durchaus ähnlich. Und Kiss haben das, was sie tun, völlig im Griff. Das fast ausverkaufte Hallenstadion jedenfalls war hochzufrieden. Und ja: Paul Stanley flog auch noch und spuckte Blut. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.05.2010, 07:58 Uhr








