Kultur
«Junge Rapper denken nur ans Geld»
Von Marc Krebs. Aktualisiert am 17.02.2010 1 Kommentar
Am Freitag, 19. Februar, 23 Uhr ist Melle Mel mit den Furious 5 und Kurtis Blow live in der Kaserne zu sehen. (Bild: Peter Provaznik)
12 Uhr Mittag in New York. Zeit für ein Ferngespräch. Am anderen Ende antwortet eine schläfrige Stimme mit «Hello». Melvin Glover hängt im Sofa, im Hintergrund läuft CNN. Der Rap-Pionier, der als MC Melle Mel zusammen mit Grandmaster Flash und den Furious Five Geschichte schrieb, erholt sich von seinem Tagesprogramm: dem Gang ins Fitnessstudio. Was nicht heisst, dass der Mann, der in den 80er-Jahren Klassiker wie «The Message», «White Lines» (über Kokain) oder «New York, New York» rappte, nichts mehr zu sagen hätte. Im Gegenteil: Er redet sich je länger je mehr in Rage.
Sie waren der erste Rapper, der sich «MC» nannte. Was brachte sie darauf?
Als wir Mitte der 70er-Jahre in der Bronx zu reimen begannen, gabs dafür keinen Namen. Von Rap sprach niemand. Wenn, dann sagte man, Melle Mel rocke das Mikrofon. Ich suchte einen Begriff, der den Showaspekt unserer Tätigkeit beinhalten würde. MC, Master Of Ceremony, klang gut und ich fands ganz passend.
Zum Zeremonienmeister gehört ein Ritual. Wie sah dieses bei den legendären Block Partys aus, den Konzerten in der New Yorker Bronx, aus denen Hip-Hop hervorging?
Das erste Ritual war, die Plattenkoffer und Lautsprecher an einen Ort im Freien zu schleppen. Dort zapften wir Strom von den Strassenlaternen ab und schlossen unsere Anlagen an. Dann legte ein DJ eine Platte auf, ich ergriff ein Mikrofon und erzählte, was mich beschäftigte.
Ahnten Sie, dass diese Musik die Welt überrollen würde und Sie ein Weltstar werden könnten?
Nein. Ich fand alles aufregend, denn jeder, der wollte, konnte daran teilhaben. Aber dass dieser Musikstil die Welt beherrschen würde, das dachte ich nicht.
Warum nicht?
Uns schlug anfänglich innerhalb der Musikbranche grosse Skepsis, mitunter gar Ablehnung entgegen. Leute begriffen nicht, dass ein Plattenspieler eine ganze Band ersetzen konnte. Bei unseren ersten Club-Auftritten fragten die Veranstalter stets, wo der Gitarrist, wo der Keyboarder stecke. Wir deuteten jeweils auf Grandmaster Flash, unseren DJ. Das sorgte für ungläubiges Kopfschütteln.
Wie setzten Sie sich durch?
Indem wir die Leute vergessen liessen, dass hier keine klassische Band spielte. Wir kompensierten mit unseren Texten und unseren Shows die fehlenden Musiker auf der Bühne.
In Klassikern wie «The Message» oder «White Lines» erzählen Sie von den Abgründen New Yorks. Hat der Erfolg Ihr Leben verändert?
Es wäre auf jeden Fall anders verlaufen. Gut möglich, dass ich im Knast oder tief im Drogensumpf gelandet wäre.
Wann verlor der Hip-Hop seine Unschuld?
Als der Durchschnittsmensch versuchte, dasselbe zu machen wie wir. Seit vielen Jahren ist es so, dass die erfolgreichsten Rapper längst nicht mehr die besten sind.
Die Kommerzialisierung hat geschadet?
Beträchtlich, ja. Die Industrie hat den Gangsta-Rap stark und den Conscious-Rap schwach gemacht. Obschon wir in den 80er-Jahren das kommerzielle Potenzial kritischer Botschaften aufzeigten. Schauen Sie sich unsere Clips an: Wir thematisierten Missstände. Heute geht es darum, sich zu inszenieren, umgeben von Mädchen, Champagner und fetten Autos.
Der Hip-Hop ist abgehoben.
Richtig. Es fehlt die ausgleichende Balance. Das haben die Medien und die Plattenfirmen mit ihrem Fokus auf Glamour und Gangstas mitzuverschulden. Verstehen Sie mich richtig: Nicht jeder Song muss das wahre Leben auf der Strasse widergeben, diesen Anspruch habe ich nicht. Aber diese sogenannten Rap-Stars heute unterhalten ja nicht einmal gut. Die aufrichtige Reflexion ihrer selbst und ihrer Welt ist ihnen abhandengekommen.
Sie haben vor über 20 Jahren die Präsidentschaftskandidatur von Jesse Jackson unterstützt und mit einem Song die Jugendlichen aufgefordert, ihn zu wählen. Heute ist ein Afroamerikaner an der Macht. Ist ein Traum wahr geworden?
Ja und nein. Gut, dass dieses Ziel erreicht wurde. Schade nur, dass Barack Obama wie alle US-Politiker die Interessen der Wirtschaft vertritt und nicht jene des Volkes. Unser Land hat er jedenfalls noch nicht umgekrempelt. Oder ist der Krieg schon zu Ende?
Ihre Generation hätte das zur Sprache gebracht, heute werden solche Themen kaum noch in Raps behandelt. Warum nicht?
Die Gedanken vieler jungen Rapper drehen sich nur um eines: ums Geld. Ich jedenfalls warte noch immer auf ein schlaues Album über den Krieg in Afghanistan. Die Hauptaufgabe der jungen Rapper besteht darin, Unternehmer zu sein und Geld zu verdienen. Das ist die Realität.
Nas sorgte 2006 mit dem Album «Hip Hop Is Dead» für Aufregung. Hatte er recht?
Ich glaube, die wahre Kultur ist noch immer lebendig. Aber sie spielt sich wie zu Beginn wieder im Untergrund ab. Die Unterhaltungsbranche interessiert sich nicht für die Kultur, sondern für den Erfolg. Und jene, die erfolgsversprechend sind, kümmern sich nicht um unangenehme Fragen. Mit Ausnahme vielleicht von Talib Kweli, für mich einer der wenigen grossen Rapper der Gegenwart.
Sie selber sind reif fürs Museum, wurden 2007 als erster Rapper in die Rock & Roll Hall Of Fame aufgenommen. Glücklich?
Natürlich. Bei der Inauguration habe ich dieselbe Position vertreten wie in diesem Gespräch. Und hoffe, mit unserer Show in Erinnerung zu rufen, worum es im Hip-Hop mal ging. Und wieder gehen sollte.
(Basler Zeitung)
Erstellt: 17.02.2010, 16:07 Uhr
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1 Kommentar
schönes interview, der mann hat mehr als recht. Die wahre kultur spielt sich wieder im untergrund ab, in den medien und der musikbranche wird mainstream hip-pop gepusht. traurig ist, dass sich die ursprüngliche message von toleranz und wettkampf etc. in einen traurigen brei von gewaltverherrlichung, frauenfeindlichkeit und mehr gewandelt hat, und noch trauriger ist, dass ich dieses konzert verpass Antworten
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