Kultur

«Metallica loves you, Basel»

Von Stefan Strittmatter. Aktualisiert am 05.07.2014 29 Kommentare

40'000 Fans wohnten dem Metallica-Wunschkonzert in Basel bei – 21 Jahre nach ihrem letzten Auftritt am Rheinknie. Und manch einer wünschte sich die bösen Jungs von damals zurück.

1/14 Metallica statt FCB: 40'000 Zuschauer liessen sich das Gitarrengewitter im St.-Jakob-Park nicht entgehen. Es war das erste Rockkonzert im Joggeli seit zehn Jahren.
Bild: Dominik Plüss

   

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Die grosse Stadion-Uhr ist mit einem schwarzen Tuch verhängt, und von der Bühne her erschallt der Hochgeschwindigkeitsangriff «Battery» von 1986. Es scheint, als wollten Metallica am Freitagabend im Basler St. Jakob Stadion die Zeit anhalten. Noch gelingt es ihnen nicht, zu schwammig klingen die rasanten Riffs, zu wenig nagelnd die markante Doppelbassdrum von Lars Ulrich und zu leise der Gesang von James Hetfield. Doch bereits beim nahtlos angehängten «Master of Puppets» aus dem gleichen Jahr haben die Techniker den ausgelassenen Soundcheck nachgeholt, und Metallica klingen deutlich besser als noch vor fünf Jahren im Hallenstadion oder kurz davor in Jonschwil. Vor allem hat sich Bassist Robert Trujillo – neu dabei seit zehn Jahren – seinen Platz im dichten Frequenzspektrum der Band erkämpft. Das metallische Grollen seines Fünfsaiters bleibt selbst dann hörbar, wenn Hetfield und Lead-Gitarrero Kirk Hammett schwere Riffs pumpen, wie etwa im erbarmungslosen «Ride the Lightning».

Und der Klang ist entscheidend, setzen doch insbesondere die Stücke aus den frühen Jahren vorrangig auf überwältigende Soundwände. Die rhythmischen Details der verschachtelten Songstrukturen bleiben in einem Stadion von dieser Grösse naturgemäss auf der Strecke. Doch erwartet man von der erfolgreichsten Heavy-Metal-Band aller Zeiten auch keine Finessen. Und das mit gutem Grund: Das balladeske «The Unforgiven» kommt brüchig daher, es fehlen die zahlreichen Overdubbs der Studio-Version, Hetfields klassische Gitarre klingt komprimiert, und Ulrich schwankt beachtlich durch das Timing des verhältnismässig simplen Songs. So erreicht das deutlich von Ennio Morricone inspirierte Stück nicht einen Bruchteil seiner beabsichtigten Breiwandepik.

Gezähmter Frontmann

Einen schweren Stand hat auch «Lords of Summer». Der noch unveröffentlichte Song kann nicht auf den Wiedererkennungswert hoffen, obschon sich Metallica mit dem Galopp-Rhythmus und den Wechseln ins schwere Halftime nahe beim Eigen-Plagiat aufhalten. Zudem entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass sich ausgerechnet nach diesem Schlachtruf für den Sommer ein Regenschauer vom Himmel ergiesst. Immerhin weiss Hetfield den plötzlichen Wetterumschwung zu nutzen und stellt sich für die Gesamtdauer von «Sad but True» auf die Rampe in den strömenden Regen. Das ist Solidarität zu den Fans, welche die eingängigen Strophen des wuchtigen Shuffles aus voller Kehle mitsingen.

Doch ist es auch eine Art von Anbiederung, die man dem gross gewachsenen Frontmann nicht so recht abnehmen will. Als Metallica 1993 das letzte Mal im Basler Joggeli gastierten, schien sich Hetfield mehr auf das nächste Bier zu freuen als über die johlenden Fans. Mittlerweile hat der 50-Jährige seine Alkoholsucht im Griff, und es lässt sich nicht verleugnen, dass da ein anderer Mann auf der Bühne steht als vor zwei Jahrzehnten. Ging von ihm damals eine bedrohliche, dunkle Aura aus, so wirkt Hetfield jetzt gar kumpelhaft. Ansatzweise so oft wie er in den Songs «die!» oder «kill!» schreit – und das ist beileibe nicht selten –, so oft verkündet Hetfield in seinen Ansagen «Metallica loves you, Basel». Es fällt schwer, darin keinen Widerspruch zu sehen. Da kann sich Hetfield noch so lange demonstrativ in den Regen stellen: Man merkt dem Ex-Alkoholiker an, dass er mittlerweile trocken ist.

Skelette und Wettsingen

Richtig stimmig gerät am Freitagabend einzig der Dreierschlag aus «One», «For Whom the Bell Tolls» und «Whiskey in the Jar». Beim ersten, einem vielgliedrigen Kriegsheimkehrer-Epos, marschieren Gerippe über die imposante LED-Leinwand, im Anschlussstück singen Hetfield und 40'000 Fans eindrücklich um die Wette, und bei letzterem, einem von Thin Lizzy verrockten Trinklied, machen Metallica schliesslich keinen Hehl mehr daraus, dass sie längst eine Stadion-Band sind, die gute Laune verbreiten will.

Selbstverständlich dürfen die obligaten Hits «Nothing Else Matters» und «Enter Sandman» nicht fehlen, wie auch sonst die Setlist sich kaum von den vorigen Jahren unterscheidet. Dass die Fans die Songauswahl jeden Abend der «By Request»-Tour neu bestimmen dürfen, ist schliesslich auch nicht viel mehr als ein Werbegag. Schliesslich setzt sich bei diesem Online-Voting stets der Massengeschmack gegenüber den Insider-Wünschen durch. Angesichts der Abstimmungsergebnisse titelte ein grosses deutsches Metal-Magazin unlängst «Ihr Langweiler!» und meinte damit die Fans. Dass am Freitagabend bei der nachträglichen SMS-Abstimmung das sperrige Instrumental «Orion» noch nachrückte, lag einzig daran, dass sich nur 2000 Hartgesottene dazu verführen liessen, 80 Rappen pro SMS zu bezahlen.

Telemarketing-Show

Die Band stiftete ihre Fans mehrfach vor und während dem Konzert mit Balkendiagrammen dazu an, ihr «Bestes zu geben» – gemeint war wohl: ihr Geld –, was dem Konzert zuweilen die Aura einer Telemarketing-Show gab. Und auch wenn Metallica in Basel so satt spielten wie lange nicht mehr, so dürfte nicht jeder Fan wunschlos glücklich geworden sein bei diesem Wunschkonzert. Angesichts der anbiedernden bis seelenlosen Ausverkaufsshow wünscht man sich die böse Truppe von 1993 zurück. Die hatte immerhin eine schwarze Seele. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2014, 13:17 Uhr

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29 Kommentare

Max Muster

05.07.2014, 09:08 Uhr
Melden 87 Empfehlung 6

So nass war ich schon lange nicht. Toller Gig. Und so etwas in unserem basel :-) Antworten


michael thomas

05.07.2014, 12:00 Uhr
Melden 85 Empfehlung 9

Ein grossartiges Konzert von METALLICA. Basel rockt! Antworten



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