Kultur

Misstöne in der Musikszene

Von Stefan Strittmatter. Aktualisiert am 22.03.2012 2 Kommentare

15 Jahre BScene - ein Grund für einen Check auf Herz und Nieren. Wo fliesst bei diesem Szenefestival der Grossteil des Geldes hin?

Das Basler Band- und Clubfestival BScene hat die Basler Szene mitgeprägt - doch gerade in Sachen Kommunikation und Transparenz zuweilen auch für Unmut gesorgt.

Das Basler Band- und Clubfestival BScene hat die Basler Szene mitgeprägt - doch gerade in Sachen Kommunikation und Transparenz zuweilen auch für Unmut gesorgt.
Bild: Dominik Plüss

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Wie wichtig die BScene für die regionale Musik- und Clubszene ist, das zeigt sich nicht zuletzt, wenn man nach kritischen Stimmen forscht. Zwar muss man diese nicht lange suchen, doch der Satz, den man dabei am häufigsten zu hören bekommt, ist dieser: «Das darfst du jetzt aber nicht schreiben, ich will der BScene nicht schaden.»

Dennoch: Die Misstöne sind unüberhörbar, bei Bands und bei Clubbetreibern. Meistens geht es um fehlende Transparenz, um stockende Kommunikation – und um Geldfragen.

Seit ihrer ersten Durchführung 1997 hat die BScene – zusammen mit dem drei Jahre zuvor gegründeten Rockförderverein (RFV) – nicht nur Grosses dazu beigetragen, um aus Basler Bands und Clubs eine zusammenhängende Szene zu formen, sondern auch ein enormes Wachstum an den Tag gelegt. Was mit 45 Bands und 4000 Besuchern begann, hat sich über die Jahre zu einem Grossevent gemausert. 2012 soll erstmals die 10 000er-Marke geknackt werden, so Christoph Meneghetti, Programmverantwortlicher des Festivals.

Die Krux des Wachstums

Doch im Wachstum liegt auch die Krux: «10 Prozent mehr Publikum fühlen sich an wie 50 Prozent mehr Aufwand», so Meneghetti. Mehr Besucher bedeuten mehr Bands, mehr Bühnen, mehr Helfer, mehr Technik und damit unweigerlich höhere Ausgaben. Naheliegend, dass der einzelne Musiker, der an der BScene im Schnitt mit 100 bis 150 Franken honoriert wird, von denen er die Busmiete für den Materialtransport und allfällige Spesen selber berappen muss, stutzig wird, wenn im Anschluss ans Festival ein weiterer Besucherrekord verkündet wird.

Man muss weder das Budget kennen noch ein Genie im Kopfrechnen sein, um ein Missverhältnis zwischen Ticketeinnahmen und Bandgagen zu erahnen: Selbst vorsichtig gerechnet (mit 8500 Tageseintritten zu abgerundeten 15.– und mit 200 Musikern zu 150.–), übertreffen die Einnahmen die Musikerhonorare um das Vierfache. Und das, ohne die Sponsoring- und Unterstützungsbeiträge auf der Ertragsseite.

Wo also fliesst bei diesem Szenefestival der Grossteil des Geldes hin? Wer profitiert von der BScene? Ein detailiertes Budget wollte der Vorstand auf Anfrage vergangenes Jahr nicht herausrücken, und Nachforschungen bei Mitgliedern des Vereins BScene ergaben: Seit zwei Jahren fand keine Generalversammlung mehr statt, bei der die Jahresrechnung hätte genehmigt werden sollen.

Der Effekt der Werbung

Klärung brachten auch Gespräche mit einzelnen Veranstaltern nicht, deren Clubs Teil der diesjährigen BScene sind. Sandro Bernasconi von der Kaserne etwa widerspricht der als Gerücht kursierenden Vermutung, das subventionierte Konzertlokal berechne einen stattlichen Betrag: «Für die Kooperation mit der BScene nimmt die Kaserne Basel keine Miete», betont Bernasconi. Und selbst die zusätzlichen Arbeitsstunden von Security, Ton-, Licht- und Bühnentechnikern würden nicht in vollem Umfang in Rechnung gestellt.

Auch von einem anderen Veranstalter, der nicht namentlich genannt werden möchte, ist zu erfahren, dass sein Lokal während des zweitägigen Festivals nur die Hälfte des für Fremdvermietung angesetzten Betrages verdient. Dennoch: Ein Fernbleiben vom Grossevent mache keinen Sinn, da Musikveranstaltungen ausserhalb der BScene angesichts des grossen Angebots in diesen Tagen nur spärlich besucht würden. Am Basler Band- und Clubfestival, so das Zwischenfazit, verdienen also weder Bands noch Clubs.

Ja, und nein: Christoph Meneghetti bestätigt, dass die BScene ihren Musikern keine hohen Gagen zahlt, doch sieht er für die Bands einen ganz anderen Nutzen: «Der Werbeeffekt dieses Festivals ist nicht zu unterschätzen – für die einzelnen Bands wie für die Szene als Ganzes.» Zudem beliefen sich die Kosten für die Bands – Gagen, Suisa-Gebühren, Verpflegung und (im Falle der ausländischen Bands) Unterkünfte mit eingerechnet – auf einen guten Drittel der Gesamtausgaben, was bei Festivals dieser Grössenordnung durchaus der Norm entspricht.

Der Goodwill der Kreativen

Ein Blick ins Budget für die laufende Ausgabe, das der BaZ nach längeren Nachforschungen seit zwei Tagen endlich vorliegt, bestätigt diese Aussagen und gibt auch sonst Entwarnung: Niemand bereichert sich an der BScene. Verglichen mit der bislang letzten von der Mitgliederversammlung genehmigten Rechnung von 2009 wurden die «kritischen» Posten – Werbung, Grafik und Technik – drastisch gesenkt. Mit den Technikzulieferern wurden hohe Rabatte ausgehandelt, die Allgemeine Plakatgesellschaft (APG) verrechnet der BScene nur die Hälfte der genutzten Plakatstellen, und das neu verpflichtete renommierte Grafikbüro KreisVier arbeitet im Gegenzug für völlige kreative Freiheit im Rahmen eines Kultursponsorings gratis. «Natürlich verdienen sich die Bands an der BScene keine goldene Nase», greift BScene-Präsident Thom Nagy den Kritikpunkt auf, doch funktioniere ein Festival mit dermassen tiefen Ticketpreisen nur, wenn alle Beteiligten eine grosse Menge Goodwill zeigten.

Die Bands aus dem Ausland

Bleibt angesichts der Zahlen noch die Frage, ob es am Basler Szenetreffen überhaupt ausländische Bands braucht. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: In den Medien wurde dies oft kritisch hinterfragt, zumal die überregionale Wirkung, die man sich von den bekannteren Namen erhoffte, bislang ausgeblieben ist. Ein Blick in die detaillierte Aufstellung der Bandgagen, die der BaZ fürs vergangene Jahr vorliegt, zeigt: Bands, die nicht aus Basel kommen und entsprechend keine emotionale Bindung zur hiesigen Szene haben, lassen sich vom Goodwill-Gedanken weniger anlocken als von marktüblichen Gagen.

Man sei sich dieser Problematik bewusst, so Nagy, die Einbindung ausländischer Bands sei «ein Experiment, das seinen Nutzen noch zeigen muss». Immerhin bei Konzertagenturen sei die BScene mittlerweile zum Begriff geworden, so Meneghetti. Als Programmverantwortlicher habe er dieses Jahr erstmals auch ungefragt Angebote von internationalen Acts bekommen.

Wie hoch die effektiven Gagen für die dieses Jahr auftretenden Brooklyn-Soul-Truppe Lee Fields and the Expressions oder die Berliner Elektronik-Truppe I Heart Sharks ausfallen, tut nichts zur Sache. Sicher ist: Neben den (höheren) Gagen fallen anders als bei regionalen Bands noch Reisespesen und Kosten für Unterkünfte an. Auch angesichts von 300 regionalen Bewerbern für die rund 70 Auftrittsslots an der BScene bleibt die Frage nach Sinn oder Unsinn für die Verpflichtung von Bands aus dem Ausland weiterhin offen.

Es ist unbestritten, dass die BScene gut daran tut, ihren Ruf in die Restschweiz und ins grenznahe Ausland tragen zu wollen, ist sie doch eine gelungene Werkschau einer lebendigen und vielschichtigen Musikszene, der es weder an kreativen Musikern noch an interessiertem Publikum mangelt – wohl aber an Beachtung auf dem (inter-) nationalen Parkett.

Vor diesem Hintergrund ist die (nach dem letzten Jahr) erneute Terminkollision mit der zeitgleich in Zürich stattfindenden Musikmesse m4music mehr als ein Schönheitsfehler.

Auch für Tobit Schäfer, Geschäftsleiter des RFV, ist dies ein grosser Kritikpunkt. Zum einen, weil er der «grössten Plattform für regionale Musiker» mehr Beachtung durch wichtige Branchenvertreter des nationalen Musikbusiness wünscht. Zum anderen, weil der RFV als Presenting Partner, der die BScene mit jährlich 25 000 Franken unterstützt, dem Basler Festival teilweise fernbleiben muss, um in Zürich die Basler Szene zu repräsentieren. Bereits zum zweiten Mal konnten dort – dieses Jahr mit The bianca Story und Static Frames im Rahmen der Eröffnung in Lausanne – Basler Bands auf einer Live-Bühne platziert werden.

Auch für Meneghetti ist die Terminkollision ein grosses Ärgernis, zumal man sich im Vorfeld diesbezüglich extra abgesprochen habe. Philipp Schnyder von Wartensee vom m4music erklärt, dass der Termin der Veranstaltung im Zürcher Schiffbau erst im vergangenen Herbst festgelegt werden konnte – so dicht sei die Veranstaltungsdichte in dem vom Schauspielhaus vermieteten Gebäude. Zu kurzfristig, um für die BScene ein Ausweichdatum zu finden, das nicht mit den Messen oder den Osterferien zusammenfällt, wie Meneghetti sagt.

Und Nagy ergänzt, dass der organisatorische Aufwand, mit neun Clubs und 70 Bands ein neues Datum zu finden, nicht binnen nützlicher Frist zu bewältigen sei. Schon letztes Jahr habe man aber in Zürich die Daten für die BScene bis ins Jahr 2013 platziert.

Der Blick in die Zukunft

Besserung soll es bei der BScene auch in Sachen Kommunikation und Transparenz geben. Nagy räumt im Gespräch mit der BaZ bereitwillig Fehler bezüglich dieser Punkte ein. Auch die versäumten Mitgliederversammlungen sollen nachgeholt werden. Da niemand im ehrenamtlich arbeitenden Vorstand grosse Lust habe, sich inskünftig mit den Tausenden von Rechnungen herumzuschlagen, prüfe man zudem für die unmittelbare Zukunft eine Externalisierung der Buchhaltung.

Unabhängig von den BaZ-Recherchen haben RFV und BScene noch kommenden Monat ein gemeinsames Gespräch anberaumt. Vorerst steht für alle Beteiligten eine erfolgreiche Durchführung der 16. BScene-Ausgabe dieses Wochenende im Vordergrund. Auf dass sie ein Erfolg werde und die Misstöne endgültig verstummen.

BScene 2012, diverse Bühnen in Basel. Fr, 23. und Sa, 24. März. www.bscene.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.03.2012, 15:53 Uhr

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2 Kommentare

Lyne Schnoz

22.03.2012, 21:53 Uhr
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Abgesehen von den Inhalten des Artikels, finde ich eines eigentlich wirklich schade. Das die Baz als grosse Basler Zeitung ein Basler Musikfest ein Tag vor Festivalantritt mit einem Artikel Misstöne verbreiten muss. Kein Berner würde ein Tag vor Gurtenfestival rummurren. Stattdessen beachten wieviel arbeit in solch einer Organisation steckt. Ich freue mich auf zahlreiche Konzerte und danke dem OK! Antworten


Thomas Baumgartner

23.03.2012, 11:46 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Danke für diesen Artikel. Hier wurde ein Thema ausgedeutscht, welches schon lange in der BS Szene rumort. Ich habe bei der 1.Bscene vor 15 Jahren bereits gespielt war bis dato viele weitere Male mit diversen Formationen mit dabei. Was anfangs ein charmantes Clubfestival war hat sich mittlerweile zu einem Partymonster entwickelt, bei welchem die Bands leider mehr und mehr auf der Strecke bleiben. Antworten



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