Musik auf der Datenwolke im Cyberspace?

Die Musikindustrie wird von überall her angegriffen. Hat sie resigniert? Immerhin einer – ein heimlicher Star – hat den Mut nicht verloren.

Auf welchen Kanälen wird ihr Produkt gewinnbringend verkauft? Beyonce an einem Konzert in Berlin.

Auf welchen Kanälen wird ihr Produkt gewinnbringend verkauft? Beyonce an einem Konzert in Berlin.
Bild: Keystone

Lebt ganz gut mit den aktuellen Zuständen: Marek Lieberberg.

Lebt ganz gut mit den aktuellen Zuständen: Marek Lieberberg. (Bild: Keystone)

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Der Beifall ist seit drei Tagen ein rares Gut im Auditorium Debussy des Palais des Festivals in Cannes. Hier hat sich diese Woche im Rahmen der Midem die Musikindustrie einquartiert, um in Diskussionsrunden über den Zustand der Branche zu sinnieren und darüber, wie mit dem einst so einträglichen Medium Musik wieder Geld zu machen sein könnte.

Jener, der dann doch zum heimlichen Star wird und einen Szenenapplaus nach dem andern erntet, fällt auch optisch ein bisschen aus dem Rahmen der Out-of-bed-Frisuren tragenden Branchen-Kreativköpfe. Marek Lieberberg, einer der führenden Konzertveranstalter Deutschlands, sieht aus wie ein zufriedener Rentner, und auch die Dinge, die er sagt, muten an wie aus einer anderen Welt: «Wir müssen die Musik wieder zurück in die Herzen und ins Bewusstsein der Leute bringen», spricht er mit Nachdruck ins Konferenzmikrofon. «Trotz allem Brimborium hat die Musik ihre Funktion als Bühne gesellschaftlicher, politischer und sexueller Sehnsüchte eingebüsst. Wir dürfen die Musik nicht mehr weiter bloss zur Befriedigung irgendwelcher Shareholders produzieren und vermarkten, sonst wird es mit uns weiter bergab gehen.» Es ist beileibe keine neue Erkenntnis, die Marek Lieberberg hier kundtut, doch in einem Diskussionsmarathon, in dem der Term «Monetizing» (Geld schöpfen) für jeden möglichen und unmöglichen Randbezirk der Musik zum Motto gemacht wird, mutet das Plädoyer des älteren Herrn geradezu fantasiereich an. Und Fantasie wird die serbelnde Musikindustrie noch gut gebrauchen können.

Schöne alte Welt

Wie einfach war sie doch, die Musikwelt von vor dreissig Jahren. Das Medium war handlich unterteilt in U- und E-Musik, als Tonträger diente das Vinyl, die grossen Plattenfirmen konnten zur Bewerbung ihrer Künstler auf die Radios vertrauen und auf den Einzelhändler, der die Alben ins Schaufenster stellte. Heute weiss die Branche nicht einmal mehr, auf welchem Medium sie ihre Musik platzieren soll, ob auf Telefonen, Digitalplattformen, Formatradios oder CDs. Oder soll sie sie auf einer Datenwolke im Cyberspace zur Verfügung stellen, über einen Satelliten, oder doch wieder auf Vinyl – und natürlich am besten überall gleichzeitig. Werbung müsste sie im Grunde für jeden Künstler individuell betreiben, sei es in den Tausenden von Internet-Blogs, in den sozialen Netzwerken, mittels Konzerten oder über Funk, Film und Fernsehen. Da dazu das Geld fehlt, delegiert man den Bereich der Popularitätsmehrung und Kundenbindung derzeit lieber wieder an den Künstler, der ohnehin längst vom blossen Musikerfinder zum kleinen Multimediaunternehmer avanciert ist.

Möglichst viele Spuren

Von ihm wird – ob er nun bei einem Label unter Vertrag ist oder nicht – Mannigfaltiges gefordert: Der Musiker soll für den Fan über Facebook, Twitter und neuerdings auch über Apps auf Tablet-Computern oder Handys jederzeit besuchbar sein, soll jeden Tag Filmchen und Zustandsberichte über sich online schalten und doch seinen Nimbus als Star nicht einbüssen. Ausserdem sollte er für jeden erdenklichen Blog Remixe von seinen Stücken anfertigen lassen, denn in einer demokratisierten Musikwelt, in der jeder das Netz mit seiner Musik füttern kann, ist es für den Künstler überlebenswichtig geworden, dass in den Foren der Musikinteressierten über ihn gesprochen wird. Eine Aufgabe, für die bereits ein neuer Berufsstand in der Musikbranche geschaffen worden ist: Firmen bieten dem Musiker oder dem Label gegen gutes Entgelt an, im Internet Spuren zu hinterlassen. Andere tun dies selber: Der Manager der Sängerin Imogen Heap (die einstige Gastsängerin des Berner Bassisten Mich Gerber) verrät in einem Forum, dass drei Leute tagtäglich mit nichts anderem betraut sind als Frau Heap im Netz bekannt zu machen und den Kontakt mit den Fans zu pflegen. Diese ist tatsächlich zum Star geworden und tourt selbst in Ländern erfolgreich, in denen kaum eine Plattenfirma ein Promo-Büro eingerichtet hat.

Lernen vom Facebook-Bauern

Irgendwann geht ein kollektiver Seufzer durch die Runde des Auditoriums, als ein Referent am Beispiel des Facebook-Games «Farm Ville» ausführt, wie die Musikindustrie von anderen Branchen lernen könnte: Das Spiel – eine Art Agrar-Tamagotchi – ist gratis, die Benutzer betreiben über Handy oder Computer ihren eigenen kleinen Bauernhof, melken Kühe und pflanzen Gemüse an. So weit, so idyllisch. Da die virtuellen Pflänzchen indes besser gedeihen, wenn das Feld mit einem Traktor beackert wird, ordern die Facebook-Bauern pro Tag 800 000 virtuelle Traktore, und weil dies dann nicht mehr gratis ist, bescheren sie dem Spielhersteller einen jährlichen Gewinn von 200 Millionen Dollar. Einnahmen, die auch der Musikindustrie winken, sofern sie doch nur endlich den bahnbrechenden Einfall gebären täte.

Die Lehre ist: Wenn die Kunden von einer Idee begeistert sind, geben sie dafür auch Geld aus. Und so grassiert an der Midem 2010 der ungestillte Monetizing-Wahn. Niemals mehr soll der Vorwurf erhoben werden, die Musikbranche verschlafe den Zeitgeist wie dereinst beim Internet: So ähneln sich die Slogans: «Monetize den iPad», «monetize den japanischen Markt», «monetize das Konzertbusiness» (wo neuerdings der Konzertbesucher nach dem Auftritt einen USB-Stick abholen könnte, auf dem das eben Gesehene für den PC aufbereitet ist). Und warum nicht auf dem «Farm Ville»-Bauernhof eine Party-Scheune errichten, um den User dazu zu bringen, diese gegen Geld mit Musik zu füllen?

Die Ideen von jüngst

Das einzige, was den neuen Kreativ-Elan etwas brechen könnte, ist die Erkenntnis, dass selbst gute Ideen von jüngst längst von der ungünstigen Realität ramponiert worden sind. Vor einigen Jahren wurde etwa das Modell der 360°-Musikfirma als heilbringende Idee zur Rettung der Industrie propagiert. Da mit dem CD-Verkauf kaum mehr Geld zu machen war, sollten die Plattenfirmen an allen Einnahmen der Künstler beteiligt werden und im Gegenzug das Booking der Bands organisieren, die digitalen Rechte vermarkten, Management, T-Shirt-Verkauf, Label und Vertrieb übernehmen. Ein Modell, das sich nur in ganz wenigen Fällen auch wirklich durchgesetzt hat. Die grossen Firmen erkannten bald, dass ihnen die Kompetenz und die Kapazität fehlen, um beispielsweise im hart umkämpften Live-Sektor Fuss zu fassen, und überliessen diesen Bereich dann doch lieber dem Branchenkenner. Einzig in Japan – dem zweitgrössten Musikmarkt der Welt – hat man das Konzept der 360°-Firma konsequent umgesetzt und sogar um mindestens weitere 360 Grad erweitert. Sony Music Japan setzt sich heute aus dreissig Firmen zusammen – vom Musikmagazin übers Radio bis hin zum Aufnahmestudio –, und das Unternehmen hat sich im letzten Jahr tatsächlich wieder zum Markt-Leader aufgeschwungen.

Konkurrenz droht von überall

Etwas ernster sieht die Lage derweil in den USA aus, wo die Musikindustrie definitiv Gefahr läuft, die Zügel aus der Hand zu verlieren: Dass der digitale Markt längst von Apple beherrscht wird ist das eine, doch Konkurrenz droht neuerdings von überall. So ist zum Beispiel die Autorenn-Serie Nascar zum grossen Musikanbieter arriviert, weil sie damit aufgehört hat, die Musik für ihre Anlässe und Kampagnen bei der Plattenfirma einzukaufen und dafür bei jeder Ausstrahlung Urhebergebühren zu bezahlen. Heute geht Nascar die Musiker direkt an, lässt sich von diesen Musik produzieren und bringt diese gewinnbringend unter die Leute. Ähnlich verhält sich Starbucks: In Amerika braut dieses Unternehmen längst nicht mehr nur Kaffee, sondern gibt auch Musik heraus, die in den zahlreichen Filialen gespielt und verkauft wird.

Und auch eine andere schöne Idee aus dem Lager der Musikanten ist dabei, sich in Rauch aufzulösen: Vor einiger Zeit kamen die Musikschaffenden zur Erkenntnis, dass ihnen die Labels in ihrem besorgniserregenden Zustand nichts mehr zu bieten haben, was sie nicht auch selber tun könnten. So gründeten viele von ihnen eigene Pro-Forma-Plattenfirmen und boten ihre Tonträger direkt den Vertrieben an. Ein schönes Modell eigentlich, die Musiker verdienten an einer verkauften CD auf einmal zwölf statt nur zwei Franken, doch auch diese Idee scheint an den harten Realitäten zu zerbrechen. Die Vertriebe sind überfordert, für jedes der aus dem Boden schiessenden Kleinstlabels eine Buchhaltung zu führen, und schliessen keine derartigen Verträge mehr ab.

Wohin die gute alte Musikindustrie driftet, ist auch nach der diesjährigen Midem nicht klarer. Nach Jahren der Orientierungslosigkeit ist die Gefahr indes erheblich, dass sie ob all der neuen Chancen und verlockenden Herausforderungen endgültig die Übersicht verliert. (Der Bund)

Erstellt: 30.01.2010, 10:30 Uhr

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