Kultur

Rammstein: Erlaubt ist, was gefällt

Von Jean-Martin Büttner, Basel. Aktualisiert am 20.11.2009 20 Kommentare

Sie führten ein grausames Theater auf und auch ein schrecklich komisches: Rammstein in Basel, im Konzert und im Gespräch.

1/7 Rammstein gilt als Wegbereiter der «Neuen Deutschen Härte». Das zeigt sich auch in den Texten...
Bild: Keystone

   

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Paul Landers

Der 44-jährige Berliner ist Gitarrist von Rammstein und stiess kurz nach der Bandgründung dazu. Sein erstes Geld verdiente Landers als Heizer in einer Bibliothek.

Nach etwas über einer Stunde wird Brecht zitiert. Wie es sich für eine Band aus der ehemaligen DDR gehört. Feuerwalzen und Rauchpetarden hat man überstanden, Laserblitze und das Flackern der Scheinwerferbatterien, blutrot und kerkerweiss. Abgeschossen in der grauen Basler St.-Jakob-Halle, die aussieht wie ein SED-Kongress. Und man hat die Lieder vernommen, die man von Rammstein kennt, brünstige Verse über Jagd und Qual, Sex und Tod, von Sänger Till Lindemann mit grollendem Bariton und Lümmelgesicht vorgetragen. Und von seinen Kollegen begleitet mit zahnradpräzisem Spiel. Keine Soli, keine Ansagen, kein Moment der Langeweile: Reduce to the max.

Das Konzert ist seit Monaten ausverkauft, die Leute haben viel dafür bezahlt. Sie haben über eine Stunde lang gelacht, gejubelt und im passenden Moment Arme, Handys und Biergläser hochgestemmt. Und sie haben die Zeilen mitgesungen, in denen Lindemann das Grauen besingt und den Schmerz mit Goethe dekoriert: «Erlaubt ist, was gefällt.» Als er noch den Brecht der «Dreigroschenoper» parodiert, im Stück «Haifisch» aus dem neuen Album mit dem Refrain «Und der Haifisch, der hat Tränen / und die laufen vom Gesicht / doch der Haifisch lebt im Wasser / so die Tränen sieht man nicht» –, spätestens dann muss dem Besorgtesten klargeworden sein, dass Rammstein ihre Grausamkeiten als Theater aufführen und die Parodie des Genres mitliefern, für das sie so gescholten werden.

Impotenz auf Männerstolz

Denn auf Männerstolz folgt bei ihnen unweigerlich Impotenz, ihre Posen sehen aus wie ein Comic, die Choreografie steigert die Aufführung ins Groteske. Und selbst wenn die Band, wie auf ihrem Skandallied «Pussy», hemmungslos den Trieben frönt, tut sie es auf ihre Art: «Schönes Fräulein, Lust auf mehr», singt Lindemann, «Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr.» Dazu karrt er eine Betonmischmaschine auf die Bühne, die Flockiges in die Menge speit. «We are living in Amerika, Amerika ist wunderbar», skandieren sie gegen Schluss, dazu regnet es Konfetti: schwarz, rot und golden. Nach über anderthalb Stunden wünscht Lindemann allen einen schönen Abend. Matt und heiter strömt die Menge aus der Halle.

Schock mit Goethe, Märsche und Witze, Gewalt als Fantasie: Was fasziniert die sechs Deutschen am Schrecken, den sie besingen? Warum werden sie so gerne missverstanden? Vor dem Konzert trifft man den Gitarristen Paul Landers, 44 Jahre alt, geboren in Ostberlin. Für das Interview wird im Hallenkeller eine Abstellkammer aufgeschlossen, mit kahlem Tisch unterm Neonlicht. Landers lacht. «Wie ein Verhörraum», sagt er.

Paul Landers, worauf hofften Sie, ein junger Musiker aus Ostberlin, als die Mauer fiel?
Mein Traum damals war: Einmal mit Flugzeug und Gitarrenkoffer zum Konzert zu reisen. Das habe ich mir gewünscht, und wir haben es geschafft. Was ich mir nicht vorstellen konnte: Dass wir in Frankreich spielen und 15'000 Leute unsere Texte mitsingen – auf Deutsch.

Ohne die DDR-Erfahrung, haben Sie einmal gesagt, hätte es Rammstein nicht gegeben. Wie meinten Sie das?
Als Punks standen wir in der DDR öfter mal mit einem Bein im Gefängnis, wir sind immer knapp daran vorbeigeschrammt. Dann war die Mauer weg, und wir aus dem Osten kamen uns plötzlich albern vor, geradezu lächerlich. Bis wir merkten: Wir brauchen eine Obrigkeit, die wir herausfordern können. Aber die war mit dem Mauerfall weggebrochen, und im Westen war überhaupt nichts zu holen. Um uns weiter wohlzufühlen, brauchten wir aber den Ärger. Im Osten war das leicht gewesen, im Westen ein bisschen schwerer. Also suchten wir uns eine andere Herausforderung. Seither gehen wir an den Rand des Erlaubten; wir kratzen an der Gesellschaft.

Ihr letztes Album kam in Deutschland auf den Index, vor allem wegen «Ich tu dir weh», einem Lied über Masochismus. Sie haben sich über das Verbot beklagt. Dabei gehört es doch zu Ihrem Marketing. Ihre neue Platte führt die Hitparaden an, es läuft alles bestens.
Das stimmt nur zum Teil. Für unsere erste Single haben wir ein Video gedreht, bei dem wir genau wussten, dass das Fernsehen das nicht zeigen durfte. Zu diesem Song gibt es ein ganz normales Video, bei dem wir das Stück einfach spielen. Jetzt stört aber nicht die Aufführung, sondern der Text. Das haben wir so nicht gewollt.

Der Text ist ja nicht zu ertragen.
Er bringt starke Bilder, das stimmt. Aber was wir besingen, heissen wir noch lange nicht gut.

Ab wann wird Schund zur Kunst?
In der Kunst ist viel mehr erlaubt, als einer blöden Rockband zugestanden wird. Wir sind offenbar keine Künstler, sondern nur stumpfe Brachial-Rocker aus Ostberlin, die nix gemerkt haben. Und vor denen man die Welt schützen müsste.

Immerhin sagt Katharina Wagner, Ko-Leiterin der Bayreuther Festspiele, dass sie Ihre Musik sehr schätze.
Wir haben sie getroffen, sie ist eine sehr nette Frau. In Bayreuth würden wir natürlich gerne spielen.

Was besagen die Obsessionen von Rammstein über die Gesellschaft?
Die Zeitung «Bild» titelt «Mann ass Kind auf», das ist für die Gesellschaft offenbar etwas anderes, als wenn eine Band singt: «Mann isst Kind». Vor allem auf Deutsch. Ein zerfetzter Körper in der Zeitung gilt als Information, wobei wir alle wissen, dass die Sensationslust eine enorme Rolle spielt. Wenn wir von solchen Dingen singen, gilt es als unausstehlich und ekelerregend. Was erlaubt ist und was nicht, wird zur Frage der Perspektive. Unsere Aufgabe, nein, Quatsch: Unser Tun besteht darin, solche Grenzen auszuloten. Dabei wird der Humor in unseren Liedern oft überhört, was uns immer wieder erstaunt.

Denken Sie nicht, dass vor allem jüngere Fans Ihre Provokationen als Aufruf missverstehen könnten?
Man sollte die Fans nicht unterschätzen. Wenn ich mir die Internetforen über uns ansehe, merke ich: Die verstehen ganz genau, wie wirs meinen. Die sind viel schlauer, als die Behörden denken. Oder die Journalisten.

Sie setzen in Ihren Shows viele Effekte ein, was die Spontaneität der Aufführung hemmt. Wird das auf die Dauer auf einer Tournee nicht langweilig?
Früher, als wir noch Punk spielten, diskutierten wir auf der Bühne nach jedem Stück, was wir als Nächstes spielen würden. Das hat die Stimmung kaputtgemacht. Der Abend wird schöner, wenn man die Spannung aufrechterhalten kann. Das ist wie beim Sex. Deshalb schreiben wir so viel fest, wie wir können. Es ist wie bei der Geisterbahn: Links faucht der Drache, rechts klappert das Skelett. Das haben wir gern, diese klare, kontrollierte Abfolge; da sind wir ganz deutsch.

Eines der Stücke auf dem neuen Album heisst «B********». Was singt Till Lindemann da genau?
Er singt genau das, was Sie hören wollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2009, 08:50 Uhr

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20 Kommentare

Chris Schmid

20.11.2009, 10:52 Uhr
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Die Verblödung der Menschheit schreitet ungebremst fort. Je respektloser und dreckiger was ist, desto mehr "Kunst" soll das sein. Tja... Technologisch fortgeschritten und sophistiziert, moralisch und menschlich bald tiefer als das Tier. Aber noch ein paar wenige Jahre, dann ändert sich einiges gewaltig... Antworten


Emil Roduner

20.11.2009, 07:46 Uhr
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Kunst kann und muss manchmal provozieren. Manche Leute scheinen aber zu denken, dass Provokation automatisch Kunst ist. Dann ist wohl etwas gründlich missverstanden worden. Antworten




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