Kultur
Rock im roten Bereich
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 11.06.2011 11 Kommentare
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Das Naturereignis ist für einmal nicht die stolze Heimwehfluh oder das übrige Gebirge, von dem Interlaken eingekesselt ist. Nein, das Naturereignis trägt den Namen Taylor Hawkins, ist Schlagzeuger der Gruppe Foo Fighters und fletscht ab Minute zehn des fast zweistündigen Auftritts die Zähne, als bewege er sich bereits hoch im roten Bereich. Er unterschreitet dieses Level nicht mehr. Es liegt nicht an diesem Hochleistungstaktgeber, dass der Auftritt der Foo Fighters am Greenfield Festival nicht zum Ereignis wird, von dem man ein «Ich war dabei»-T-Shirt tragen möchte.
Nahe an der Belanglosigkeit
Die Foo Fighters sind die Konsens-Rock-Band der Stunde, und nach der Darbietung auf dem Bödeli ist auch klar weshalb. Hier wird Wertarbeit geleistet, auf die sich alle einigen können. Alles bewegt sich im roten Bereich, und gleichzeitig schrammt alles haarscharf an der Belanglosigkeit vorbei. Vieles ist rau und kantig, aber richtig wehtun soll es dann doch nicht. Wäre da nicht diese Inbrunst, mit der die sechs Mannen ihr Liedmaterial auspacken, es würde nicht sonderlich viel in Erinnerung bleiben von diesem finalen Konzert des ersten Festivaltages in Interlaken.
Die Stimmung unter den rund 25 000 Schaulustigen bleibt denn auch auffällig verhalten, selbst die irischen Party-Punker von Flogging Molly oder der DJ im Jack-Daniel’s-Zelt haben zuvor imposantere Begeisterungsstürme entfacht als die Band um den musikgeschichtsträchtigen Mann am Mikrofon. David Grohl, die Kühlerfigur der Foo Fighters und einst Schlagzeuger der Grunge-Ikonen Nirvana, wurde mit Argwohn und Zweifeln verfolgt, als er 1995 seine eigene Band ins Leben rief – bloss ein Jahr nachdem Bandkollege Kurt Cobain sich ins Nirwana befördert hatte.
Währschaft-zupackende Rocknummern
Wie Cobain liegt auch David Grohl daran, nette Melodien mit dichten Stromgitarren zu kontrastieren, doch es gelingt ihm bis heute nur selten, über das Mass der währschaft-zupackenden Rocknummer hinauszukommen. In der Ballung eines zweistündigen Konzerts nutzt sich die Wucht bald ab, und trotz unantastbaren Songs wie «All Of My Life», «Best Of You» oder «Rope» fühlt man sich bald einmal an einen Westernfilm erinnert, in dem derart viel geschossen wird, dass irgendwann nicht mehr ganz klar ist, auf wen und was da genau gezielt wird.
Tankian und seine Art der Unterhaltung
Wie man den Begriff Rockmusik auch auslegen könnte, zeigt am selben Abend die Gruppe System Of A Down: Innerhalb weniger Takte werden hier Rhythmus- und Stimmungsbrüche angezettelt, bitterer Ernst wechselt ansatzlos in süssen Klamauk, Death Metal in Stadionrock. Hier wird Rockmusik zur zappaesken Eskapade. Der armenischstämmige Sänger Serj Tankian bewegt sich wie ein kaukasischer Unterhaltungssänger, doch seine Art der Unterhaltung ist eine höchst irritierende: Schönheit reibt sich an schroffem Bombast, Hochpolitisches an niederträchtigem Schund. Fünf Jahre hat die Band pausiert, um nun ohne neues Songmaterial an ihre besten Zeiten anzuknüpfen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.06.2011, 06:39 Uhr
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11 Kommentare
Ich war dort und kann mich der Meinung nicht anschliessen. Die Stimme liesse sich kritisieren, schreien kann er gut. Und warum wird vom Rest nichts berichtet? Ich denke, wenn man das ganze Open-Air als nicht geschichtsträchtig taxiert, so ist dem so. Trotzdem hat sich der Besuch gelohnt und das Wetter war bis Freitagabend auch ok. Antworten

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