Kultur

Schöne englische Verzweiflung

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 22.09.2011 44 Kommentare

Pink Floyd geben ihr Gesamtwerk neu heraus. Eine kritische Hommage an eine ungewöhnliche Erfolgsband.

1/12 «The Wall» live: Eine riesige Gummipuppe hängt über der bröckelnden Mauer am Pink-Floyd-Konzert vom 22. Juli 1990 anlässlich der Maueröffnung in Berlin. (22. JULI 1990)
Bild: Keystone

   

Veröffentlichungsdaten von EMI

23. September 2011
Alle 14 remasterten Studioalben in Discovery-Editionen, Boxset der 14 Werke inklusive Fotobuch, Audio-Downloads,
«The Dark Side of The Moon» als Immersion- und Experience-Editionen, auf Vinyl-LP und digital.

4. November 2011
«A Foot In The Door - The Best of Pink Floyd» auf Einzel-CD,
«Wish You Were Here» in diversen Editionen.

24. Februar 2012
«The Wall» in diversen Editionen.

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Roger Waters, der zweite Chef der Band, sagte es mit Selbstironie: «Wir nudelten eine halbe Stunde lang um A-Dur und e-Moll herum und fanden dann, das gibt wieder fünf Minuten für das neue Album her.» Mit dieser Methode entstand zum Beispiel die mehrteilige Suite «Echoes» von 1971, deren erste Version, auch das nicht ohne Ironie, «Nothing» hiess. Das fertige Stück ist von grosser, schwerer Schönheit, aber vom Schönen später.

Zunächst: Pink Floyd, das englische Studentenquartett, hat nie durch musikalische Virtuosität brilliert. Ihren ersten Songschreiber, Sänger und Gitarristen Syd Barrett verlor die Band schon nach dem ersten Album von 1967, als er sich in einer Psychose abhandenkam. Auf dem Titelstück von «Atom Heart Mother» spielte die Rhythmusgruppe den Takt dermassen unstet, dass das später eingespielte Orchester gezielt verlangsamen und beschleunigen musste. Beim Stück «Shine on You Crazy Diamond» sang Roger Waters jede Zeile einzeln, weil er die Töne sonst nicht getroffen hätte. Die Solodarbietungen der Bandmitglieder auf dem zweiten Teil von «Ummagumma» müssen als Verbrechen auf Schallplatte bezeichnet werden. Das sieht die Gruppe, die nie mit Selbstkritik gespart hat, ganz ähnlich.

Weltberühmte Niemande

Mit ihrer harmonisch und metrisch simplen Musik vertonte die Gruppe Texte von Roger Waters, die zunehmend von Einsamkeit, Angst, Gier, Wahnsinn, Sadismus, Krieg und Tod durchsetzt waren. Interviews gaben die Musiker kaum, sie verachteten die Musikpresse und wurden von ihr ignoriert oder attackiert. Auf der Bühne standen sie reglos herum, uncharismatische Niemande. Je grösser die Hallen, desto tiefer der Graben zwischen Musiker und Fans.

Und doch: Man kennt diese Musik wie im Traum, man könnte die Texte singen, wenn man singen könnte. Und ist dabei nicht allein: Pink Floyd haben bis heute über 200 Millionen Platten verkauft. Ihr Konzeptalbum «The Dark Side of the Moon» hielt sich von 1973 bis 1988 in den amerikanischen Charts. In den Wochen nach dem letzten gemeinsamen Auftritt, am 2. Juli 2005 beim Live-8-Festival von Bob Geldof, verkauften sich ihre Platten wie verrückt. Schliesslich wird die Gruppe, so lange Inbegriff alles Uncoolen, von so unterschiedlichen Bands wie Radiohead, Flaming Lipps, Foo Fighters, The Mars Volta, Gorillaz oder Nine Inch Nails als Inspiration genannt.

«Why Pink Floyd?», fragt ihre Plattenfirma EMI, die das Gesamtwerk morgen in sorgfältig neu gemasterten, opulent bebilderten und vielfach abgestuften Versionen neu herausgibt, garniert mit verschiedenen Mixes, exzellenten Konzertaufnahmen, zumindest interessanten Demoversionen und Songvarianten. Was also macht die Musik dieser Gruppe aus? Einerseits ihr intensives Verhältnis zu Raum und Klang. Und dann die zeitlupene Vertonung in einer schimmernd schönen Musik der Melancholie, einer perfekt abgemischten, zutiefst englischen Verzweiflung. «Hanging on in quiet desperation is the English way», heisst eine ihrer berühmtesten Zeilen.

Singende Architekten

Drei der vier Gründungsmitglieder lernten sich in London als Architekturstudenten kennen. Etwas von ihrem intellektuellen Interesse an der Gestaltung von Räumen hat sich auf die Musik ausgewirkt: Struktur, Aufführung und Inszenierung. Pink Floyd führten ihre Musik von Anfang an auf, wollten sie als räumliches und optisches Erlebnis zur Wirkung bringen. Sie liessen ihre länglichen Improvisationen quadrofonisch um die Konzerthalle kreisen, projizierten organisch fliessende Muster auf den Bühnenhintergrund, setzten Trockeneis, zuckende Lichtbatterien, Filme und fliegende Objekte ein.

Die Covers ihrer späteren Platten, vom Grafikerduo Hipgnosis entworfen, zeigen weder die Musiker noch den Gruppennamen und fielen durch eigenwillige Gestaltung und Motive auf. Bei ihrem ersten Konzertfilm von 1971 liess sich die Band vor den Statuen und Ruinen der Vergangenheit eindrücklich abfilmen: in einem leeren Amphitheater von Pompeji. Pink Floyd, schrieb der «Melody Maker», komponiere den Soundtrack imaginärer Filme.

Von Beginn weg wurde die Band als Vertreterin eines psychedelischen Undergrounds gefeiert, der aus halluzinatorischen Erfahrungen Musik machte: LSD zum Hören. Dabei zogen die Musiker Bier und Nikotin vor. Und interessierten sich mehr für Fussball, Golf und Monty Python als für die Glücksdämmerung im Zeitalter des Wassermanns.

Träumerische Eleganz

Die erste Platte lebt von den quecksilbrigen Popsongs des Syd Barrett, die heute noch genauso fragil und bedrohlich klingen wie damals. Sein Ausfall zwang die Band zur Umorientierung; dabei etablierte sich Waters als Texter und Konzeptualist, Gilmour als Sänger und inspirierter Melodiker.

Auf den nächsten Platten entwickelte das Quartett eine lose strukturierte, melodisch gefällige Musik von träumerischer Eleganz. Das neue Mastering macht Konturen, Nuancen und Klangfarben von Alben wie «Saucerful of Secrets», «Meddle» oder dem unterschätzten, in nur einer Woche komponierten und aufgenommenen Soundtrack «Obscured by Clouds» neu erfahrbar. Auch das spätere Material profitiert sehr von der Nachbehandlung. Die Musik von «Animals» klingt viel weniger schrill, die Klangwärme von «The Wall» macht die Düsterkeit von Text und Musik erträglicher. Ungeniessbar bleiben das von Waters dominierte «The Final Cut» und die beiden letzten ohne Waters veröffentlichten Studioalben: bitter das eine, seicht die anderen. Offensichtlich brachte das Ganze mehr als seine Teile; diese Musik lebt von den Spannungen, an denen die Musiker zerbrachen.

Das gezielte Wiederhören macht bewusst, wie geschickt sie ihre musikalischen Defizite kompensierten. So erhoben sie die Langsamkeit zum Prinzip und spezialisierten sich auf den sorgfältigen Einsatz von Klängen und Effekten. Dazu gehört der einsame, über einen rotierenden Lautsprecher verstärkte Klavierton zu Beginn von «Echoes»; das kristallene Arpeggio von Gilmour bei «Shine on You Crazy Diamond»; der pulsierende Bass von «One of These Days»; der Kinderchor auf «Another Brick in the Wall», die singenden Liverpool-Fans am Schluss von «Fearless».

Immer häufiger mengten die Musiker bedrohliche Stimmen und Geräusche bei. Am besten gelang das auf ihrem Meisterwerk «The Dark Side of the Moon» von 1973, das Alltagsgeräusche bruchlos mit der Musik legierte. Wecker scheppern, Münzen klingen, Schritte hallen, Frauen schreien, irres Gelächter ist zu hören, wispernde Stimmen erzählen davon, einen Menschen zu schlagen: Normalität als Wahnsinn, der sich seiner nicht bewusst ist.

Wohlklingendes Elend

Diese Verstörungen werden in eine berückende Musik eingebettet. Keine Band hat menschliches Elend so in Wohlklang gehüllt wie Pink Floyd. Organist Rick Wright spielt seine Trauerakkorde, die wunderbaren, meist live im Studio improvisierten Gitarrensoli von David Gilmour klingen zum Nachsingen schön, ausserdem singt er die Texte seines Freundes und späteren Rivalen Roger Waters mit Wehmut und Leidenschaft.

Für die Angst vor Nähe und Distanz braucht Waters fünf Worte: «Leave, but don’t leave me.» Bei «Money» kritisiert er im 7/8-Takt den Kapitalismus, von dem das Stück als Hit-Single profitiert. Auch «Time», Waters’ Meditation über Zeit, Alter und Tod, hört sich immer noch so eindringlich und unaufdringlich an wie beim Erscheinen.

Dieses Album, heisst es oft, liefere die ideale Musik für das Schlafzimmer und den Kopfhörer: also Musik für Glückliche und für Einsame. Innig und tröstlich zugleich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2011, 17:19 Uhr

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44 Kommentare

Reto Schmid

22.09.2011, 19:04 Uhr
Melden 31 Empfehlung

"Ich kenne eigentlich nur Kiffer, die Pink Floyd mögen."
Stimmt, Frau Kuster, Pink Floyd ist gerade in der Schweiz bei fast allen Bevölkerungsgruppen außerordentlich beliebt.
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René Alder

22.09.2011, 19:32 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Pink Floyd ist etwas vom feinsten und edelsten was die Musikwelt zu bieten hat!
Die Gitarrensolis von On The Turning Away und Sorrow sind schlicht Weltklasse, da kann man die Gedanken so richtig auf Reise gehen lassen. Thanks to David Gilmour.
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