Kultur

Turbulenzen um die IFPI

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 07.07.2011 8 Kommentare

Gestern ist Beat Högger als Geschäftsführer des Verbands der fonografischen Industrie IFPI zurückgetreten, nachdem nicht nur die Weko, sondern auch die deutschen Steuerfahnder ermitteln. Gerät nun Ivo Sacchi ins Visier?

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Zurückgetreten: IFPI-Geschäftsführer Beat Högger. (Bild: IFPI Schweiz)

Wollte er sich mit Höggers Abgang Luft verschaffen? IFPI-Chef Ivo Sacchi. (Bild: Keystone )

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Die IFPI Schweiz steht unter Beschuss. Nachdem die Wettbewerbskommission (Weko) Anfang des Monats eine Untersuchung gegen den Verband und dessen Mitglieder eröffnete, hat dieser sich gestern überraschend von seinem Geschäftsführer Beat Högger getrennt, in «gegenseitigem Einvernehmen», wie es heisst. «Beat Högger hat sich aufgrund aktueller Diskussionen um seine Nebentätigkeit in einer privaten Unternehmung entschlossen, sein Amt als Geschäftsführer der IFPI niederzulegen», so liess der Schweizer Ableger der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) gestern offiziell verlauten.

Neue Dokumente

Bei der erwähnten Nebentätigkeit handelt es sich um Höggers Firma IP Gate. Högger ist Geschäftsführer und Minderheitsaktionär der IP Gate – die neben ihm lediglich zwei Sekretärinnen als einzige Angestellte beschäftigt, wie die Argauer Zeitung im April aufdeckte.

Höggers Rücktritt als Geschäftsführer der IFPI lässt aufhorchen. Denn er erfolgt, nachdem am Wochenende ein neues Dokument die Runde gemacht hat, welches die problematischen Verflechtungen zwischen IP Gate und IFPI detailliert aufzeigt und schwere Vorwürfe erhebt: So soll die IP Gate tatsächlich Gelder veruntreut und die deutschen Steuerfahnder betrogen haben.

Umzug fürs Protokoll

Die IP Gate ist eine Lizenzfirma im Besitz deutscher Eigentümer. Entsprechend müsste die Firma ihre Einkünfte in Deutschland versteuern. Mitte April 2010 nun stellte IP Gate bei der zentralen Steuerstelle Deutschlands in Bonn ein Begehren auf «Freistellung inländischer Einkünfte vom Steuerabzug». Im Oktober wurde ihr dies gewährt.

Um in den Genuss des Steuererlasses zu kommen, musste IP Gate nachweisen können, dass sie tatsächlich in der Schweiz geschäftet und nicht bloss eine Briefkastenfirma ist. Doch bis im November 2009 war die Adresse der IP Gate identisch mit derjenigen der IFPI Schweiz und es herrschte auch Personalunion. Eine eigene Adresse und wenn möglich auch Angestellte mussten her. Wie IP Gate das bewerkstelligte, zeigen verschiedene Dokumente. Im November 2009 beschloss der IFPI-Vorstand in einer Telefonkonferenz einen Umzug von der Zürcher Toblerstrasse 76a an die Kantstrasse 30, wie es im Protokoll heisst, zog dann aber an die Zürcher Kraftstrasse 30. Der Umzug scheint aber nur auf dem Papier stattgefunden zu haben, denn beide Adressen bezeichnen ein und dasselbe Gebäude.

Ähnlich ging man auch mit dem Personal vor. Högger ist nicht nur CEO der IP Gate und war bis vor kurzem gleichzeitig Geschäftsführer der IFPI, auch die beiden Sekretärinnen der IP Gate scheinen gleichzeitig bei der IFPI angestellt gewesen zu sein, als Buchhalterin und Kassier – ohne dass die IFPI diese Doppelfunktion an ihre Mitglieder kommuniziert hätte.

Kein Kommentar

Bei der IFPI scheint man inzwischen eingesehen zu haben, dass die Verstrickungen problematisch sind. Man habe bereits selber eine unabhängige Untersuchung veranlasst, liess IFPI-Präsident Ivo Sacchi im April gegenüber der Aargauer Zeitung verlauten. Was diese Untersuchungen ergaben, ist bis jetzt nicht bekannt, doch der Verdacht liegt nahe, dass Sacchi sich mit Höggers Abgang Luft verschaffen möchte. Würde nämlich herauskommen, dass er um die Machenschaften der IP Gate wusste und Högger mit seinem Einverständnis handelte, wäre er mitschuldig.

Angesprochen auf die Gründe für seinen Abgang wollte Högger zunächst wissen, ob man ihn in seiner Funktion als IFPI-Geschäftsleiter oder als Aufsichtsrat der IP Gate befrage, dann aber lehnte er eine Stellungnahme ab. Die IFPI war heute Morgen telefonisch nicht zu erreichen, ein Mail blieb bis zur Veröffentlichung dieses Artikels unbeantwortet.

Sollte sich allerdings der Verdacht erhärten, dass die IP Gate nur eine Briefkastenfirma ist, mit dem Zweck, die deutschen Steuerbehörden hinters Licht zu führen, könnten auch die Schweizer Behörden aktiv werden. Denn wer inhaltlich unwahre Urkunden, Bilanzen, Geschäftsbücher und Lohnausweise vorlegt, begeht Steuerbetrug und wird strafrechtlich verfolgt. Damit würde die Sache auch für IFPI-Chef und Universal-Boss Ivo Sacchi ungemütlich . (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.06.2011, 13:06 Uhr

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8 Kommentare

Yannick Hagman

28.06.2011, 15:12 Uhr
Melden 76 Empfehlung

Verwertungsgesellschaften sind Bereicherungsmonopole auf Kosten von Musikern und Künstlern. Antworten


Fred Bucher

28.06.2011, 19:07 Uhr
Melden 50 Empfehlung

Herrlich. Ausgerechnet der Verband, der mit diffamierenden Kampagnen und verbalen Zweihändern legale Downloads verteufeln wollte, entpuppt sich als scheppse Bude. Wir kennen es ja schon von der Fifa. Ein Vorschlag an Herrn Sacchi: Setzen Sie eine Ethik-Kommission ein! Antworten




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