Kultur
«Versuchte ich zu rauchen, wurde mir schlecht»
Das alte dreistöckige Haus am Rand von Soho ist ein wenig heruntergekommen und wirkt unbewohnt. Doch auf das schrille Klingeln öffnet sich die Tür: Patti Smith, in blauer Mütze, schwarzem Jackett und warmen Stiefeln, bittet herein, wo es fast so kalt ist wie draussen. Sie führt eine enge ächzende Holztreppe hinauf in ihr Studio, einen weissen Raum voller Krimskrams. Hier liegen ein paar Puppenköpfe, da ein Büschel getrockneter Blumen, dort steht eine Staffelei mit unfertigen Zeichnungen, und auf dem Sims des unbenutzten Kamins werden verblichene Fotografien noch ein bisschen bleicher.
Patti Smith arbeitet. Ständig und mehr denn je. Die Frau, die in den 70er- Jahren den New Yorker Rock aufmischte, mit Bruce Springsteen und dem Song «Because the Night» die Hitparaden stürmte, danach freiwillig über ein Jahrzehnt von der Bildfläche verschwand, um Mitte der 90er-Jahre auf die Bühne zurückzukehren – diese Frau erlebt gerade wieder so etwas wie ein Comeback. Vor kurzem lief der Dokumentarfilm «Patti Smith: Dream of Life». Eine Ausstellung ihres bildnerischen Werks wurde in einer Galerie in Chelsea eröffnet. Eine neue CD und eine Tournee sind geplant. Und ein Buch von ihr ist soeben erschienen: «Just Kids», halb Autobiografie, halb Liebeserklärung an den Starfotografen Robert Mapplethorpe, mit dem Patti Smith zuerst eine Liebesbeziehung, dann eine lebenslange Freundschaft verband. «Comeback?», fragt Patti Smith: «Ich bin nie weg gewesen.»
Patti Smith, wie vermeidet man es als alternder Rockstar, auf der Bühne zur Peinlichkeit zu werden?
Ich weiss es nicht. Es hängt wohl davon ab, was Sie unter «Peinlichkeit» verstehen. Wenn Sie damit meinen, dass ich mein Publikum nicht mehr begeistern kann, dann hoffe ich, dass es mich das wissen lässt und nicht mehr zu meinen Konzerten kommt. Andererseits versuche ich ja nicht, die anarchistische Performerin zu sein, die ich mit zwanzig, dreissig war. Das interessiert mich nicht mehr. Aber ich glaube, dass ich immer noch über dieselbe Intensität wie damals verfüge. Und im Gegensatz zu anderen Künstlern habe ich mein Meisterwerk nicht bereits in jungen Jahren vollbracht, sodass ich mich jetzt nur noch wiederholen kann. Im Gegenteil: Das Beste liegt noch vor mir.
Wie haben Sie es – anders als viele Ihrer Freunde – geschafft, sich nicht frühzeitig zu ruinieren?
Ich hatte stets einen Job zu versehen. Seit meinem 16. Lebensjahr musste ich mir meinen Lebensunterhalt selber verdienen. Ich konnte es mir nie leisten, am Morgen nicht zur Arbeit zu erscheinen, bloss weil ich eine wilde Nacht hinter mir hatte. Auch nicht, als ich nach New York kam. Hinzu kommt, dass ich von Natur aus kränklich bin. Mein Körper verträgt keinen Missbrauch. Ich fand zwar immer, Jeanne Moreau sehe toll aus, wie sie da so rauchte, aber wenn ich es selber versuchte, wurde mir schlecht. Dasselbe gilt für Alkohol und Drogen. Ich hatte keinen Spass damit, sie machten mich nur krank. Ausserdem sah ich, welchen Schaden dieser leichtsinnige Lebensstil unter meinen Freunden anrichtete. Siebzig Prozent der Menschen, mit denen ich einst bei Max's Kansas City um Andy Warhols runden Tisch sass, sind tot. Ich bin eine Überlebende.
Betrachten Sie den Tod als Feind?
Ich habe kein Problem mit dem Tod. Der Tod ist unschuldig. Auch stirbt jeder von uns ein bisschen anders. Die einen schweben noch eine Weile hier in der Gegend herum, andere schiessen los wie Raketen, weit weg in die Ferne. Das Leben ist wie eine Bank. Wir verfügen über ein Konto mit unseren intellektuellen, emotionalen, positiven und sonstigen Energien, und je nach Kontostand werden wir nach dem Tod an die uns gemässen Orte verfrachtet. Nein, mit dem Tod habe ich kein Problem. Ein Problem habe ich mit den Krankheiten, die einem geliebte Menschen zu früh wegnehmen. Mit Unfällen und Katastrophen. Gegen sie wehre ich mich mit aller Kraft, mit meinem Leben.
Jemand, den Sie überlebt haben, ist der 1989 verstorbene Fotograf Robert Mapple-thorpe. Mit ihm verbrachten Sie Ihre ersten Jahre in New York. Inwieweit haben Sie sich gegenseitig zu den Künstlern gemacht, die Sie geworden sind?
Robert wäre auch ohne mich zu dem Robert Mapplethorpe geworden, den wir heute kennen. Er war von seinem Talent stets überzeugt. Obwohl ich ihn dazu gedrängt habe, mit dem Fotografieren anzufangen. Ich leistete ihm Gesellschaft an dem einsamen Ort, den er sich als Künstler ausgesucht hatte, und sorgte für eine gewisse Stabilität in seinem Leben, auch in finanzieller Hinsicht. Was er für mich tat, war mehr. Er glaubte an mich und hielt mich für ebenbürtig. Dabei war er zweifellos der Begabtere von uns beiden. Ich wollte zwar Künstlerin werden, aber ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich die nötigen Fähigkeiten dafür besass. Robert liess mich keine Sekunde daran zweifeln. Er zwang mich, meine Träume zu verwirklichen.
Sie haben wiederholt gesagt, Ihr Ziel sei es, Poesie mit Rock'n'Roll zu vereinen. Wie nah oder fern sind sich diese beiden Disziplinen?
Reine Poesie ist ein ganz eigenes Ding. Wenn ich Gedichte schreibe, denke ich nicht daran, ob sie den Leuten gefallen werden. Dann fühle ich mich allein den Göttern der Dichtung verpflichtet. Wenn ich dagegen Songtexte schreibe, will ich damit ein Publikum erreichen. Dass die Texte lyrische Qualitäten haben, ist wichtig, aber sie müssen zugänglich sein. Letztlich ist die Art der Interpretation entscheidend. Für mich liegt die Essenz des Rock'n'Roll in der Darstellung, in jenem magischen Moment, in dem die Band mit dem Publikum zusammenfindet.
Viele Ihrer Vorbilder sind Europäer, darunter der französische Dichter Arthur Rimbaud. Fühlen Sie sich dennoch als amerikanische Künstlerin?
Ich bin am amerikanischsten, wenn ich auf der Bühne stehe. Wenn ich Rock'n'Roll spiele, spüre ich die Freiheit, die jugendliche Respektlosigkeit dieser Musik, die Amerika hervorgebracht hat. Was mein übriges Werk angeht, meine Zeichnungen, Fotografien und Gedichte, fühle ich mich eher wie jemand aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts. Und vielleicht ein bisschen arabisch. Doch meine Ungeschliffenheit und meine Zähigkeit sind definitiv amerikanisch.
Sie haben die 70er-Jahre erlebt. Wie sieht die Kunstszene in New York heute aus?
Alle strengen sich sehr an. Die Leute sind enorm mit den sozialen Aspekten der Szene beschäftigt, mit dem Berühmt-Werden und In-aller-Munde-Sein. Ich werde immer wieder gefragt: Wie bekomme ich einen Plattenvertrag? Wen würden Sie mir als Presseagenten empfehlen? Wie mache ich Soundso auf mich aufmerksam? Um derlei kümmerten wir uns nicht. Das war etwas für Erwachsene. Uns ging es darum, Grossartiges zu schaffen, ums Werk. Das scheint heute an letzter Stelle zu kommen. Dabei wird sich in fünfzig Jahren niemand mehr daran erinnern, in welchem Blog Ihr Foto aufgetaucht ist. Wenn man sich überhaupt noch an Sie erinnert, dann wegen Ihres Werkes.
Sind Sie eine Nostalgikerin?
Dieses Stadium habe ich längst hinter mir. Ich vermisse so viel – nicht nur Menschen, die ich geliebt habe, und unschuldigere Zeiten, sondern auch Häuser, die ich gar nie gesehen und Szenen, die ich gar nie erlebt habe. Als ich klein war, besassen wir einige Reiseführer, die vor dem Zweiten Weltkrieg gedruckt worden waren. Ich zeigte meinem Vater Bilder von Dresden und Tokio und sagte: Da will ich hin, das will ich sehen. Als mein Vater mir antwortete, das gebe es alles nicht mehr, war ich unendlich traurig. Ich vermisse also sehr viel mehr als eine Zeit, in der es keine Handys, Computer und Kreditkarten gab.
Mit Patti Smith sprach Sacha Verna in New York
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2010, 08:04 Uhr


