Kultur
a-ha verabschieden sich in Basel
Von Marc Krebs. Aktualisiert am 19.10.2010 7 Kommentare
Es scheint, als hätten die Norweger auch ihr Wetter mitgebracht. Garstig ist es an diesem Sonntagabend. Schlotternd suchen 6000 Menschen Zuflucht in einem Gebäude, dessen abgestandene, kalte Atmosphäre uns zusätzlich frösteln lässt. Zum Glück geht um 20.45 Uhr das Saallicht aus und unser Auge wird nicht länger mit dieser formalästhetischen Beleidigung namens St. Jakobshalle konfrontiert, sondern kann sich blenden lassen, von Videoeinspielungen und Scheinwerfern.
Blendend, aber auch wie ein Blender wirkt Morten Harket zu Beginn. Der smarte Sänger trägt eine Designersonnenbrille, die hoffentlich ironisch gemeint ist – sie könnte von Rapper P. Diddy sein. Abgesehen davon aber muss man ihn vom ersten Ton an ernst nehmen: In glasklarem Falsett singt er «The Sun Always Shines On T.V.», ein Lied, das vor 25 Jahren auf dem Debütalbum zu finden war.
Schlussstrich
Apropos Falsett: «Ending On A High Note» nennen a-ha die laufende Welttournee, mit der sie einen Schlussstrich unter ihre gemeinsame Karriere setzen. Sie haben sich auseinandergelebt. «Friendships move on» sang Harket vor zehn Jahren in «Summer Moved On» – paradoxerweise markierte dieses Lied, das vom Abschied handelt, damals das grosse Comeback.
«Summer Moved On» singt er auch in Basel. Es ist ein musikalisches Highlight – nebst dem unplugged dargebotenen «Butterfly Butterfly (The Last Hurrah)». Da steht Harket zwei Meter neben Gitarrist Pål Waaktaar-Savoy, und doch scheinen sie voneinander entfernt wie zwei Pole. Schufen der Sänger und der Songwriter in ihren stärksten Zeiten Lieder, die eine magnetische Anziehungskraft ausübten, so verbindet sie heute nur noch die gemeinsame Geschichte. Und der Wille, die silberne Hochzeit zu feiern, statt das Ende ihrer kreativen Beziehung zu bedauern. Das tun sie in Form einer Revue. Die Performance des Frontmannes Harket liegt im Gesang – und dieser hört sich bestechend an: Stil- und intonationssicher wechselt der 51-Jährige vom Tenor in die Kopfstimme, ist stets Herr der Lage, in einem Range von vier Oktaven. Eine seltene Qualität in der Popmusik, was die Besucher in Basel mit Szenenapplaus zu würdigen wissen.
Pål Waaktaar-Savoy ist mit seiner kabellosen Gitarre agiler. Aber auch unzuverlässiger. Ausgerechnet er, der als Songwriter und Arrangeur im Studio Perlen wie «Hunting High And Low» veredelt hat, greift zwei-, dreimal daneben – wirkt zudem im vernachlässigbaren Lied «(Seemingly) Nonstop July» arg limitiert auf der akustischen Gitarre. Da spielen die zwei Tourgäste an Keyboards und Schlagzeug weitaus präziser.
Synthesizer und Samples
Die wichtigste Rolle unter den Instrumentalisten aber nimmt Magne Furuholmen ein: Synthesizer und Samples dominieren das Klangbild, sei es im unbekannteren, brillanten Stück «Manhattan Skyline» (einer komplexen Pop-Oper), im orchestral arrangierten Bond-Titelsong «The Living Daylights» oder im von Pathos getragenen «The Sun Always Shines On T.V.».
Es sind Lieder wie diese, die in Erinnerung rufen, mit welch ausgeklügelten Ideen sie seit 1985 die Charts gefüttert haben. Heute wissen wir, dass a-ha als eine der wenigen Bands der 80er-Jahre diese Ära würdevoll überlebt haben – würdevoller etwa als Duran Duran.
Das heisst aber nicht, dass alle Lieder, die sie Revue passieren lassen, für die Ewigkeit sind. «We’re Looking For The Whales» (1986) ist schlicht banal, «Analogue» (2005) eine monotone, ereignislose Nummer. Und die erzwungene Funkyness in «Move To Memphis» (1991) erweist sich als misslungener Flirt mit der afro-amerikanischen Musikkultur.
Insgesamt aber überzeugt das Repertoire stärker als bei den letzten Schweizer Gastspielen. Wie gut ihnen der Wandel vom Teenie-Phänomen zum Adult-Pop gelungen ist, verdeutlicht allein die letztjährige Single «Foot Of The Mountain», mit der sie das offizielle Set beschliessen. Könnte ein Lied von Keane sein, entfährt es uns. Ehe wir uns gewahr werden, dass der Vergleich just verkehrt ist: Denn vor britischen Bands wie Keane oder Coldplay haben a-ha schon sentimental-melancholischen Pop kreiert und so eine jüngere Generation beeinflusst. Ihre besten Lieder vermögen, von jeglichem Zeitgeist losgelöst, zu berühren. Wir reden von Klassikern.
erhebend. Den grössten sparen sie sich bis zum Schluss auf: «Take On Me», das Lied, das ihnen vor 25 Jahren zum Durchbruch verhalf und noch heute an keiner Eighties-Disco fehlen darf, lässt auch das Publikum auf den Rängen von den Sitzen hochschnellen. Wie zu Beginn des 100-minütigen Konzertes wird die Band bejubelt, wie zu Beginn dankt diese den treuen Anhängern mit wenigen Worten, aber sympathischen Gesten. Und wie zu Beginn spielen a-ha ein Lied aus dem Jahr 1985. Ein Kreis schliesst sich. Doch die Wehmut, die sie in so vielen ihrer Lieder vertont haben, diese Wehmut hallt für einmal noch nach, als die Band längst abgetreten ist.
Der allerletzte Vorhang für a-ha, er fällt im Dezember in ihrer Heimatstadt Oslo. (Basler Zeitung)
Erstellt: 19.10.2010, 11:31 Uhr
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7 Kommentare
Wunderschön wars. Ein wudnerbares, einfaches und musikalisch hochstehendes Konzert Danke für den objektiven Artikel! A-ha haben es dank ihrer musikalischen Qualitäten geschafft 25 Jahre im Geschäft zu bleiben. Damals war ich 12 heute 37 und ich bin stolz darauf Fan von einer solchen Gruppe gewesen und auch heute noch zu sein. 1000 Takk! Antworten
Grandioses Berg-Erleben.
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