Die Liebe ist nur ein Showblock

Adele gab gestern im Zürcher Hallenstadion das erste von zwei ausverkauften Konzerten.

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Popsängerinnen ihres Ranges tanzen normalerweise und simulieren Sex mit den Tänzern. Adele aber zeigt Fotos aus Kindertagen, und das nicht nur, weil gar keine Tänzer da sind, nur Streicher und Hornisten. Wo sich andere Popsängerinnen die Freizeit zwischen den Auftritten am liebsten auf Instagram vertreiben, erzählt Adele dem entzückten Zürcher Publikum von ihrem Besuch im Zirkus Knie. Und wenn die Konkurrenz ihre Hits auf der Bühne um die Kostümwechsel herum arrangiert, trägt Adele den ganzen Abend lang dasselbe bodenlange, allerdings funkelnde Schwarze. Nur eine Teetasse variiert ab und zu das Bild, aus der die Sängerin dann tatsächlich – trinkt!

Man merkt bald in diesem ersten von zwei ausverkauften Konzerten im Hallenstadion, dass hier zwei Dinge aufgeführt werden. Erstens ist ein Sortiment jener Powerballaden, für welche die 28-jährige britische Soulsängerin bekannt ist; und zweitens eine Starexistenz, die abwiegelt und Tee trinkt und sich überhaupt als ganz und gar normal geblieben ausgibt. Also erzählt sie in langen Ansagen von den Deformationen, welche die Schwangerschaft ihrem Körper zufügte (weshalb sie zu Hause blieb und «Skyfall» schrieb). Und also witzelt sie über die VIP-Gäste in den Logen und macht sich über ihre Fingernägel lustig (die sie jetzt formvollendet tragen kann, weil sie ja nicht mehr selber Gitarre spielen muss).

Das Publikum in Festlaune

Adele Adkins, mit den Alben «21» und «25» in den letzten fünf Jahren zu sagenhaftem Erfolg gekommen, ist ein Kind aus der Arbeiterklasse, ein Mensch zudem, der zu Übergewicht neigt und auch dazu, zu viel und zu laut zu reden. So weit, so authentisch, doch auf der aktuellen Tournee ist nun zu erleben, wie diese Normalität in ihre Inszenierung überführt wird. Was daran stört, ist nur, wie gut man es merkt. Das Gequassel klingt routiniert, und wenn – zum wiederholten Mal auf dieser Tournee – ein schwules Paar auf die Bühne steigt, Verlobung feiert und auch noch für ein drittes und viertes Selfie mit Adele verweilen will, wird es locker wegmoderiert: «Habt ein glückliches Leben!»

Und das ist vielleicht das geheime Thema dieses Abends: Dass es nämlich durchaus ein glückliches Leben gibt im traurigen, zumindest als Showblock. Denn zwischen all seinen waidwunden Balladen wirkt dieser Abend doch sehr aufgeräumt und zum Ende, als über «Set Fire to the Rain» ein tatsächlicher Regen niedergeht, sogar wie frisch gewaschen. So herrscht im Hallenstadion zuletzt beinahe eine kathartische Festlaune, als Adele den vielleicht beeindruckendsten ihrer Hits anstimmt, das wuchtige «Someone Like You»: Diesen fiesen Trennungsschmerz kennen wir doch irgendwie alle, herzlich willkommen in der Sharing Emotionality.

Die Nähe zum Stoff

Adele kann sowas natürlich grossartig singen. «One and Only» ist ein früher Höhepunkt des Konzerts, das Orchesterchen ein schnurrendes Kätzchen und die Melodie ein Triumphzug für die Sängerin. «Rumour Has It» ist danach eine wuchtig vorbeirollende Nummer wie aus dem Dampfzeitalter des Soul, mit krachenden Pauken und stählern funkelndem Schubidu. Adele kriegt hier die hässlichen Gefühle zu packen, als wären es immer noch ihre eigenen, da drängt sich kein kalter Ton zwischen die Stimme und die Liebesgeschichte im Scheinwerferkegel.

Leider nur wird das fein aufspielende Orchester bald zum Folktrüppchen gestutzt, in einem «akustischen Set» soll eine ganz besonders intime Nähe zum Stoff – im Grossen und Ganzen: der Liebe – suggeriert werden. Doch das Gegenteil passiert, die Musik fällt weit hinter die beeindruckende Bruttoregistertonnenleistung des Gesangs zurück; «Don't You Remember» überschäumt, und «Make You Feel My Love» (von Bob Dylan) zergeht in tief empfundener Harmlosigkeit. Es wird deutlich an diesem Abend: So gross die Stimme von Adele ist, so leicht sie auch jeden Circus Maximus füllt, so beschränkt ist sie auch.

Zu kleine Melodien

Adele gestaltet die Songs nicht, sie vollstreckt sie, und das besser als fast jede andere Sängerin. Doch dafür braucht sie Hits und grosse Melodien. Wo das Material schwächer ist, wie auf ihrem aktuellen Album «25», wirkt das Powerplay schnell ermüdend. Da helfen auch die hibbeligen Ansagen nicht weiter, diese halt auch nicht gerade rasend interessanten Abschweifungen in einen Staralltag mit Kleinkind und Abo im Gym. Schon früh an diesem Abend versackt die schöne Soulmusik im Authentizitätskult und zu ungefähren Melodien. Nicht, dass da Sex mit Tänzern helfen würde. Kein Kostüm ist auch keine Lösung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2016, 06:47 Uhr

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