Kultur
Aus für Hesse und Hürlimann
Von Michael Meier. Aktualisiert am 10.03.2010
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An der Generalversammlung der Welttheatergesellschaft vom 13. April in Einsiedeln ist mit Aufruhr zu rechnen. Präsident Peter Kälin wird das Projekt Welttheater 2014 vorstellen und erklären müssen, warum man es nicht mehr in die Hände der Künstler Thomas Hürlimann und Volker Hesse legt.
Dabei haben der Schriftsteller und der Regisseur mit ihrer Neufassung und Neuinszenierung des «Grossen Welttheaters» von Calderón 2000 und 2007 Erfolgsgeschichte geschrieben. Jeweils gegen 70'000 Zuschauer applaudierten der Freilichtinszenierung mit 350 Laienschauspielern. Kritiker würdigten enthusiastisch die Massenbilder der Angst und die Endzeitszenarien, die den Klosterplatz als Kraftort, aber auch als Ort der falschen Tröstungen und der religiösen Vermarktung darstellten.
Einen «anderen Ansatz» und «andere Protagonisten»
Wer wem eine Absage erteilt hat, bleibt im Gespräch mit den Beteiligten diffus. Klar ist, dass am Anfang des Zerwürfnisses ein öffentlicher Brief von Abt Martin Werlen stand. In der Bearbeitung von 2007 fand er zu viel Zeitgeist und Gottlosigkeit, aber zu wenig Trost, Hoffnung und Zuversicht und zu wenig von Gottes Gegenwart. Für das Welttheater 2014 wünschte er sich darum einen «anderen Ansatz» und «andere Protagonisten». Diesen Brief übermittelte der Abt dem TA auf die Anfrage hin, warum Hürlimann und Hesse nicht mehr zum Zug kommen.
Volker Hesse erinnert sich, dass sich der Abt noch bei der Premiere sehr angetan zeigte vom Stück, sich dann aber von rechtskatholischen Protesten unter Druck setzen liess. Die Frommen suchten in der Garderobe die mitspielenden Kinder auf und verteilten ihnen «Gutscheine für eine heilige Beichte» mit der Aufschrift «Gotteslästerung ist in sich eine schwere Sünde». Zum Teil schwärzten sie auch Abt und Kloster an, die das «gottlose Treiben» auf dem Klosterplatz erlaubt hätten.
Zurück zur Frömmelei?
Der Abt liess sich von einem anonymen Schreiben beeindrucken, hatte sich aber auch schon vor der Premiere an einer Szene gestossen, in der sich zwei Patres in Soutanen erotisch näherkamen. Plötzlich stand die Drohung im Raum, der Abt könnte das Spiel verbieten. Eigentums- und Hoheitsverhältnisse sind in Einsiedeln klar. Die Welttheatergesellschaft ist nur Gast auf dem Klosterplatz. Hesse zufolge hat sich der Vorstand in vorauseilendem Gehorsam dem Abt unterworfen. Verschiedene Mitglieder seien mit dem Kloster auch wirtschaftlich verbandelt.
Dennoch hatte die Gesellschaft neben anderen auch Regisseur Hesse vorgeladen, Ideen für das Welttheater 2014 zu präsentieren. Die Gespräche sind laut Hesse auf kläglichem Niveau verlaufen, der gestalterische Spielraum sei auch angesichts des restaurativen Kurses in der römischen Kirche viel zu eng. «Die Forderung nach mehr Harmonie und Trost läuft auf eine Verkitschung und Verharmlosung des Projektes hinaus.» Mit einem frömmelnden Verkündigungsdrama könne man die Zuschauer in den urbanen Zentren nicht erreichen. Er fragt sich, ob es in der Schweiz «überhaupt Künstler mit der geforderten religiösen Beflissenheit» gibt. Klosterschüler Hürlimann und der katholisch sozialisierte Rheinländer Hesse brachten eine grosse Vertrautheit mit religiösen Symbolen und Ritualen mit, stellten aber auch provokative Fragen.
Hesse wird seine Kritik am 21. März in Luzern im Rahmen einer Laudatio auf seinen Freund Thomas Hürlimann öffentlich vorbringen. Der nämlich wird dann aus den Händen des Theologen Hans Küng den Herbert-Haag-Preis für Freiheit in der Kirche entgegennehmen – vor allem wegen seiner Verdienste um das Einsiedler Welttheater. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.03.2010, 04:00 Uhr




