Kultur

Banale Fortsetzung der Familiensaga

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg inszeniert «Das Begräbnis» am Wiener Burgtheater als Fortsetzung seines Dogma-Films «Das Fest» – und scheitert auf der ganzen Linie.

Auch die Schauspieler können das Stück nicht retten: v.l. Tilo Nest (Kim), Dörte Lyssewski (Pia), Martin Wuttke (Christian) und Johanna Wokalek (Sofie).

Georg Soulek

Irgendwann im ersten Drittel des Stücks taucht im fahlen Licht der tote Vater in der Kulisse auf und erklärt: «Nichts ändert sich.» Diese Erkenntnis hat gegen Schluss auch der missbrauchte Sohn, der Opfer war und nun selbst zum Täter wird. Die Botschaft von «Das Begräbnis» ist also klar, und das Premierenpublikum im Wiener Burgtheater wird nur mit einer Frage zurückgelassen: Sind dafür wirklich zweieinhalb quälend lange Stunden notwendig?

Vor zwölf Jahren drehte der blutjunge dänische Regisseur Thomas Vinterberg den Dogma-Film «Das Fest» und bekam dafür hymnische Kritiken und zahlreiche Auszeichnungen. Vinterberg schildert darin ein Fest zum 60. Geburtstag des Hoteliers Helge, an dem sein ältester Sohn Christian in einer Rede aufdeckt, wie er vom Vater sexuell missbraucht worden war. Das Fest endet im Chaos, der jüngere Bruder Michael schlägt den Vater zusammen, und am nächsten Morgen muss Helge das Haus verlassen.

Gnädiges Premierenpublikum

Er habe lange an eine Fortsetzung der Familiensaga gedacht, erzählte der heute 40-jährige Vinterberg in Interviews, aber keinen weiteren Film drehen wollen. Zur Bühnenfassung habe ihn Matthias Hartmann gedrängt, der dafür mehrmals extra nach Dänemark gereist sei. Der neue Chef des Burgtheaters sei so hartnäckig gewesen, «da gab es keinen Weg mehr zurück». Hartmann bestellte aber nicht nur den Text, sondern überliess Vinterberg auch die Inszenierung. Und zwar auf der grossen Bühne im Haupthaus an der Wiener Ringstrasse. Das war gewagt – und ging schief.

In Vinterbergs Bühnenstück kommt die Familie zum ersten Mal nach dem desaströsen Fest wieder zusammen, und zwar zum Begräbnis von Vater Helge. Erst spielen die Mutter, die Brüder Christian und Michael mit ihren Frauen, die Schwester Helene sowie der alte Koche heile Familie. Dann aber fällt der Strom kurz aus, und im Dunklen vergreift sich Christian an Michaels halbwüchsigem Sohn Henning. Der Missbrauch fliegt auf, und Christian hofft auf Vergebung, schliesslich sei Michael «ein moderner Mensch». Doch weil Autor und Regisseur Vinterberg nicht an die Möglichkeit zur Veränderung glaubt, lässt er Michael seinen Bruder im See ertränken.

Nie mit Tiefgang

Vinterbergs Stück beginnt als seichte Komödie, gewinnt aber nie an Tiefgang. Die Schauspieler wie Martin Wuttke als Christian oder Johanna Wokalek als Michaels Frau Sofie geben ihr Bestes, doch sie scheitern an banalen Dialogen und der dünnen Handlung. Es ist sicher nicht ihre Schuld, dass diese Burgtheater-Premiere wie die Abschlussarbeit einer Schauspielklasse aus der Provinz wirkt. Inszenierung und Bühnenbild wirken hölzern und einfallslos, Vinterberg ist jedoch von den technischen Möglichkeiten des Burgtheaters begeistert: Dreh- und Hebebühne sind pausenlos im Einsatz. Das Premierenpublikum war dennoch beachtlich gnädig: Es gab langen Applaus für die Schauspieler und nur wenige Buhrufe für den sichtbar stolzen Regisseur. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 04:00 Uhr

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