Kultur
Basel schlägt Zürich
Von Thomas Meyer. Aktualisiert am 09.10.2009
Die Feier
Am Freitag, 16. Oktober, feiert das Theater Basel die Auszeichnung mit einer Party. Das Fest beginnt nach dem Stück «Sekretärinnen» um 21.30 Uhr.
Wir wussten es eigentlich schon lange, nun ist es gleichsam von offizieller Seite schwarz auf weiss bestätigt: Für innovatives Musiktheater nehme man den Zug nach Basel. Die Zeitschrift «Opernwelt» hat das Theater Basel bzw. die Opernabteilung des Dreispartenhauses, das ausserdem Schauspiel und Ballett umfasst, zum «Opernhaus des Jahres» erkoren, als Erstes helvetisches überhaupt, als Zweites ausserhalb Deutschlands nach Graz 2001. 50 Musikkritiker haben sich gegen opulente Opernkulinarik für «frische Ideen, kurzgeschlossen mit der Gegenwart» entschieden, wie es in der Begründung heisst.
Theaterintendant Georges Delnon und Operndirektor Dietmar Schwarz, seit 2006 tätig, wirds freuen. Sie haben mit ihrer Programmarbeit immer wieder für Aufsehen gesorgt. Einer der grössten Publikumserfolge dort war vor einigen Jahren Jan Bosses Monteverdi-«Orfeo»; im vergangenen Mai folgte unter der Leitung von Andrea Marcon Vivaldis «Orlando furioso»; diesmal ist Francesco Cavallis «La Calisto» angesagt.
«Lulu» sorgte für Aufsehen
In der letzten Saison für Aufsehen sorgte zum Beispiel die «Lulu», eine Inszenierung, welche das Enfant terrible unter den Opernregisseuren, Calixto Bieito, realisierte – im November folgt Janáeks «Aus einem Totenhaus». Am Beginn der aktuellen Spielzeit stand das neue Stück «Drei Frauen» von Wolfgang Rihm. All die hier erwähnten Stücke entstanden vor 1781 bzw. nach 1919. Und das wiederum wäre der arg enge Zeitrahmen, den sich das Zürcher Opernhaus zwischen Mozarts «Idomeneo» und Strauss' «Frau ohne Schatten» gesteckt hat. Das allein spricht Bände.
Denn natürlich taucht sogleich die Frage auf, warum unser hiesiges Opernhaus nie in die Kränze kommt, warum wir nicht einmal daran zu denken wagen, obwohl es doch finanziell sanfter gebettet ist als das durch Sparpolitik gebeutelte Basler Pendant. Gewiss: hohe Publikumsauslastung, gute Sponsoringarbeit, auch grosse Stars und etliche junge Talente (mit Jonas Kaufmann ist ja zumindest ein Ensemblemitglied unter den «Opernwelt»-Geehrten): Derlei hat die Kritiker noch nie von einem Opernhaus überzeugt. Sie zogen stets Risikobereitschaft, Wagemut – oder einfach: frische Ideen in den Programm vor. Und die fehlen oft in Zürich. Was an Barockspezialisten, was an Regiegrössen hier zu erleben war, hatte meist anderswo schon von sich reden gemacht, seis nun William Christie und Marc Minkowski, Ruth Berghaus oder Claus Guth. Es gab Höhepunkte, sicher, aber auch allzu viel durchhängendes Mittelmass.
Halbwegs glückliche Hand
Mit den raren Opernuraufführungen hatte Alexander Pereira nur eine halbwegs glückliche Hand. Wiederaufführungen von spannenden neuen Stücken gab es ebenfalls kaum. Experimente wie die Basler Liederabende, Studioprojekte auf der viel zu wenig genutzten kleinen Bühne, all das fehlt hier. Und selbst bei gestandenen Werken wählte man geradezu mit Methode die bravere, konventionellere Version: So gabs Puccinis «Turandot» natürlich nicht mit dem neu komponierten Schluss von Luciano Berio, und Schostakowitschs Skandaloper «Lady Macbeth von Minsk» erklang in der abgemilderten Spätversion «Katerina Ismailowna».
Was ist bloss mit Zürich los, dass alles zur Mutlosigkeit neigt? (Erinnern wir kurz daran, dass auch Christoph Marthaler, der seine Heimat an der Limmat so bald wieder verliess, in Basel gross geworden ist.) Während wir hier nun etwas resigniert der letzten Pereira-Saison harren, geht der Blick zurück nach Basel, wo nach der Janáek-Premiere schon die nächste Uraufführung, der Liederabend «Im Himmel Vorusse» von Leonid Maximov und Tom Ryser, ansteht und wo noch weitere Uraufführungen folgen sollen.
Gewiss, der Vergleich ist ungerecht, auch Basel hat seine Probleme: So wirkt das Basler Schauspielhaus, wie Musikredaktor Sigfried Schibli in der «Basler Zeitung» konstatierte, neben Oper und Ballett etwas vernachlässigt. Nicht alle Abende sind gleichermassen gut verkauft, es gibt Probleme mit den Subventionen. So hat die Ehrung durch die «Opernwelt» vielleicht auch eine unterstützende Wirkung, denn nur, was draussen beachtet wird, erhält auch drinnen einen Wert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.10.2009, 08:29 Uhr
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