Bühne frei für einen Brandstifter

Der deutsche Theaterregisseur Volker Lösch missbraucht die Bühne des Theaters Basel für seine politische Ansichten. Seine Inszenierung von «Biedermann und die Brandstifter» ist eine Beleidigung des Volkswillens.

Bild: © Judith Schlosser

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Nur Tage nach der Abstimmung über die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP wandte sich der deutsche Theaterregisseur Volker Lösch im «Tages-Anzeiger» an die Abstimmungsverlierer: «Wacht auf!», raunte Lösch den «lieben neunundvierzig Komma sieben Prozent» zu. Der Theater­regisseur fragte, warum kein Prominenter «seine Stimme gegen die rassistischen und fremdenfeindlichen SVP-Parolen erhebt».

Wieso das Wort «Masseneinwanderung» unwidersprochen als Diskussionsgrundlage akzeptiert wird. Und in vorwurfsvollem Ton: «Warum habt ihr nicht angeprangert, dass ein Milliardär Millionen in die Ja-Kampagne gepumpt hat?» Wohlwissend, dass die Gegner der Initiative mit rund 5,6 Millionen Franken mehr als doppelt so viel für politische Werbung ausgaben wie die Befürworter.

Theatermitarbeiter instrumentalisiert

Volker Lösch hat sich auch rund drei Wochen nach dem denkwürdigen Abstimmungssonntag noch nicht davon erholt, was nicht sein darf. Ein Volk, das frei darüber entscheidet, wen es in Zukunft ins Land lassen will und wen nicht, das passt nicht in Löschs Denkmuster. Der deutsche Regisseur ist sich auch nicht zu schade, beinahe die gesamte Belegschaft des hoch subventionierten Theaters Basel zu instrumentalisieren und anlässlich der Premiere seiner Aufführung von Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» am Schluss des Stücks auf die Bühne treten zu lassen, um eine «Erklärung zur Abstimmung vom 9. Februar» verlesen zu lassen. «Wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters Basel sind entsetzt über das Ja vom 9. Februar 2014 und wollen das so nicht stehen lassen. Wir lehnen jede Form von Rassismus entschieden ab und sprechen uns hiermit für eine weltoffene, tolerante und humanistische Schweiz aus.»

Sind also 50,3 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer Rassisten, weil sie wieder selber über die Zuwanderung bestimmen wollen? Es ist unschwer zu erkennen, dass die Stellungnahme der Theatermitarbeiter dies implizieren soll. Diese Denkhaltung spiegelt sich auch in Löschs Inszenierung von «Biedermann und die Brandstifter» wider: Das Drama von Max Frisch wird zu einem Stück gegen vermeintliche Fremdenfeindlichkeit, in dem die Biedermänner die eigentlichen Brandstifter sind. Lösch kombiniert seine Inszenierung mit abgedrehten Figuren, die Globi vergewaltigen und Flüchtlingsbooten, die aus einer Vagina gleiten und die Schweiz überschwemmen. Deutsches Regietheater erster Güte, das sogar mit einer Altersbeschränkung ab 16 Jahren versehen werden musste und sich vom Hintergrund des Werkes soweit entfernt hat, wie nur irgend möglich: Max Frisch schrieb «Biedermann und die Brandstifter» unter dem Eindruck der Machtübernahme des Kommunismus in der Tschechoslowakei. Später wurde sein Stück fälschlicherweise als eine Parabel auf Hitlers Machtergreifung gedeutet. Das «Lehrstück ohne Lehre» wurde von Volker Lösch noch weiter ins Absurde umgedeutet und passend gemacht: Frischs «Biedermann und die Brand­stifter» muss als Statement gegen die Massen­einwanderungs-Initiative herhalten.

Damit missachtet Volker Lösch in krasser Weise den Volkswillen und zeigt sein wahres Gesicht, nämlich das eines Antidemokraten, dem eine Lektion im «Einmaleins der direkten Demokratie» gut anstehen würde. Es ist jedoch nicht weiter verwunderlich, dass es mit den demokratiefeindlichen Gelüsten des deutschen Regisseurs nicht weit her ist: Volker Lösch kommt mit Deutschland aus einem Land, das auf seinem Weg zur Demokratie einen Sonderweg ging.

Tiefpunkt des deutschen Sonderwegs

Der Versuch, nach der Märzrevolution 1848 ein parlamentarisches System einzurichten, scheiterte kläglich. Das folgende Kaiserreich war ein Obrigkeitsstaat, dessen allgemeines Wahlrecht bis 1918 durch das «Dreiklassenwahlrecht» massiv eingeschränkt war. Dieses Wahlrecht teilte die Wähler nach Steuerleistung in drei Klassen ein. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die alten kaiserlichen Eliten nicht entmachtet und verinnerlichten folglich auch keine demokratischen Gedanken. Die Folge war der vorläufige Tiefpunkt des deutschen Sonderwegs: Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem verheerendsten aller bisherigen Kriege rückte die Demokratie in Deutschland in weite Ferne. Erst Millionen Tote später und nach der Teilung des Landes wurde Deutschland in ein demokratisches System eingebunden. Dies nicht durch eigenen Antrieb, sondern künstlich, durch eine von den Siegermächten aufoktroyierte parlamentarische Demokratie.

Stärkste direkte Demokratie der Welt

Als am 23. Mai 1949 mit dem Grundgesetz, das ohne Volksabstimmung von den deutschen Landtagen abgesegnet worden war, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland vollzogen wurde, hatte die Schweiz bereits seit rund 100 Jahren eine funktionierende Demokratie. Die direktdemokratischen Elemente, wie die Volksrechte auf Bundesebene, die zu Beginn der jungen Republik noch wenig vorhanden waren, wurden im Laufe der Zeit sukzessive ausgebaut und machten die Schweiz 1874 mit der Einführung des fakultativen Referendums und der Verfassungs­initiative 1891 zur heute am stärksten ausgebauten direkten Demokratie der Welt. Der Volksentscheid vom 9. Februar zeigt dies nach dem historischen Nein zum EWR-Beitritt im Jahr 1992 erneut auf eindrückliche Weise: Allen Unkenrufen, Drohgebärden und Erpressungsversuchen zum Trotz, hat das Schweizer Volk frei eine Entscheidung getroffen, die es zu respektieren gilt.

Diesen mutigen Volksentscheid in ein rassistisches Plebiszit umzudeuten, wie das der deutsche Theaterregisseur Volker Lösch macht, ist unwürdig und respektlos. Mit seiner Inszenierung von «Biedermann und die Brandstifter» missbraucht Lösch die Bühne des Theaters Basel sowie dessen Mitarbeiter und zeigt die hässliche Fratze eines Antidemokraten, der einen demokratisch gefällten Entscheid nicht akzeptieren kann oder will. Letztlich wird Volker Lösch damit selbst zu einem der Brandstifter, die er in den 50,3 Prozent der Bevölkerung vermutet, die am 9. Februar Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative gesagt haben. (Basler Zeitung)

Erstellt: 05.03.2014, 10:34 Uhr

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