Kultur

Der Mond ist die Weltkugel und Zürich eine Puppenstube

Von Simone Meier. Aktualisiert am 16.05.2011 2 Kommentare

Der Kultregisseur René Pollesch ist wieder in der Stadt und mit ihm seine «Fahrenden Frauen». Ein glänzender Abend über das Theaterspielen. Schwierige Kost – aber ganz unbeschwert.

Kaum zu glauben: Unter unter dem Affenkostüm verbirgt sich Lilith Stangenberg (hier mit Carolin Conrad und Franz Beil).

Kaum zu glauben: Unter unter dem Affenkostüm verbirgt sich Lilith Stangenberg (hier mit Carolin Conrad und Franz Beil).
Bild: Matthias Horn

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Das Premierenpublikum im Pfauen ist jünger als sonst und studentischer und bringt nach der Vorstellung nur simple Wohlfühlbekundungen heraus wie «War super», «Schon geil», «Hast du alles verstanden?», «Nö, aber einiges, genial». Es schrumpft da die Beredsamkeit von Zürichs Intelligenz quasi auf primatenhafte Grunzlaute zusammen, nicht viel anders als jene des Überaffen King Kong, der mit seiner Anwesenheit eben noch schnell das Finale von René Polleschs «Fahrenden Frauen» beehrt und die armen Schauspieler durch Zürich gehetzt hat.

Denn auf der Bühne befindet sich Zürich, behäbige alte Gebäude stehen da im Puppenstubenformat vor einem glitzrigen Vorhang. Der Prime Tower ist zu erkennen, der jedoch als Verwandter der Twin Towers sehr bald zu Fall kommt, das Musikhaus Jecklin, das direkt neben dem Pfauen steht, und ein einziges Minarett, das im Lauf der Vorstellung noch Gesellschaft von vielen andern bekommt.Es schneit öfter in diesem Zürich, und Hunderte von Glühbirnen bilden einen gleissenden Rahmen um die kleine, kühle Stadt. Geschaffen hat dieses Ding zwischen Buden- und Bühnenzauber der grosse Berliner Gestalter Bert Neumann. Und über allem schwebt ein riesiger Mond, der zugleich eine Weltkugel ist.«Wenn das die Welt ist, wo sind wir dann?», fragt eine Schauspielerin, und es ist einer der Schlüsselsätze des Abends, denn es geht um lauter Unbehauste, um Ausser-sich-Geratene, um Fremde, oder konkret: um drei Menschen, die eines Tages erwachen und zu gross sind für ihre eigenen Häuser und ihre eigene Stadt.

Im Publikum lauter Kreative

Drei Menschen mit der plötzlichen Gabe der totalen Aussensicht also. Zudem befinden sie sich in einem Theater, und dort sitzt zwar schon ein Publikum, aber die kleinen Schauspieler, die in die kleinen Kulissen passen würden, streiken, und jetzt überlegen sich die drei eben gemeinsam ganz viel über das Theater und das Publikum als solches. Die Vorstellung, die hätte stattfinden sollen, wäre übrigens Thornton Wilders «Unsere kleine Stadt» gewesen, und da ist es ja eine Tote, die aus dem Jenseits heraus genau die Aussensicht auf ihre Stadt hat, die Lilith Stangenberg, Carolin Conrad und Franz Beil nun auf die Zürcher Puppenstube haben.

Zu beraten gibt es vieles: Etwa, ob die Kreativität von Schauspielern auf der Bühne überhaupt noch einen Wert hat, wenn doch im Publikum (wie das bei Pollesch natürlich der Fall ist) sowieso lauter Kreative sitzen. Disziplinierte Kreative allerdings, deren Arbeitgeber sagen: «So, jetzt hätte ich aber gerne mal wieder ein bisschen mehr Eigenverantwortung und Kreativität!»

Fremdverwirklichung

Womit Kreativität ein Teil des kapitalistischen Ausbeutersystems ist und eine Normalität und also ein verlogener Widerspruch in sich selbst. Weil es die Selbstverwirklichung, an die Kreative so sehr glauben wollen, gar nicht gibt. Und auch keine Seele und keine inneren Werte. Weil man ehrlicherweise besser mit dem Begriff der Fremdverwirklichung arbeiten sollte. Und immer, wenn man vor lauter Kopfzerbrechen nicht mehr nachzukommen scheint, fällt ein banaler, komisch erleichternder Satz wie: «Oh, kuck mal da: ein Eichhörnchen!»

Es ist also alles sehr absurd und fantastisch, und wie immer bei Pollesch wird der Diskurs gepimpt mit den illusionistischen Mitteln des Theaters. Mit Boulevardzitaten, mit viel Ganzkörpereinsatz, mit berauschenden Kleidern. Und mit Lilith Stangenberg und Carolin Conrad erleben wir zwei «fahrende Frauen», zwei Schaustellerinnen also, die mit so viel Kraft und Hingabe Polleschs Metatexte verkörpern, dass noch das sprödeste Wort zu vibrieren beginnt.Neben Thornton Wilder geistern auch «Alice im Wunderland», «Gullivers Reisen», «Peter Pan», Buster-Keaton-Slapsticks und der ewige Theaterwert Tschechow durch den Abend, und sei es nur in einem Kostüm oder in der Frage: «Wo ist der Samowar?» Zu lachen gibt es enorm viel in dieser quirligen Debatte, die nichts anderes ist als ein ekstatisches, leidenschaftliches, schnell getaktetes Nachdenken übers Denken an sich.

So macht Denken Spass

Denn Denken ist geil, sagt uns René Pollesch, auch wenn es mal keine Antworten gibt, sondern nur Fragen. «Alltag kann man nur mit Philosophie bewältigen», heisst es einmal. Die Theorie, die diesem Abend zugrunde liegt, ist schwierig. Trotzdem verlässt man das Theater im Zustand euphorischer Unbeschwertheit. Man nennt das wohl ganz einfach einen Zauber. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2011, 08:03 Uhr

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2 Kommentare

Thomas Läubli

17.05.2011, 15:20 Uhr
Melden 1 Empfehlung

"Im Publikum sitzen auch lauter Kreative." Wozu solcher Dünkel? An einem Pop-Konzert sitzen oder stehen auch Leute, die zuhause unter der Dusche singen und sich auf Youtube und Facebook als Möchtegern-Stars präsentieren. Wo ist jetzt da die Verlogenheit? Wenn Leute, die sich mit Unterhaltung begnügen, dasselbe tun, ist es offenbar legitimer, damit zu protzen... Antworten


Evelyne Oechslin

16.05.2011, 11:11 Uhr
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Eine interessante und analytische Rezension dieses wirklich erfrischendes Stückes. Als junge Studentin und Teil des Premierepulikums fühle ich mich aber vom ersten Abschnitt etwas beleidigt. Ich kann der Autorin versichern, dass wir nicht grunzend aus der Vorstellung gekommen sind. Schade, dass die Tatsache dass das Publikum einmal nicht gänzlich ergraut ist hier nur als Anlass zum Spott dient. Antworten




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