Kultur
Ein allerletzter Auftritt für die Transen
Vanessa van Durme. (Bild: PD)
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Einen so kühl-beiläufigen «Bolero» hat man in der Tanzgeschichte kaum je gesehen. Statt stampfender, wogender Körpermassen sieht man neun Menschen elegant über die Bühne flanieren. Posten, ein paar Schritte, ein kleiner Schlenker mit dem Arm. Es ist ein Catwalk der eher ruhigen Art – aber keinesfalls leidenschaftslos: Im Hintergrund drängeln sie sich um den Schminktisch, stürzen sich mit Begeisterung in Glitzerfummel und gehen ungeduldig auch mal halbnackt los.
Sie nennen sich Juanita de Buenos Aires, Shirley Nightingale oder die Auslaufmaus. Sie sind eine Dame, sieben ältere Herren – zum Teil inzwischen ebenfalls Damen – und ein junger Tänzer. Zusammengekommen sind sie auf Initiative der Transsexuellen Vanessa van Durme. Sie überzeugte die Regisseure Frank Van Laecke und Alain Platel, mit ihr und ihren Freunden einen Abend über das Transvestitenmilieu zu kreieren. Platel kennt man heute vor allem für seine überwältigenden Tanzstücke zu Barockmusik. Einen Namen gemacht hat er sich einst aber mit erfrischend direktem Laientheater.
Schlager und Striptease
Die beiden Regisseure konzipierten «Gardenia» als Revue, angesiedelt am letzten Abend vor der Schliessung eines Cabarets. Der ermöglicht allen noch einen letzten Auftritt, den Künstlerinnen und Künstlern, Habitués, Nachtschwärmern und einsamen Seelen. Es ist ein Abschied und ein Stück nicht nur über Geschlechter, sondern auch über Träume, Liebe, Einsamkeit und Alter. Man wähnt sich manchmal fast im Altersheim. Vor allem zu Beginn, wenn die Protagonist(inn)en in grauen Anzügen tattrig über die Bühne stolpern, sich auf ihre Stühle setzen und leise einen alten Schlager summen.
Doch dann folgt ein erster Striptease – einer von vielen –, und zum Vorschein kommen bunt geblümte Sommerkleidchen. Damit werfen sie sich in Pose für Gruppenfotos – ein ums andere Mal, mit vollem Körpereinsatz und unerschöpflicher Fantasie. Das Posieren ist ein Leitmotiv an diesem Abend, der so eindrücklich zeigt, dass Kategorien wie echt und unecht, Pose und Natürlichkeit keinen Sinn ergeben, wenn es um Menschen und ihre Sehnsüchte geht.
Finale auf dem roten Teppich
Geredet wird wenig, aber wenn, dann wird kein Blatt vor den Mund genommen. Man hört derbe Schwulenwitze, allzu ehrliche Kontaktanzeigen und marktschreierisch hinausposaunte Details über Liebe, Missbrauch und Sex. «Ihre Fotze ist ein Hauptbahnhof. 24 Stunden Verkehr», heisst es zum Beispiel. Es wird kein Klischee ausgelassen – auch nicht in der Musik, die von «Somewhere Over the Rainbow» bis «Sag mir, wo die Blumen sind» reicht. Und schon gar nicht in der Kostümierung: Zum grossen Finale erscheinen die Transvestiten und Transsexuellen als Diven auf dem roten Teppich, als abgehalfterte Versionen von Liza Minelli, Tina Turner oder als Showgirls aus den 20er-Jahren.
Die Revue ist oft vorhersehbar, manchmal überraschend und meistens elegant. Sie wirkt mit ihrem schrillen Witz und ihrer tiefen Melancholie wie eine Mischung aus einem Programm von Georgette Dee und einem Abend von Christoph Marthaler. Immer häufiger muss man im Verlauf des Abends aber an Pina Bausch denken: das Gehen, die Stühle, die sehnsuchtsvollen Schlager, die Kontaktanzeigen, ja sogar die Gesten der Arme erinnern deutlich an die Übermutter des deutschen Tanztheaters.
Doch gerade dieser so offensichtliche Bezug macht ein Manko des Abends deutlich: Er verfolgt keine klare Richtung, geht nicht in die Tiefe, sondern flattert von Zitat zu Zitat. So aber bleibt er letztlich zu vage und wird auch den wunderbaren Performern nicht ganz gerecht.
Theater Spektakel Zürich, Werft, bis Sonntag, 5. 9. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.09.2010, 20:26 Uhr
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