Endo Anaconda scheitert als Dramatiker

Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 08.03.2010

Der Stille Has lässt sich für sein Debut als Bühnendramatiker von seiner neuen CD inspirieren. Viel mehr als kolumnenhafter Kalauer kommt dabei nicht heraus.

Idylle mit Albdruck: «Auspacken» in Luzern.

PD

Macht auf der Bühne eine bessere Figur als hinter der Bühne: Endo Anaconda.

Macht auf der Bühne eine bessere Figur als hinter der Bühne: Endo Anaconda. (Bild: Keystone)

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Ein Mann (Jörg Dathe) steht zwischen Umzugskartons in seiner Wohnung, in Unterhosen und einem Hemd. «Am Boden zerstreut liegt mein ganzes Leben, nur saubere Unterhosen finde ich keine», sagt er zu seiner neuen Bekanntschaft (Samia von Arx), die Justine heisst, und mit der er gerne schlafen würde. Die alte Bekanntschaft ist ausgezogen und die Wohnung zu teuer geworden, darum die Kartons und die steten Besuche des Umzugsbeamten (Hans-Caspar Gattiker). Wer «So verdorbe» kennt, die aktuelle CD von Endo Anaconda und Stiller Has, kennt den Mann bereits, kennt auch Justine und die Fatalität der Liebe, die kommt und wieder verdirbt. In Andreas Hasengruber, der Hauptfigur von «Auspacken», ist unschwer dessen Autor zu erkennen: Jener Andreas Flückiger, der in Kärnten und im Emmental aufwuchs, in Wien lebte und dann zurück in die Schweiz zog, um unter seinem Alias zum besten Mundarttexter der hiesigen Musikszene zu werden.

Über die Meisterschaft, zu der es Endo Anaconda in der kurzen Form des Songschreibens gebracht hat, braucht man keine Worte mehr zu verlieren. Leider hat ihm das Luzerner Theater jetzt die Gelegenheit gegeben, sich und seine Themen in einem zweieinhalbstündigen Theaterabend breitzutreten. Der Autor selber hat die Songs von «So verdorbe» als Soundtrack zum Stück bezeichnet. Wir möchten es hier umgekehrt halten: «Auspacken» ist das Bedienungsmanual zur Musik («Da spürte ich zum ersten Mal den Blues»). Ein mühsamer Textwust, der Anacondas Lebensthema – sein Leben – herleitet, zerredet und schliesslich verkalauert.

Zurück in Anacondas Vergangenheit

Als das Stück nach mehr als einer halben Stunde endlich hinaus aus der Berner Wohnung führt, ist mit dem aphorismen- und kolumnenhaften Theater über bünzlige Nachbarn und verspätete Zügelleute der schlimmste Teil immerhin überstanden. In einer Rückblende befinden wir uns jetzt in der Kärntner Kindheit von «Anderl» – und am Anfang eines autobiografisch inspirierten Exorzismus. Das ist zwar ein starkes Wort für die gängige Idyllenkritik, die nun folgt, aber immerhin entlädt sie sich dann doch in einer einzigen, starken Sequenz: Stellvertretend für die Gewalt, die Anderl im resttotalitären Kärnten der Nachkriegszeit zugefügt worden ist, wird ein Has (!) gehäutet. Als Alter Ego begegnet das blutige Tier dem Jungen wieder, und in einer hart rhythmisierten Sprachfuge schleudert dieser Albdruck den Andreas hinaus in die Welt.

Ein Arzt behandelt seine offenen Wunden mit Drogen, doch leider fällt zu diesem halbwegs dringlichen Zeitpunkt des Stücks nun dem Regisseur Hannes Rudolph nichts mehr ein: Er lässt sein bedauernswertes Ensemble allen Ernstes einen Schuss in die Vene nachhantieren. So einfallslos ausgestellt, verpufft auch einer der wenigen denkwürdigen Sätze des Abends: «Wenn man ihn nicht mehr hat, versteht man ihn besser, den Schmerz.»

Ohne Musik weniger Wert

Der Rest ist Ernüchterung: Endo Anacondas dramatisches Debüt ist ohne die grimmige Komik und das haarfeine Grauen seiner Lieder. Als das Ensemble «Chlyne Tod» von der letztjährigen CD singt, ist das der einsame Höhepunkt des Abends.

bis 2. Mai (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.03.2010, 06:44 Uhr

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