Kultur
«Ich will ganz da sein und hier sesshaft werden»
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 20.05.2009
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Frau Frey, Ihre Eröffnungspremieren werden von Ihnen, Stefan Bachmann, Stefan Kaegi und – fürs Junge Schauspielhaus – von Enrico Beeler bestritten, Bachmann inszeniert Kellers «Martin Salander». Und zu Ihrem Dramaturgenteam gehört der Zürcher Schriftsteller Lukas Bärfuss. Veranstalten Sie Festspiele für die Schweiz?
Natürlich ist diese Auswahl kein Zufall. Lange war für mich Berlin meine Heimat. Nun zurückzukehren, fühlt sich schon ein wenig seltsam an. Aber ich habe bewusst Brücken abgebrochen, einen Schnitt gemacht und meine Berliner Wohnung aufgegeben: Ich will ganz da sein, in den ersten zwei Jahren auch nicht woanders inszenieren und hier sesshaft werden. Als Heimkehrerin suche ich die Auseinandersetzung mit Zürich und der Schweiz. Was heisst Heimat überhaupt? Diese Frage muss ich mir neu stellen. Dazu gehört der Demokratiebegriff bei Salander ebenso wie eine Fahrt in der Forchbahn am Sonntag oder ein Spaziergang im Küsnachter Tobel, der mich an meine Kindheit erinnert – und doch so ganz anders ist.
Was ist für Sie hier eine Neuentdeckung?
Berlin ist eine Stadt der Improvisation, der lebendigen Kiez- und Chaos-Kultur. In Zürich wirkt dagegen alles sehr aufgeräumt. Aber wenn man genauer hinschaut – wie Cornel Windlin in unserem Spielplanheft –, dann entdeckt man auch hier das Chaotische. Wir wollen mit unserem Theater in die Stadt hineingehen, uns an die Stadt und das Land anschliessen und sind sehr neugierig. Wir wollen Theater für hier und von hier machen – nicht eine Saison präsentieren, die genauso in Hamburg oder Wien laufen könnte.
«Wir» ist für Sie ein wichtiges Wort. An der Medienkonferenz sassen 7 Leute auf dem Podium, das Ensemble stocken Sie auf 27 auf. Zusammen mit dem Schweiz-Aspekt, mit dem Einsatz diverser Marthalerianer wie Ruedi Häusermann und der Wiedereinführung des alten Namens «Box» für die «Halle 2» im Schiffbau erweckt Ihr Auftakt fast den Eindruck eines Marthaler-Revivals.
Das war so nicht geplant. Aber es ist klar, dass für Marthaler wie für mich das Helvetische naturgemäss eine Rolle spielt und auch spielen soll. Und ich bekenne mich klar zum Ensembletheater und will es wieder stärken. Was den Namen «Box» angeht: «Halle 2» hat sich einfach nie durchgesetzt, weder intern noch extern.
Zu einem anderen «Kind» Marthalers bekennen Sie sich gleichfalls mit Verve: dem Schiffbau. Wie sehen Sie seine Situation?
So richtig verstehe ich die neue Aufregung darum nicht. Im Grunde hat sich die Lage ja gar nicht geändert. Der Schiffbau ist ein wesentlicher Spielort des Schauspielhauses, für den sich etwa Sasha Waltz – die dort ihren Tanz zeigen wird – sofort begeistert hat. Wir werden neu auch ein Schiffbau-Abonnement anbieten, um einen Akzent zu setzen. Und wir wollen auf jeden Fall dessen Management behalten, damit wir in unserer kniffligen Spielplandisposition mit den vielen Spielorten nicht behindert werden; und damit wir darauf achten können, dass das Label «Schiffbau» seine Identität nicht verliert. Eine unsensible Eventplanung wäre ein Unding. Aber eben: Das Management liegt ja bei uns, und alles wird auf unseren Spielplan abgestimmt! Und Vermietungen fanden vorher auch schon statt. Irgendwo müssen wir ja einen Beitrag leisten. Theater brauchen Geld – wenn Sie eine zusätzliche Einnahmequelle finden können, sollten Sie sich dem nicht grundsätzlich verschliessen.
Der scheidende Intendant Matthias Hartmann hat das neue Schiffbau-Konzept heftig kritisiert und zuletzt aus finanziellen Gründen keine Eigenproduktionen mehr im Schiffbau gemacht.
Ich sehe es etwas anders als Hartmann. Unser Budget ist ja kleiner als jenes, mit dem er seinerzeit loslegte. Aber unser Saisonprogramm ist im vorgegebenen finanziellen Rahmen geplant, genehmigt und sehr seriös vorbereitet, auch vom interimistischen kaufmännischen Direktor. Aber eines will ich einmal loswerden: Es wurde im Zusammenhang mit dem Schauspielhaus viel zu viel über Geld geredet. Das soll sich jetzt endlich ändern.
Dann zurück zum Spielplan: Es gibt neun Uraufführungen von Lukas Bärfuss bis René Pollesch und Klassiker von Euripides über Marivaux bis Beckett. Gibts einen roten Faden?
Nein, gar nicht! Oder, wenn man so will: Ausgewogenheit und Vielfalt. Junge und gestandene Regisseure, tolle Klassiker, die als Ensemblestücke funktionieren, und eine Duftmarke mit neuen und dramatisierten Stoffen. Das Zürcher Haus ist offen für ein grosses Theaterpanorama.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.05.2009, 11:18 Uhr
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