Kultur

Im Herzschlag der Moderne

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 30.10.2012

Das Berner Ballett und das Berner Symphonieorchester glänzen in Stücken dreier internationaler Choreografen zu Musik von Philip Glass, Igor Strawinsky und Maurice Ravel.

Als wäre eine Brücke mitten im Auseinanderbrechen eingefroren worden: Die Bühnenkonstruktion im Stück «Agon». Foto: Philipp Zinniker

Als wäre eine Brücke mitten im Auseinanderbrechen eingefroren worden: Die Bühnenkonstruktion im Stück «Agon». Foto: Philipp Zinniker
Bild: Philipp Zinniker/zvg

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Weitere elf Vorstellungen bis 19. Januar 2013. www.konzerttheaterbern.ch

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«Herzschläge». So lautet der Titel des ersten Tanzabends der neuen Saison im Berner Stadttheater. Ein Allerweltstitel, der nichts aussagt und dann – welche Überraschung – genau ins Schwarze trifft. Der Einfallsreichtum und die Musikalität, mit der die drei Gastchoreografen an diesem grossartigen Abend das Berner Ballett fordern, lassen in der Tat nicht nur dessen Herzen gewaltig klopfen, sondern auch die des Publikums.

Internationales Format haben die drei Choreografen, die für diesen Abend ans Werk gingen (Tanzchefin Cathy Marston ist noch im Mutterschaftsurlaub). Und keinen Moment lang hat man den Eindruck, als wäre da ein Programm aus Notlösungen zusammengestiefelt worden. Die drei abstrakten Tanzstücke «Trace» (Musik Philip Glass) des Schweden Örjan Andersson, «Agon» (Igor Strawinsky) des Kreten Andonis Foniadakis und «Walking Mad» (Maurice Ravel) von Johan Inger, einem Choreografen, der auch für das renommierte Nederlands Dans Theater arbeitet, sie haben Tempo, Profil und Witz und fügen sich nach und nach zu einem modernen zeitgenössischen Abend, der nicht nur im Einzelnen, sondern auch als Ganzes überzeugt.

Es ist auch ein Abend mit historischem Bewusstsein: Immer wieder blitzen Bezüge zu grossen Momenten der Tanz- und Musikgeschichte – von Balanchine bis Béjart – auf. Und selbst die wandelbaren Bühnenbilder (Stefanie Liniger) sind eine Klasse für sich, weil sie eigenständig zur Stimmungssteigerung beitragen und dabei eng mit den tänzerischen Inhalten verknüpft sind.

Das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Ewald Donhoffer, einem 35-jährigen Gastdirigenten aus Wien, bewegt sich ebenso entspannt wie zielsicher durch die musikalischen Labyrinthe von Philip Glass’ Minimal Music, Strawinskys vielschichtig instrumentierten, tonalen und modalen Zauberklängen oder den «Boléro», diesen sich über 340 Trommeltakte aufplusternden Ohrwurm. Die Bilder dazu, die einst von Béjart in Stein gemeisselt wurden, haben definitiv ihre Unantastbarkeit verloren. Nachdem 2004 in Bern bereits Jo Stromgren dazu ein Ballett mit neuem Inhalt kreiert hat, tut dies nun auch Johan Inger – und erntet dafür beim Berner Publikum Begeisterung.

Urbane Geschäftigkeit

Es ist ein tänzerischer Abend mit hohem Anspruch. Dass er auf so hohem Niveau gelingt, ist das Verdienst des Berner Balletts. Es beschert dem Publikum Glücksmomente mit Herz und flinken Tanzfüssen. Bis auf den Einstieg. Dass zwei Tänzerinnen und ein Tänzer sich auf offener Bühne ausstellen müssen, noch bevor alles beginnt, ist nicht nur überflüssig, sondern unverständlich. Sie haben nichts zu tun, wirken wie bestellt und nicht abgeholt.

Umso unnötiger das Ganze, als dann auch «Trace» mit Warten beginnt. Den ersten Satz von Glass’ dritter Symphonie hören sich die Tänzer an. Sie sitzen unter dem weissen Segel, das sich über ihren Köpfen wölbt wie eine helle Qualle ohne Tentakel, und lassen den Soundtrack wie Wasserwellen um sich fliessen. Erst nach und nach kommt das Spiel in Gang. In weiten Hemden und mit offenen Haaren ziehen sie durcheinander, in Kreisen und Gruppen und unterschiedlichen Zeitmassen. Alles ist Fluss und gleichzeitig im Innern gestaltete Form.

Obwohl da nichts ist, an dem man sich halten kann, entdeckt man Schichten und Strukturen in diesem Uhrwerk aus anonymer Bewegung. Und Individualität: Wie die Figuren traumwandlerisch in den Raum schreiten oder wie sie nach einer Schrecksekunde mit abrupten Armbewegungen ihre Körper aufwecken, als müssten sie sich gegen das Ertrinken in dieser Minimal Music wappnen, ist spannend. Eine Momentaufnahme über vier Sätze. Jeder Tänzer hat sein Tempo, jeder ist unterwegs von irgendwoher nach irgendwohin. Doch das Timing stimmt.

Das ist so perfekt komponiert, dass es fast improvisiert wirkt. Wie man solche Bewegungsfolgen auswendig lernen und wieder abrufen kann, ist für den Laien ein Rätsel. Der Schwerpunkt der Choreografie liegt im dritten Satz mit dem hypnotischen Geigensolo, da werden diese Einsamen zu Wellen und Wassermolekülen. Nur der totale Rundumblick jedes Einzelnen garantiert, dass es keine Zusammenstösse gibt in diesem Netzwerk aus Schritten und Herzschlägen, in dem der Tanz nichts darstellt als sich selbst. Dass ein Tänzer unter allen eben gerade nicht speziell auffällt, nimmt man wahr als wundersames Glück: Jack Widdowson, der vor einem Jahr einer Messerattacke zum Opfer fiel, ist zurück auf der Bühne.

Schwebendes Tangram

In «Agon» wandeln sich die Tanzkörper, mutieren zu modernen Sternenkriegern, die ihre Beine und Arme wie Schwerter durch die Luft sausen lassen. Da werden Intellekt und Muskeln gefordert und in intensiven Partnertänzen Präzision und Timing ausgereizt. Effektvoll im dramatischen Licht- und Schattenspiel gliedert ein an Drähten schwebendes Tangram aus riesigen Scherben den dreidimensionalen Raum. Es wirkt wie ein futuristisches Mantra; als wäre da eine Brücke mitten im Auseinanderbrechen eingefroren worden. Wie im Original von Balanchine ist die Szene in Schwarzweiss getaucht, aber statt zwölf sind nur neun Tänzer im Einsatz, und der Tanz ist dem neoklassischen Korsett mit seinen puristischen Symmetrien enthoben. Kraftvoll und abwechslungsreich wie Strawinskys Instrumentation ist der moderne, von akrobatischen Elementen durchzogene Bewegungsfundus, mit dem Foniadakis das höfische Kolorit erweitert, das Strawinsky hier in Anlehnung an die Tanzsuiten des 17. Jahrhunderts komponiert hat.

Überraschend gibt «Walking Mad» zum Schluss ein neues Bild einer altbekannten Partitur: Johan Inger bringt Ravels «Boléro» in den Kontext einer Beziehungsgeschichte, die parallel zum Crescendo in der Musik sich auch psychologisch zuspitzt und schliesslich eine dramatische Wende nimmt. Bis zum Epilog mit der entrückten Klangglöckchenmusik «Für Alina» von Arvo Pärt (live gespielt von Abdiel Montes de Oca, Klavier) zeigen das Berner Ballett und Martina Langmann als expressive Solistin im feuerroten Gewand, dass sie den Vergleich mit internationalen Truppen nicht zu scheuen brauchen.

Die Neueinstudierung des Stücks, mit dem das Nederlands Dans Theater Furore machte, spielt gekonnt und witzig mit dem Verschwinden und Sichtbarmachen in, auf und hinter einer Stellwand, die als Blockade und Klagemauer, Schutzzaun, Laufsteg und Abgrund umfunktioniert wird. Ein Tanzstück mit theatralem Einschlag, intensiv, witzig und sehr schlüssig, das dem grossartigen Abend das Sahnehäubchen aufsetzt. (Der Bund)

Erstellt: 29.10.2012, 12:04 Uhr

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