Kultur
Irre Gräfin auf der Flucht
Von Simone Meier. Aktualisiert am 21.12.2009 1 Kommentar
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Der Ort bleibt ungenannt und unbekannt. Der Ort, an dem die 180 erschossenen jüdischen Zwangsarbeiter verscharrt wurden. Der Ort, an dem sie in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 in Rechnitz an der österreichischungarischen Grenze während eines Fests der Gräfin Margit von Batthyány und ihrer Nazi-Freunde niedergemetzelt wurden.
Ihre Leichen hat man nie gefunden, das Schloss ist abgebrannt, die Zeugen sind verschwunden. Ein grausiges Rätsel, in das wir da hineinversetzt werden in «Rechnitz (Der Würgeengel)» von Elfriede Jelinek. Und hineingesetzt werden vom Zürcher Schauspielhaus, das nach Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen nun den zweiten Inszenierungsversuch von Jelineks bereits mehrfach ausgezeichneter «Besessenheit», wie sie es selbst nennt, unternommen hat.
Zuerst ist da ein kurzer Begrüssungsprolog im unwirtlichen Kassenbereich des Schauspielhauses durch Isabelle Menke im grau-blauen KassierinnenOutfit. Dann wird man hineingesetzt in einen komfortablen Reisebus. Wohin er fährt, ist egal, am Premierenabend ist es ein grün geplättelter Gewerberaum im Kreis 5, an jedem anderen Abend wird er woanders in Zürich sein. Es könnte dabei um Spurenverwischung gehen, darum, die Zuschauer zu verwirren, die hier zu den Mitwissern einer dem antiken Theater entlehnten Botin (immer noch Isabelle Menke) werden, die von jener Nacht kündet, die der Weihnacht nicht fremder sein könnte. Doch auch die Botin bleibt bei ihrem Bericht im Ungefähren, denn erstens, so betont sie immer wieder, ist ihre eigene Meinung nicht gefragt, zweitens will sie sich nicht in Gefahr bringen. Geschichtsverdrängung mit Absicht also.
Ein Bagger, der nichts findet
Der Reisebus wird zum Fluchtauto der Batthyány in die Schweiz (die ganze Geschichte im «Magazin» vom 12. 12.), und während der Fahrt läuft ein Film: brennende Stoppelfelder in Schwarzweiss, eine kreuzförmige, ausgebrannte Ruine, ein Bagger, der in der losen Erde sucht und sucht und nichts findet. Darüber das Apokalypse-Gedicht «The Hollow Men» des Dichters T. S.Eliot, ausgerechnet des antisemitischen T. S. Eliot, dessen Text Elfriede Jelinek einer Computerübersetzung unterworfen hat. Verfremdung und Distanz. Im Programmheft bezeichnet sie den Einsatz der «hohlen» und der «ausgestopften» oder «gestopften» Menschen, die sie sich so von Eliot geholt hat, «als kleines Hindernis für denjenigen, der mit Wasserskiern draufsteht». Nur keine einfachen Denkvorlagen bieten.
Man klettert aus dem Bus und mit gefährlich viel Schnee an den Schuhen eine Eisentreppe hoch, setzt sich mit einem Klappstuhl ins dislozierte Theater, und da beschleicht einen ziemlich bald der Verdacht, dass Elfriede Jelineks aus viel Material zusammenrecherchiertes Rechnitz-Projekt wohl wegen seiner Uraufführungsinszenierung durch Jossi Wieler so viele Auszeichnungen gewonnen hat und nicht so sehr um seiner selbst willen.
Die Kalauer schnüren sich gegenseitig fast in jedem Satz die Luft ab, immer wieder wird ausweichend auf ein «Später» verwiesen, das aber nie eintritt, und das Dickicht der Poesie ist mit dem banalen Menschenverstand oft nicht zu durchdringen. Und so sehr einen das Wiedersehen mit der grossartigen Isabelle Menke freut, die früher einmal zum Neumarkt-Ensemble gehörte, manchmal legt sich doch eine leichte Schläfrigkeit über das abwechselnd schockgefrorene und wieder aufgetaute Publikum.
«Opfer wollen ja immer was»
Isabelle Menke gibt in diesem wahnwitzigen Sprachgefüge alles, stürzt sich darauf, als wäre sie eine pure Lebensnotwendigkeit. Zuerst ist sie eine Fluchtgestalt in Dutzenden von Kleidungsstücken, wird dann zur irren, aber in ihrem Irrsinn höchst animierten Gräfin im roten Abendkleid, ist mahnender Todesengel und Totengräber, ist nachdenklicher Pierrot im schwarzen Frack, hantiert mit einer riesigen Kiste – Koffer, Sarg und das «grosse historische Gepäck» – und eiskalten Leuchtröhren, ist ein Stück irrlichterndes und niemals mitfühlendes Leben über den armen, ausgemergelten Leichen.
«Opfer wollen ja immer was, auch wenn sie schon längst keine mehr sind und auch keine mehr gebracht werden», kolportiert sie den Zynismus der überlebenden Täter. Und man muss klar sagen: Selten hat man einen EinFrau-Abend gesehen, der so schillernd und differenziert ausgearbeitet war wie dieser von Isabelle Menke und dem deutschen Regisseur Leonhard Koppelmann. Zurück im Kassenraum des Schauspielhauses, steht Menke dann wieder blau-grau gewandet und bläulich beleuchtet wie eine konservierte Leiche tatsächlich hinter einer Kasse: «Mir wird das immer als meine aufregendste Zeit in Erinnerung bleiben.» Man glaubt das dem biederen Kassenfräulein aus Österreich aufs Wort. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.12.2009, 13:09 Uhr





David R L Litchfield
Ein Grossteil der Information in Elfriede Jelinek's Stück 'Rechnitz', inklusive Zitaten, ist von unserem Buch 'Die Thyssen-Dynastie' (assoverlag Oberhausen). Antworten