Kultur

«SVPler haben mehr Selbstironie»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 05.04.2011 101 Kommentare

Andreas Thiel gilt als einziger rechter Satiriker im Land, nächstens tritt er bei der Auns auf. Der Berner über «Giacobbo/Müller», SF-Zensur, Kultursubventionen und Auftritte bei SP-Veranstaltungen.

«Mainstream interessiert mich nicht»: Satiriker Andreas Thiel.

«Mainstream interessiert mich nicht»: Satiriker Andreas Thiel.

Andreas Thiel beim deutschen Kabarettpreis

Zur Person

Andreas Thiel, geboren 1971, ausgebildet als Bauzeichner und Schauspieler, ist einer der erfolgreichsten Kabarettisten der Schweiz. Bereits 1999 erhielten er und sein damaliger Partner Jean Claude Sassine den «Salzburger Stier» für ihr «Einsames Literarisches Kabarett». In den letzten Jahren war Thiel mit seinem Programm «Politsatire» unterwegs und schrieb Kolumnen für verschiedene Schweizer Zeitungen. Thiel lebt in Bern und Island.

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Andreas Thiel, Sie treten Ende Monat an der Jahresversammlung der Auns auf. Wen haut man dort als Satiriker in die Pfanne: EU-Gegner oder Befürworter?
Weiss ich noch nicht, ich trat noch nie an einer Auns-Veranstaltung auf. Grundsätzlich steht bei solchen Anlässen sowieso nicht der Veranstalter im Zentrum, sondern die politische Aktualität. Also heute Fukushima oder Ghadhafi.

Sie sind selber EU-Gegner. Würden sie auch bei der SP auftreten?
Natürlich, das habe ich schon mehrmals getan. Es geht bei solchen Anlässen schliesslich ums Geld. Bei den Kommunisten oder Faschisten würde ich zwar nicht auftreten. Solange es aber im normalen Schweizer Parteienspektrum ist, bin ich für alle zu haben.

Wie kommen Veranstalter-kritische Einlagen an solchen Anlässen an?
Gar nicht so schlecht. Denn das Publikum langweilt sich, wenn man ihm das Wort redet. Ich versuche deshalb, bei den Linken wie bei den Rechten stets Reibung zu erzeugen. Interessanterweise legen die Rechten mehr Selbstironie an den Tag. Wahrscheinlich weil sie es sich gewohnt sind, aufs Dach zu bekommen. Bei SP-Veranstaltungen sind die Leute schneller schockiert: Dass man sich über sie lustig machen kann, ist eine neue Erfahrung – denn sie sind ja die Guten. Trotzdem habe ich mehr Anfragen von den Linken. Wohl, weil die traditionell mit dem Kulturkuchen verbandelt sind.

Wie gross ist der Einfluss Ihrer persönlichen politischen Meinung auf Ihr Programm?
Gross. Ich würde nichts machen, das nicht meiner Meinung entspricht.

Sie nahmen zuerst Juden, dann Muslime und Atheisten ins Visier. Steht nicht die Provokation im Vordergrund?
Auch da kam jedes Mal meine Meinung zum Tragen. Wenn das nicht der allgemeingültigen Meinung entspricht – umso besser. Mainstream interessiert mich nicht. Aus diesem Grund ziehe ich auch nicht über Blocher her.

Was, wenn Ihre Meinung Mainstream wird?
Dann müsste ich den Job wechseln. Was nicht weiter schlimm wäre - die Welt wäre ja dann wieder in Ordnung.

Welches sind Ihre Vorbilder?
Das grösste Vorbild ist sicher Tucholsky. Der hatte ein sehr schwieriges Regime, gegen das er angeschrieben hat. Auch Oscar Wilde und Shakespeare bewundere ich, weil sie die Politik literarisch zerfetzten.

Ihre Feinde finden sich eher beim Schweizer Fernsehen. Dort wolle man Sie nicht, weil sie nicht links seien, haben Sie einmal gesagt.
Zumindest hat man bei der Sendung «Comedy im Casino» meine Texte zensuriert. Verheerenderweise meistens die Pointen. Bei der Radiosendung «Zytlupe» passierte das auch. Etwa wenn ich etwas gegen die 68er geschrieben habe. Sich über den ehemaligen israelischen Premier Sharon lustig machen, ging ebenfalls nicht. Die SVP runterschreiben war hingegen kein Problem.

Finden Sie deshalb nicht mehr am TV statt?
Nun, zweimal pro Jahr darf ich zu «Giacobbo/Müller».

Was halten Sie von denen - die gelten auch als links.
Dafür können sie nichts, das ist halt ihre Generation. In den 70ern hat man als Künstler gegen das FDP-Establishment gewettert. Meine Lehrer waren 68er. Die Autorität, gegen die ich kämpfe, sind also solche Leute. Aber Viktor und Mike finde ich super, was auch daher kommt, dass sie nicht aus dem Fernsehkuchen kommen, sondern vom Casino Theater Winterthur.

Was stört Sie am Fernsehkuchen?
Dass man nur die eigenen Leute zeigt, Edelmais, Rätpäck und so weiter. Der Rest, der auf dem Markt ist, wird nicht berücksichtigt. Es ist absurd: Die Schweizer kennen vor allem deutsche Komiker, weil das deutsche Fernsehen viele Satire-Sendungen hat. Die eigenen Komiker aber kennt man nicht, weil sie nicht am Fernsehen zu sehen sind. Ein eigenes Sendefenster für einheimische Satiriker und Kleinkünstler wäre sehr erfreulich. Vielleicht tut sich ja mit der neuen Senderleitung etwas.

Würde sich ein Engagement beim SF nicht mit Ihrer Anti-Subventions-Haltung beissen?
(lacht) Im Idealfall bräuchte es SF gar nicht! Aber im Ernst: Ein Künstler, der Subventionen einstreicht, ist nicht unabhängig. Schon bei der Eingabe der Subventionsanfrage richtet man sich nach Auflagen. Ausserdem verschlingt die Suche nach Subventionen kreative Energie.

Sie würden einen staatlichen Förderpreis also ablehnen?
Für Preise, die der Staat vergibt, muss man sich anmelden. Wenn der Staat aber käme und mir einen Preis geben würde, würde ich das wohl als Steuerrückvergütung betrachten. Oder ihn weitergeben.

Kann man Subventionen in der Schweiz überhaupt entgehen? Sie selbst spielen ja in subventionierten Theatern.
Ich kann nur selber keine Subventionen annehmen. Wenn sich aber ein Theater die Scheinwerfer subventionieren lässt, dann kann ich auch nichts dagegen tun. Es gibt aber viele Künstler, die hohe Gagen haben, nicht zuletzt, weil sie subventioniert werden. Wenn man die Subventionen streichen würde, müssten die Künstler öfter und auch in kleineren Theatern auftreten – was der Szene und dem Publikum zu Gute käme.

Auf die Gefahr hin, dass wir nur noch Mainstream-Kunst zu sehen kriegen.
Ich bin ja das beste Beispiel dafür, dass das nicht passiert. Sowieso: Wenn man schaut, was für Filme subventioniert werden, zum Beispiel «Mein Name ist Eugen», dann bieten Subventionen ja auch keine Garantie gegen Mainstream-Kunst.

Aus Protest über die einheimische Regulierungs- und Subventionskultur sind Sie vor zwei Jahren nach Island gezogen. Wie man hört, planen Sie nun nach Indien weiterzuziehen. Warum?
Da steckt kein kulturpolitisches Kalkül dahinter. Meine Freundin will irgendwohin, wo es Bäume hat und wo es warm ist. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2011, 11:10 Uhr

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101 Kommentare

Edith Habermann

05.04.2011, 13:06 Uhr
Melden 43 Empfehlung

Thiel ist kein rechter Satiriker, sondern ein richtiger Satiriker. Der Unterschied? Ein rechter Satiriker teilt nur gegen links aus, das trifft auf Thiel eindeutig nicht zu. Ein richtiger Satiriker teilt gegen alle Seiten aus. Und ein falscher Satiriker, was ist das? Einer der glaubt, eine Message zu haben und politisch korrekt sein zu müssen. Das trifft leider auf die meisten Schweizer zu. Antworten


Daniel Greco

05.04.2011, 17:41 Uhr
Melden 42 Empfehlung

Meine lieben Damen und Herren: ist Ihnen auch schon durch den Kopf gegangen, dass man weder SPler noch SVPler sein muss? Ja dass man ganz einfach seine eigene Meinung haben kann? Wenn ich aber eines nicht ausstehen kann, dann ist es diese Arroganz der Linken, die das Gefühl haben intellektuell zu sein und somit gebildeter als Andere und somit zu wissen wie die Welt funktionieren würde. Nein danke. Antworten




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