Kultur
Um jeden kussverschmierten Mund zuckt die Melancholie
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 13.03.2010
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Hände, Lippen, Haare, Rücken: Da wollen fünf Menschen einander beglücken. Sacht dreht es sich, das Knäuel aus Körpern, im Bäumchen-wechsel-dich-Tanz. Den Takt dazu, den schlägt das Begehren – und das Metronom der Angst. Den Song dazu aber singt der Narr, so rau wie ein Cowboy an der Bar: «Darüber regnete Regen.» Robert Hunger-Bühler at his best.
Aus dem fragilen Finale von Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» macht Barbara Frey Ringelpiez mit Anfassen, viel Anfassen. Und verdient dafür Applaus, viel Applaus. Denn in dieser Schlussszene schliesst sie das Bittere mit dem Süssen kurz, das Komische mit dem Tragischen. Ihr Tier mit den fünf Rücken hat zehn gierig rudernde Arme und ein einziges verstörtes Herz. Was ist wahre Liebe? Sind wir austauschbar? Kann der Mensch überhaupt lieben? Die Hochzeitskleider sind gerichtet, die Fragen jedoch bleiben offen. Um jeden kussverschmierten Mund zuckt die Melancholie.
Enttäuschung statt Erotik
Hier trifft die musikalische Regisseurin und Intendantin des Schauspielhauses den Grundton von Shakespeares Stück sehr genau. Barbara Frey stört die Arithmetik des Happy Ends, die Paarbildung, und folgt dadurch der Arithmetik des Dramas. Auch Shakespeare lässt es am Ende knistern – nicht vor Erotik, sondern vor verdeckter Enttäuschung. Der Herzog von Illyrien, Orsino, bekommt nicht die reiche Gräfin Olivia, die er anschmachtete, sondern Viola. Sie hat ihm, nach dem Schiffbruch, bei dem sie beinah ertrank, in Männerkleidung treu gedient.
Olivia bekommt nicht Viola, den schönen «Jüngling», den sie anbetete, sondern Violas Bruder, den ihr zum Verwechseln ähnlichen Sebastian, der die Havarie ebenfalls überlebt hat (was lange keiner weiss). Und Sebastian wie Viola wissen: Eigentlich sind nicht sie gemeint; ihre Partner hatten von anderen geträumt. Barbara Frey schickt in dieses unglückliche Glück nun noch eine Figur. Sean McDonaghs sexversessener, tänzerischer Antonio, der Schiffer, der Sebastian im Sturm das Leben rettete und in Leidenschaft für ihn entbrannt ist, klebt wie ein fünftes Rad am wackligen Wagen der zwei Paare.
Figuren, die nur sich selbst verfallen sind
Leider wackelt an diesem dreistündigen Abend nicht bloss das Liebesglück der Helden, sondern das Theaterglück der Besucher. Die Inszenierung glaubt kaum an die Klagelieder derer, die von Amors Pfeil getroffen wurden. Sie zeigt Figuren, die nur sich selbst verfallen, die Knallchargen der Ekstase und Kasperlepuppen der Geldgier sind. Dies tut sie über weite Strecken grandios, mit Härte und Humor. Und doch fehlt zu oft die Spannung, die entsteht, wenn man aus Shakespeares eleganten Wortgefechten und wilden Verwirrspielen rund um die Liebe den Schmerz freilegt.
Frank Seppelers Orsino zum Beispiel gibt gekonnt den selbstverliebten Spinner. Er kiekst hysterisch, wirft sich zu Bartóks Klängen in die Brust, wedelt mit den beringten Händen wie in einer billigen Tunten-Parodie, flennt seinen Dienern das Hemd voll und schaut sich dabei rasend gern selbst im Spiegel zu; man fragt sich dauernd, was Nina Hoss' überzeugend unsichere Viola an diesem Kerl bloss findet – aber eben diese Frage nach dem Warum der Liebe soll, auch das wird deutlich, in ihrer ganzen Sinnlosigkeit vorgeführt werden.
Blackbox der Gefühle
Der Spiegel ist allerdings eine grossartige Illustration von Barbara Freys Vorhaben: Die riesige Glaswand teilt die Bühne und verdoppelt die Akteure. Mal spiegeln sie sich, mal beobachten sie den anderen durchs Glas wie im Polizeirevier; mal sehen wir sie vervielfacht, mal nur ihre Spiegelung, während die Stimme aus dem Off kommt. Ein bravouröses Bild, das raffinierte Konstellationen und Verschiebungen erlaubt – karg und reich zugleich, so wie Freys Inszenierungen meistens ausfallen.
Nichts weiter steht in dem schwarzen Raum, dieser Blackbox der Gefühle, die Penelope Wehrli gebaut hat, als ein geschweifter Stuhl: ein unabdingbares Requisit in der urkomischen, in dieser Tonlage schlicht brillanten und besten Szene des Abends. Malvolio, Olivias Haushofmeister, findet einen fingierten Brief, der ihm die heisse Liebe Olivias vorgaukelt. Wie Michael Maertens schier über seine Füsse stolpert, die in hässlichen braunen Sandalen (mit Socken!) stecken, wie er mit zitternden Fingern das Siegel aufbricht, sich über das Papier krümmt, als wärs ein Baby, und dann über jeden Buchstaben spekuliert, als ob er alle Zeit der Welt hätte – das ist genial. Und fordert dem Publikum stante pede einen Szenenapplaus ab. Der Joppen-Träger mit Seitenscheitel, Brille, kleinem Bauch und grossen Aspirationen, dieser Jedermann, ist kein bisschen weniger machtverliebt – und selbstverliebt – als die, die am Drücker sitzen. Und trotzdem gibt Maertens ihm jenes gewisse Etwas, das ihn über die Karikatur hinauswachsen lässt. Jene Spur von Schmerz, die ihn menschlich – und uns mitempfinden macht.
Malvolio fällt aus der Rolle
Danach sucht man in der schlimmsten Szene vergeblich: Malvolio, der sich geliebt wähnt, fällt aus der Rolle. Seine Feinde – allen voran das Kammermädchen Maria (wunderbar wendig: Friederike Wagner) – haben ihn hereingelegt, und jetzt schmachtet er im Kerker. Um ihn noch weiter naszuführen, engagieren die Feinde den Narren, der immer gern etwas dazuverdient. Über Hunger-Bühlers halbnackten Auftritt als Narr, der sich als Pfarrer ausgibt und dabei, wahnsinnig lustig, Dialekt spricht, decken wir den Mantel des Schweigens.
Barbara Frey schenkt den Kleinigkeiten ihr Augenmerk; der Loser der Truppe etwa, Sir Aguecheek, kommt in Patrick Güldenbergs Version als Heulsuse mit Vokuhila-Schnitt und Provinz-Outfit gross heraus: Da steckt in der Posse eine Prise Verzweiflung. Und schwul sind sie irgendwie alle, diese modern kostümierten Gestalten, die einem zwar kaum unter die Haut gehen, aber dennoch an den Konventionen kratzen – frei nach Bartók, dem musikalischen Boden der Inszenierung.
Spannung zwischen Leid und Lächerlichkeit
Doch Breite im Detail und Breitseiten gegen das System (und seine Mitspieler) lassen den Blick für die grossen Linien der Geschichte etwas verloren gehen. Verschüttgehen wie Nina Hoss' Viola und deren brüderliches Pendant Sebastian, der – wohl aus prinzipiellen Erwägungen – gleichfalls mit einer Frau besetzt wurde: Franziska Machens (die beiden gleichen sich übrigens auf Entfernung wirklich sehr, und der Zuschauer erlebt den Verwechslungseffekt mit). Und wie der allzu heimliche Star dieser Inszenierung: jene Frau, um die sich alle drehen wie um die Sonne – Olivia; Caroline Peters, die, über die drei Stunden hinweg, die Spannung zwischen Leid und Lächerlichkeit, zwischen Liebe und Leerformel am besten hält. Bei ihr sprechen stets Hände, Lippen, Haare, Rücken.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.03.2010, 04:00 Uhr
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