Kultur

Was Humor darf – und was nicht

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 19.07.2012 58 Kommentare

Ein amerikanischer Komiker sorgte mit aggressiven Witzen über Vergewaltigungen für einen Skandal. Jetzt wird diskutiert, ob die Redefreiheit höher zu bewerten ist als moralische Einwände.

1/3 Komiker Daniel Tosh: Bedeutet das Ende von Vergewaltigungs-Witzen das Ende von Humor überhaupt?

   

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Darf Satire wirklich alles? Diese Frage beschäftigt seit vergangener Woche die USA. Ausgelöst hat die Diskussion der Komiker Daniel Tosh mit einem Auftritt in der Laugh Factory in Hollywood. Im Rahmen seines Programms riss Tosh einige Witze über Vergewaltigungen, was eine Frau im Publikum zu einem Zwischenruf veranlasste. Sie unterbrach den Komiker mit der Bemerkung: «Eigentlich sind Witze über Vergewaltigungen nie lustig». Tosh unterbrach sein Programm und gab zurück: «Wäre es nicht lustig, wenn dieses Mädchen von, sagen wir, fünf Typen hier und jetzt vergewaltigt würde? Also, genau jetzt? Was, wenn ein paar Typen sie einfach vergewaltigen würden?»

Gegner der Gedankenpolizei

Die Zwischenruferin fand das nicht sonderlich komisch und verliess schockiert den Saal. Danach publizierte sie den Vorfall in einem Blog – und entwickelte eine beträchtliche Dynamik. Im Fernsehen, in Zeitungen und auf Blogs wurde heftig darüber debattiert, was Humor darf und was nicht. Dabei stehen sich zwei Lager gegenüber: Zahlreiche Kommentatoren und Blogger, vornehmlich weiblichen Geschlechts, kritisierten Tosh für diesen frauenverachtenden «Witz» scharf. Unter anderem wurde flugs eine Petition gestartet mit dem Ziel, Toshs Arbeitgeber Comedy Central davon zu überzeugen, dessen Show abzusetzen.

Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger der Meinungsfreiheit und Gegner der Gedankenpolizei, vornehmlich männlichen Geschlechts. Sie geben zu bedenken, dass Komiker sogar dazu verpflichtet seien, die Grenzen des guten Geschmacks zu durchbrechen. Schliesslich werde niemand gezwungen, sich solche Witze anzuhören, und die Aussage stehe unter dem Verdikt der Gedanken- und Meinungsfreiheit. Wenn Witze über Vergewaltigung nicht mehr möglich seien, dann komme das dem Ende von Humor überhaupt gleich. In ähnlicher Manier äusserte sich schliesslich auch Tosh selbst, als er ein paar Tage später per Twitter eine Art Entschuldigung absetzte. Sein Standpunkt sei, dass es schreckliche Dinge gebe auf der Welt und dass es möglich sein müsse, darüber Witze zu machen – selbst wenn sie geschmacklos seien.

Eine Frage der Nachfrage

Es geht aber bei dieser Geschichte nicht nur um Mann versus Frau oder Komiker versus Feministinnen – im Fall Tosh meldeten sich auch Komikerinnen zu Wort, welche Tosh vorwarfen, eine entscheidende Grenze überschritten zu haben und ein kulturelles Muster zu bestärken, dem nicht nur Frauen, sondern auch Mädchen und Jungen zum Opfer fielen. Aber wenn Humor auf Tabubruch angewiesen ist – wo genau ist die Grenze des Tolerierbaren? Mit dieser Frage sind jene, die von Berufs wegen mit Humor zu tun haben, ständig konfrontiert. So sorgte gerade erst in Deutschland ein Cover des Satiremagazins «Titanic» für kollektive Empörung, das den Papst mit eingenässtem Gewand zeigte und dazu titelte: «Undichte Stelle im Vatikan gefunden». Der Vatikan erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen das Magazin, beim Presserat hagelte es Beschwerden, weil hier die religiösen Gefühle der Katholiken verletzt würden. Darf man also Witze über den Papst machen, darf man Witze über Vergewaltigungen machen, darf man über tote Babys witzeln? Und wo genau liegt die Grenze?

Die verschiedenen Analysen zum Fall Tosh bringen das Problem folgendermassen auf den Punkt. Natürlich könne jeder Komiker sagen, was er wolle, schreibt Lindy West vom Portal «Jezebel», das sei schliesslich der Punkt von Stand-up-Comedy. Aber es gibt auch eine Kehrseite. Denn der Komiker arbeitet mit dem Feedback des Publikums. Dieses wiederum habe ebenfalls die Freiheit, nach Belieben auf seine Witze zu reagieren. Natürlich könne man Witze über Vergewaltigungen reissen. Tatsache sei aber auch, dass 90 Prozent dieser Witze nicht funktionierten, was daran zu erkennen sei, dass das Publikum diese Witze hasse und das auch deutlich zu erkennen gebe. Somit ist es nicht mehr eine Frage der Meinungsfreiheit, sondern eine der Nachfrage des Publikums.

Bislang haben bereits 30'000 Menschen die Petition zur Absetzung von Daniel Tosh und seiner Show von Comedy Central unterschrieben. Noch hat der Komiker seinen Job. Er soll aber eifrig bemüht sein, alle Witze über Vergewaltigungen aus seinem neuen Programm zu streichen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.07.2012, 10:41 Uhr

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58 Kommentare

Josef Nemecek

19.07.2012, 11:44 Uhr
Melden 149 Empfehlung 0

Satire darf alles - sie muss aber gut gemacht sein. Diesem Zitat von Kurt Tucholsky muss man eigentlich nichts hinzufügen. Antworten


Dustin Peters

19.07.2012, 11:38 Uhr
Melden 86 Empfehlung 0

Es gibt keine guten oder schlechten Witze, es gibt nur das richtige oder falsche Publikum dazu. Man muss nicht alles lustig finden. Man kann solche Komiker boykotieren, wenn man sie, resp. deren Humor nicht mag. Ein Auftrittsverbot wie sie die Petition fordert ist aber lächerlich. Antworten



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