Kultur

Wenn eine Frau einen Mann spielt

Schauspielerin Nina Hoss erzählt vor der Zürcher Premiere von Shakespeares «Was ihr wollt», wie sie beim Tramfahren Passagiere beobachtete, um sich auf ihre Rolle als Viola vorzubereiten.

«Die Arbeit ist meine grosse Leidenschaft»: Nina Hoss will als Viola existenzielle Fragen ansprechen.

«Die Arbeit ist meine grosse Leidenschaft»: Nina Hoss will als Viola existenzielle Fragen ansprechen. (Bild: Keystone)

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Premiere am Donnerstag.

Diese Viola ist kein Veilchen, nichts Herziges, nichts Verhuschtes, am Boden Verborgenes. Nur ihre Augen, die sind tatsächlich leuchtend blau. Doch der Rest ist Rose; mindestens! Wenn Nina Hoss den Raum betritt – und sei es ein kleines Kabuff wie jenes im Pfauen, wo wir uns zum Gespräch treffen –, dann verblasst alles andere. Da will sich eine nicht in Szene setzen und legt nolens volens einen wunderbaren und gelösten Auftritt hin.

Die Lust an der Gaudi auf der Bühne

«Jemand anders hätte mich in Shakespeares „Was ihr wollt“ sicher als Olivia besetzt, nicht als Viola, diese ungezähmte Frau, die sich als Mann verkleidet», sagt die Schauspielerin mit den Model-Massen. Zuletzt gab Nina Hoss in Christian Petzolds Filmen «Jerichow» und «Yella» die unglücklichen Heldinnen; und auch als «Öl-Hure» in Lukas Bärfuss’ kritischem Stück «Öl» blieb ihr jüngst fürs Komische nur wenig Platz. «Ich finde es grossartig, dass Barbara Frey mich regelmässig mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Sie war auch die Erste, die mir eine komische Rolle anvertraute.» Das war 2005: Damals entdeckte Nina Hoss mit dem Kammermädchen Franziska in «Minna von Barnhelm» ihre spöttische Seite, ihre Lust an der Gaudi auf der Bühne.

Die «Minna» ist das Stück, das Nina Hoss und Barbara Frey zusammenführte. Seither haben die beiden öfters gemeinsam gearbeitet – zuletzt 2008 in Botho Strauss’ «Gross und klein» am Deutschen Theater in Berlin, wo die Schauspielerin schon seit ihrer Studienzeit an der Ernst-Busch-Hochschule mittut. «Entgegen allen Berichten gehts uns gut am Deutschen Theater», lacht sie; sie selbst, die Stuttgarterin, fühlt sich in der Hauptstadt, wo sie mit ihrem Partner lebt, sehr wohl.

Studien im Tram

Aber das Angebot aus Zürich hat sie gereizt: Es stimmt zwischen den beiden, zwischen der 34-jährigen deutschen Überfliegerin, die bereits mit zwei Adolf-Grimme-Preisen in Gold, dem Berliner Bären, dem Silbernen Bären, dem Gertrud-Eysoldt-Ring und vielen anderen Ehrungen ausgezeichnet wurde, und der 46-jährigen Schweizerin, die das Schauspielhaus Zürich leitet. «Alle sind einander hier so zugewandt», sagt die Berlinerin über das Zürcher Haus.

«Barbara Frey ist sehr energetisch. Sie ist eine begnadete Komikerin, die ein feines Sensorium für die nicht so brachiale weibliche Komik besitzt und ihr Raum gibt. Sie hat eine gute Beobachtungsgabe und geht jeweils mit den Schauspielern zusammen auf die Suche nach den Figuren. Sie denkt nicht in Formen und Räumen à la „lauf mal von links hinten nach rechts vorn“, sondern in Charakteren.»

Was für ein Charakter ist denn diese Viola, die sich in Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» nach einem Schiffbruch in einem fremden Land aus Selbstschutz als Mann verkleidet? Die für den dortigen Landesvater Botendienste leistet und sich unsterblich und unglücklich in ihn verliebt? Jedenfalls eine Hommage an den Menschen überhaupt und an die überwältigende Natur der Liebe, meint Nina Hoss (deren eigenes Outfit beim Gespräch – lila Pulli, rosa-schwarz gemusterter Schal, silberne Armbänder – die Geschlechteridentität nicht die Spur infrage stellt). Die Geschlechterrollen verrutschen bei Shakespeare: Gräfin Olivia verliebt sich in die verkleidete Viola, Viola in Orsino, der Olivia liebt und nicht den «jungen Mann».

Um in diesem Wirrwarr mitzuwirken, hat die Frau mit den zarten Zügen und dem langen, blonden Haar die männliche Körpersprache studiert, Gemälde angeschaut, Zürcher Trampassagiere observiert. «Das habe ich sowieso geliebt: morgens mit dem Tram vom Pfauen zum Schiffbau, abends zurück, und die Leute auf dieser unbeobachteten Bühne beobachten.» Später übte Nina Hoss die Übersetzung ihrer Beobachtungen: Wie sieht es aus, wenn eine Frau einen Mann spielt?

Allen den Kopf verdrehen

Eine vertrackte Aufgabe (die bei Shakespeare noch vertrackter war, weil nur Männer Mimen sein durften), die sich aber im Verlauf der Proben in Luft auflöste. Mit der Zeit verliefen nämlich die klaren Demarkationslinien zwischen männlich und weiblich. Das Verwirrspiel verdrehte allen den Kopf, und zur Premiere am 11. März im Pfauen bringt Nina Hoss die Feststellung mit, dass die beiden Frauen, Olivia und Viola, doch auch ein sehr schönes Paar gewesen wären. «Ich hoffe, dass der Zuschauer diese Offenheit ebenfalls zulassen kann.»

Für Nina Hoss geht es dabei nicht um die Rechte für Homosexuelle, nicht um Politik mit der Moralkeule, sondern ums Unkontrollierbare, ums Liebeschaos, um eine Art politisches Theater durchs Hintertürchen: Hierarchie, Geschlechterverhältnisse, Theaterkonventionen wie das Happy End – das Shakespeare hier bewusst minimalistisch bedient und das nach einer ambivalenten Umsetzung schreit – sind Themen, die in dem Drama von 1602 so leichthändig jongliert werden wie die kleinen, bunten Bälle von Artisten. «Es muss ein leichter, luftiger Abend sein und ein bittersüsser Abend. Die existenziellen Fragen strömen im sinnlichen Sog mit: Das wäre am besten.» Kein Komödien-Klamauk, der alles zudeckt, und kein Theorie-Trara, das den eleganten Witz lahmlegt.

«Aber nach der ersten Durchlaufprobe könnte sich alles auch ganz anders anfühlen», unterstreicht die Star-Actrice, für die das Wort Allüre ein Fremdwort ist. «Darum ist meine Arbeit meine grosse Leidenschaft: weil ich ständig neue Erfahrungen machen kann. Auch die 160. Aufführung der „Emilia Galotti“ birgt Entdeckungen und Aha-Erlebnisse.» Erfahrung ist das Zauberwort von Nina Hoss. Die allererste, die Schlüsselerfahrung, war ein Geburtstagsfest ihres Vaters: Da zog es sie, die Fünfjährige, mit Macht auf die Bühne. Sie stellte sich hin, sang «Sag mir, wo die Blumen sind» und wusste, die Schauspielerei muss es sein.

Kein Wunder: Ihre Mutter, Heidemarie Rohweder, arbeitete als Schauspielerin am Stuttgarter Staatstheater, bevor sie Intendantin der Württembergischen Landesbühne in Esslingen wurde. Und ihr Vater, Willi Hoss, von Haus aus Elektroschweisser, war lang auf der politischen Bühne aktiv: als Daimler-Betriebsrat und als Grüner der ersten Stunde.

Das Glücksgefühl beim Drehen

Er trat wegen des Afghanistan-Engagements der Bundeswehr später aus der Partei aus – und auch seine Tochter ist konsequent. Ein Millionenpublikum hat sie als weisse Massai gesehen, die mit einer fremden Kultur ringt (dafür gabs den Bayerischen Filmpreis). Privat engagiert sie sich in «Terre des Femmes» gegen die Genitalverstümmelung und, in ihrem eigenen Projekt, für den Erhalt des Lebensraums der Ka-apor-Indianer im Regenwald Brasiliens.

Nina Hoss ist kein Veilchen, sie ist Feuer und Flamme: fürs Theater; für den Film – «dieses Glücksgefühl beim Drehen: Der erste Moment zählt, die Unschuld geht nicht verloren»; für ihre Anliegen; ihre Menschen. Zur Premiere in Zürich kommt sogar der Rektor ihrer geliebten, legendären alten Schule, der alternativen Merz-Schule in Stuttgart. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 11:46 Uhr

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