Kultur

Zwischen Tod und Lebenslust

Von Maya Künzler. Aktualisiert am 30.08.2010

Das Zürcher Ballett eröffnete die neue Saison mit drei ganz unterschiedlichen Kammerwerken.

Er holt es sich: Szene aus Heinz Spoerlis «Der Tod und das Mädchen».

Er holt es sich: Szene aus Heinz Spoerlis «Der Tod und das Mädchen».
Bild: Sabina Bobst

Obschon dem Zürcher Ballett für den Eröffnungsabend jeweils kein Orchester zur Verfügung steht, hat Ballettdirektor Heinz Spoerli eine glückliche Stückwahl getroffen. Auch die Dramaturgie stimmt. Elegisch gleiten wir zu sechs Nocturnes von Frédéric Chopin in den ersten Teil. Mit «Solo», einem Meisterwerk Hans van Manens, wird das Publikum in gerade mal sechs Minuten durch ein hochtourig getanztes Virtuosenstück geschleudert, und schliesslich tauchen wir mit «Der Tod und das Mädchen» in den Kosmos des schubertschen Melos’ und in eine Art lyrisch-dramatisches Handlungsballett ein.

Das erste Ballett heisst schlicht «Nocturnes» und bezieht sich auf die musikalische Form, auf die insgesamt 21 komponierten «Nachtstücke» Chopins, von denen Spoerli sechs Stücke ausgewählt hat. Es ist eine Wiederaufnahme von 1997 und bietet damit Gelegenheit, seine Arbeit aus der ersten Spielzeit am Opernhaus Zürich mit neuen Augen zu sehen. Choreografisch wurde nichts verändert.

Getrieben von der Sehnsucht

Hingegen hat Spoerlis langjähriger Bühnenbildner Florian Etti anstelle der Filmstills aus Tarkowski-Filmen neu einen Hintergrund aus floralen Mustern entworfen, davor ein Vorhang aus silbrigen Fäden, die je nach Lichtstimmung heiter oder düster glimmen.

Wie vom Wind bewegte Pflanzen wiegen auch die sechs Tänzer und zwei Tänzerinnen zu den melancholisch rauschenden Klängen des Klaviers hin und her. Es ist die Sehnsucht nach dem anderen, die sie treibt. Eher passiv lässt sich die Protagonistin Aliya Tanykpayeva von einem Mann zum nächsten reichen. Sie ist eine formvollendete, eher kühl wirkende Tänzerin, im Gegensatz zur kecken und verführerisch blickenden Viktorina Kapitonova. Beide Charaktere aber scheinen unfähig, eine wirkliche Beziehung einzugehen.

Wunderschöne Duos und kraftvoll synchron getanzte Gruppenbilder – und doch will sich in der Bewegung nichts erlösen: Die Tänzer scheinen in sich gefangen, die Frau bleibt am Ende allein zurück. Ob es am Thema, an der Unbestimmtheit der Figuren liegt, so richtig will uns das Ballett nicht packen. Berührend aber von Anfang bis Ende das Spiel von Alexey Botvinov, wie er leichthändig die nuancenreiche Klangwelt Chopins mal sanft, mal mit innigem Nachdruck bewältigt.

Ein Feuerwerk an Energie

Mit «Solo» kommt es zu einem abrupten Stilwechsel: Hell ausgeleuchtet die Bühne, keine Dekoration, nichts als drei Tänzer, die den Tanz an sich zelebrieren, und das in aberwitzigem Tempo. Anders als der Titel suggeriert, handelt es sich nicht wirklich um ein Solo. Der niederländische Choreograf Hans van Manen hat, ebenfalls im Jahr 1997, für die Junior Kompanie des Nederlands Dans Theater in Den Haag ein Meisterwerk an Vitalität und Virtuosität kreiert.

Zu zwei Sätzen aus Johann Sebastians Bachs erster Violin-Partita in h-Moll – von Bartlomiej Niziol brillant interpretiert – tanzen drei Männer in Hochgeschwindigkeit eine unglaublich trickreiche Choreografie; so schweisstreibend, dass sie ein Tänzer allein wohl kaum bewältigen könnte. Olaf Kollmannsperger, Arman Grigoryan und Dmitri Govoroukhine absolvieren die Parforce-Choreografie mit Verve, Witz und überschäumender Vitalität. Obwohl sich die Geschwindigkeit im zweiten Satz noch verdoppelt, halten die Tänzer mit dem Duktus der Musik mit und scheinen es auch noch zu geniessen. «Solo» ist ein Feuerwerk an Energie und körperlichem Selbstbewusstsein und löste denn auch stürmischen Applaus aus.

Beherzte rhythmische Akzente

Beeindruckt hat auch die jüngste Arbeit Spoerlis «Der Tod und das Mädchen» zum Streichquartett in d-Moll von Franz Schubert. Spoerli ist bekanntlich ein ausserordentlich musikalischer Choreograf, der die Musik für seine Ballette sorgfältig aussucht und sich von ihr ganz direkt inspirieren lässt. Auch die Live-Interpretation hat da höchsten Ansprüchen zu genügen. Die vier Musiker des Orchesters der Oper Zürich standen den Tänzern in nichts nach. Sie brachten nicht nur den Schmelz in Schuberts Streichquartett voll zum Klingen, sondern setzten auch beherzte rhythmische Akzente.

Florian Etti hat die Kostüme und für den Tanz eine ideale Kulisse gestaltet: Ein gemalter Prospekt verortet die Handlung in einer Moorlandschaft. Davor wabert Nebel aus Trockeneis wie in einem düsteren schottischen Romanszenario hoch. Der gross gewachsene, immer etwas würdevoll wirkende Vahe Martirosyan ist geradezu ideal in der Rolle des Todes. Spoerlis Figur des Todes changiert zwischen menschlichem Gesellen und Dämon. In schwarzem Hemd und Hose wartet sie im Hintergrund mit ausgestreckter Hand gebieterisch auf ihr Opfer. Und ist dieses nicht willig, so hilft Gevatter Tod notfalls etwas nach. Nora Düring, die das Mädchen mit grosser Natürlichkeit verkörpert, bekommt seine harte Hand brutal zu spüren.

Spoerli hat die Schritte und Gesten der Solisten und der Gruppe fein auf die musikalischen Linien hin komponiert. Was wir hören, meinen wir zu sehen. Ein tänzerisches Ereignis, wie sich Tod und Mädchen im grossen Pas de deux des zweiten Satzes anziehen und abstossen, und wie Düring allmählich vor dem Schicksal kapituliert. Flirt und Kampf zwischen den Protagonisten werden von fünf weiteren Paaren, Freunden des Mädchens, umspielt. Die jungen Frauen tanzen bezeichnenderweise nicht auf Spitze, dennoch stehen sie mit beiden Füssen fest im Leben. Aber der Tod wird auch sie einfordern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2010, 11:40 Uhr

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