«Wenn ich das Schauspielhaus Zürich per Handy leiten könnte ...»

Harald Schmidt kehrt ins Tagesgeschäft zurück. Im Interview spricht der Late-Night-Talker über das neue Format und die Arbeit mit Zürcher Studenten.

«Ich nehme keine Rücksicht, wie viele Leute mich verstehen oder nicht.» Harald Schmidt hat ein neues Internetformat, ist sonst aber ganz der Alte.

«Ich nehme keine Rücksicht, wie viele Leute mich verstehen oder nicht.» Harald Schmidt hat ein neues Internetformat, ist sonst aber ganz der Alte. Bild: Michael Ostermeier/Keystone

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Herr Schmidt, es gab die Befürchtung, wir hätten Sie ans Rentnerdasein auf dem «Traumschiff» verloren. Jetzt sind Sie wieder zurück – mit einem Internetformat für den «Spiegel». Hatten Sie Sehnsucht nach Öffentlichkeit?
Sehnsucht nicht, aber da ich sowieso jeden Tag für mich etwas schreibe, ist «Spiegel Daily» eine grandiose Plattform, das da zu veröffentlichen. Ich bin dort auch völlig frei, was ich mache – mal ist es ein Text, mal ein Video. Ich hab Narrenfreiheit und kann etwas schicken, so oft und was ich will. Als die Anfrage kam, bin ich sofort darauf angesprungen, weil ich das auch vom «Traumschiff» aus machen kann. Das passt perfekt in meinen Alltag.

Wie muss man sich den Alltag von Harald Schmidt vorstellen?
Ich mach das, worauf ich Lust habe, ohne grossen Plan. Es muss einfach Spass machen. Das ist das einzige Kriterium. Gerade war ich in Zürich, da habe ich einen Kurs mit Schülern der Zürcher Hochschule der Künste geleitet.

Mit Schauspielstudenten?
Ja, in der Helferei, also im Zwinglihaus. Zwei Wochen lang. Das hat riesengrossen Spass gemacht und es gibt die Idee, das im nächsten Jahr zu wiederholen.

Was lehren Sie die Studenten?
Ich lehre nichts. Mit den Zürcher Studenten habe ich Improvisationen und ein kleines Überlebenstraining für Schauspieler im Jahr 2017 gemacht. Da kenn ich mich aus.

Gehen Sie selbst noch ins Theater?
Nein, ich habe das «Käthchen von Heilbronn» nun etwa sechsmal in meinem Leben gesehen und die Leute, derentwegen ich ins Theater ging, sind entweder tot oder in Rente. Die Schauspielschüler haben aber gesagt, ich soll mich als Intendant für das Schauspielhaus Zürich bewerben. Mir würde eine solche Bewerbung auch Spass machen. Ich bin ja ein Typ, der ohne Abgangsentschädigung geht, wenn man ihn rausschmeisst. Das ist in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ein guter Grund, um jemanden einzustellen.

Sie hätten also die besten Voraussetzungen für den Job.
Ich finde ja, nur die Arbeit hätte halt jemand anderes machen müssen. Das Tagesgeschäft ist einfach zu mühselig. Wenn ich das Schauspielhaus vom See aus per Handy hätte leiten können, dann hätte ich es gemacht. Ich wäre so ein Frühstücksdirektor, der ein wenig durchs Foyer schwebt. Die Ensemble-Besprechungen wären einmal in der Woche im Zunfthaus zum Rüden. Der Spielplan wäre auf ein volles Haus ausgerichtet: dreimal am Tag «Arsen und Spitzenhäubchen» und abends die «Dreigroschenoper». Ansonsten wäre meine Ansage an die Schauspieler: Macht es, wie ihr euch fühlt.

Haben Sie so ein schlechtes Bild vom Theater, dass es dort nur noch darum geht, das Haus zu füllen?
Nein, aber ich weiss, was die Verwaltungsmenschen in den Städten hören wollen. Man könnte am Schauspielhaus auch ein absolut «stranges» Projekt machen und sagen, das wäre «Arsen und Spitzenhäubchen», aber in einer neuen, digitalen Bearbeitung.

Jetzt haben Sie selbst beim «Spiegel» ein digitales Format. In ihrem ersten Beitrag haben Sie die Frage aufgeworfen, ob man Patrick Bahners von der FAZ besser versteht, wenn man seinen Kollegen Dietmar Dath liest.
Das ist so ungefähr die Flughöhe, die ich halten will. Ich mach da nur Sachen, die mich interessieren. Ich nehme keine Rücksicht, wie viele Leute das verstehen oder nicht. Gestern habe ich zum Beispiel in der «Süddeutschen» ein Interview mit Chris Dercon gelesen, dem neuen Intendanten der Berliner Volksbühne. Der hat gesagt, die Zukunft gehöre der «In-Betweenness». Das ist für mich einfach ein sensationeller Satz. Dercons Assistentin, Frau Piepenbrock, fügte im gleichen Interview hinzu, sie sei eine Duracell-Batterie. Das finde ich auch super. Es wird von mir aber nicht erklärt, wer die beiden sind. Das hat man zu wissen – oder man kapiert es halt nicht. So habe ich auch immer meine Show gemacht.

Machen Sie auch Ihr neues Format mit dem Rücken zum breiten Publikum?
An den Mainstream-Tagen, ja. Es gibt unglaublich viele Facetten, meine ist nun mal die. Kürzlich sah ich in einer Fernseh-Talkshow Dirk Schümer, der sehr auffällige Socken trug. Wenn ich darüber etwas mache, ist es mir egal, worum es in der Talkshow inhaltlich ging. Ich stelle mir einfach vor, wie Dirk Schümer Socken kaufen geht. Darüber mache ich meinen Beitrag.



Thematisch geht es im neuen Format also vom Sockenkauf eines Korrespondenten der «Welt» bis hin zur Autobiografie des früheren «Merkur»-Herausgebers Karl Heinz Bohrer, die Sie gelesen haben.
Genau, in Bohrers Buch gibt es eine Stelle, in der er beschreibt, wie ihn Jürgen Habermas aus einer Telefonzelle aus der Normandie anruft. Das fänd ich eine super Idee für Partys: Spiel mal Jürgen Habermas, der aus einer Telefonzelle Karl Heinz Bohrer anruft. Das könnte für gute Laune sorgen. Haben Sie das Buch gelesen?

Die Hälfte habe ich geschafft, dann erschöpft es sich für mich etwas zu sehr in solchen Szenen, in denen Bohrer sich in seiner Renommiersucht gefällt.
Das finde ich gerade toll. Mich erinnert das an die Tagebücher von Fritz J. Raddatz.

Raddatz dachte in seinen Tagebüchern mal darüber nach, ob es unter Müllmännern eine «Klassen-Solidarität» gibt wie unter Jaguar-Fahrern, zu denen der frühere «Zeit»-Journalist selbst gehörte.
Das ist so ein Feuilleton-Gossip, da steh ich total drauf. Zumal solche Leute wie Bohrer und Raddatz ja auch Figuren sind, die weniger werden. Man kennt die ja heute gar nicht mehr.

Umso wichtiger wäre es, dass Sie diese einem breiten Publikum vermitteln – wie früher, als Sie Adornos «Minima Moralia» in ihrer Late-Night-Show zum Thema machten.
Ja, aber ich gehe unter keinen Umständen mehr mit einem eigenen Format ins Fernsehen. Das ist für mich zu schwerfällig. Für «Spiegel Daily» brauche ich nur jemanden auf der Strasse zu treffen, der ein neues Smartphone hat und mich damit filmt. Das überspielen wir dann nach Hamburg. Ansonsten sitze ich im Café oder bei mir zu Hause auf dem Sofa, tippe einen Text und schicke ihn mit einem Klick an den «Spiegel». Für mich ist das traumhaft.

Über Ihre Absage als Kommissar im Schwarzwald-«Tatort» reden Sie wahrscheinlich nicht gerne.
Doch, natürlich, ich spreche über alles. Beim «Tatort» hatte ich einfach keine Lust mehr. Und ich will keinen Film drehen, wenn ich einen Satz aus einem Café abschicken kann.

Also ein Minimalist in jeder Hinsicht?
Ja, entscheidend ist, dass ich auf meinen Reisen nicht gestört werde. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 11:03 Uhr

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