Auftrumpfen statt Tiefstapeln

Skodas Studie Vision E für die Shanghai Auto Show gewährt einen Ausblick in die elektrische Zukunft der Marke. Eine Serienversion ist schon in der Pipeline.

Lichtgestalt: Kein Kühlergrill, aber durchgehende Lichtbänder in Kristallglas am Skoda Vision E. Fotos: Skoda Auto

Lichtgestalt: Kein Kühlergrill, aber durchgehende Lichtbänder in Kristallglas am Skoda Vision E. Fotos: Skoda Auto

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Der rasante Wandel der Autowelt fegt auch die letzten Tabus hinweg. Sport­wagenbauer planen plötzlich SUVs. Das Gefahrenwerden rangiert auf einmal ­höher als das früher so hochverehrte emotionale Erlebnis des Selberfahrens. Und bei Skoda reagiert die Führungsriege nicht mehr genervt beim Thema Elektromo­bilität. Ganz im Gegenteil. An der Shanghai Auto Show, der grössten Automesse im allergrössten Automarkt der Welt, zeigt die tschechische VW-Tochter mit dem Vision?E erstmals einen rein elektrischen Concept Car. Nicht bloss als Wolkenkuckucksheim für Wünsche an die Zukunft, sondern als realen und realistischen Ausblick. «Ich sehe den Vision?E weniger als Studie, sondern als tatsächliches Serienfahrzeug», betont Interieurdesigner Norbert Weber.

Auch wenn es wohl nicht alle Details ins fertige Modell schaffen werden. So viel Elektro-Euphorie ist neu bei Skoda. Die Marke mauserte sich: Vor zehn Jahren bestimmten vernünftige, aber ein bisschen biedere und technisch nicht wirklich vorausfahrende Modelle das Programm. Und bescherten mit ­konventionellen Verbrennungsmotoren rasante Verkaufszuwächse, weshalb im Konzern jeder Versuch der Höher­positionierung von Skoda misstrauisch beäugt wurde. Elektromobilität? Passte nicht ins Portfolio, weil den Kunden die Reichweite noch zu gering und die Preise noch zu hoch seien. Eine neue Techno­logie müsse massentauglich sein, sonst sei sie nichts für Skoda, so das Credo.

Selbsttätig die Spur wechseln

Doch seit der Einführung einer markenübergreifenden, kostensenkenden Baukastenstruktur setzen heute dem Angebot der Konzernmutter VW ebenbürtige Autos die Erfolgsgeschichte fort – gleiche Technik, aber grössere Abmes­sungen zum kleineren Preis. «Skodas werden nun auch wegen des Designs ­gekauft», freut sich CEO Bernhard Maier. Und Elektromobilität? «Sie bedeutet einen grossen Schritt in Skodas Zukunft», sagt Maier.

Rundum informiert: Drei Monitore beherrschen das Cockpit.

Sie ist eine der vier Dimensionen in Skodas Strategie für 2025, neben der Vernetzung des Autos, neuen Mobilitätsservices und einer SUV-Offensive. Viermal Haken dran – der Vision E verkörpert diese Strategie geradezu. Je ein Elektromotor an Vorder- und Hinterachse mit zusammen 306 PS treiben den 4,69 Meter langen Fünfplätzer an; die Höchst­geschwindigkeit liegt bei 180 km/h – mehr wäre möglich, aber nicht vernünftig, weil zu batteriezehrend. Der Akku für maximal 500 Kilometer Reichweite wird unter dem Fahrzeugboden und damit möglichst tief verbaut.

Er lässt sich induktiv, also kabellos laden oder per Schnellladung innert 30 Minuten wieder zu 80 Prozent auffüllen. Sein Anschluss liegt hinter einer Tankklappe: «Eine ­Ladebuchse unter dem Logo wäre ein nettes Detail», sagt Entwicklungsvorstand Christoph Strube, «aber nicht ­vereinbar mit den Crashvorschriften.» Ausserdem ist der Vision E kompetent für autonomes Fahren auf Level 3: Auf Autobahnen kann er selbsttätig die Spur halten und wechseln; der Fahrer muss nur auf Vorwarnung eingreifen.

Die Studie in Shanghai statt in Genf zu präsentieren, ergibt Sinn aus der Skoda-Perspektive: Mit 317?000 Fahrzeugen wurden 2016 28 Prozent aller Skodas in China ausgeliefert. Aber warum nun die Kehrtwende zur Elektromobilität? «Ohne den Elektroantrieb erreichen wir die kommenden Emissionsgrenzwerte nicht», sagt Guido Haak, Leiter des Produktmanagements. «Und zwar weder in Europa noch in China.» Das Land holt gerade im Eiltempo die europäische ­Mobilitätsentwicklung nach und überspringt bei den Umweltstandards gleich ein paar Stufen.

Der Akku lässt sich kabellos laden oder per Schnellladung innert 30 Minuten wiederzu 80 Prozent auffüllen.

Im Jahr 2020 dürfen alle Neuwagen im Schnitt nur noch fünf Liter je 100 Kilometer verbrauchen, bis 2025 wird dieser Wert mehr als halbiert. Dabei kann Skoda verbrauchsgünstige Diesel nicht wie in Europa anrechnen, weil sie in China nicht angeboten werden. «Die Hälfe der CO2-Einsparungen können wir bei konventionellen Benzinern erzielen», sagt Haak: mit Leichtbau, optimierter Aerodynamik, kleineren Hubräumen und weniger Reibung. «Aber den Rest muss der Elektroantrieb holen.» Bis 2025 müsse Skoda in China 30 Prozent seiner Fahrzeuge mit teil- oder vollelektrischem Antrieb verkaufen, um den Grenzwert zu schaffen.

«Wer will schon als Senior gelten?»

Gleiches Bild in Europa – 2025 muss der Elektroanteil hier 25 Prozent be­tragen, um den Grenzwert von 68 bis 78 Gramm je Kilometer in der Flotte zu erreichen. Damit können Skoda und der VW-Konzern künftig eingleisig planen: Statt in Europa wie bisher vor allem auf den unter Imageverlust leidenden Dieselmotor zu setzen, kann die Elektro­mobilität hier und in China nun parallel vorangetrieben werden. Die Konkurrenz denkt ähnlich: Mercedes beispielsweise plane bis 2025 zehn elektrische Modelle, der PSA-Konzern elf bis 2019 und Ford dreizehn bis 2020, sagt Haak. Fünf teil- oder vollelektrische Modelle hat Skoda bis 2025 in der Pipeline; den Anfang wird eine Plug-in-Hybrid­version des Superb machen, die wohl zur Modellüberarbeitung 2019 kommen wird. Ein Jahr später soll dann die ­Serienversion des Vision E folgen. Allerdings ohne das zu teure freitragende Dach, sondern mit B-Säule. Vielleicht werden die drei Monitore im Cockpit ebenso eine aufpreispflichtige Option wie die Einblendung der relevanten Infos in die Frontscheibe entsprechend der Blickrichtung des Fahrers.

Auch auf die für leichteren Einstieg um 20 Grad drehbaren Sitze wird die Serienversion wohl verzichten. «Auch wenn es praktisch ist: Wer will schon als Senior gelten, der solch eine Einstiegshilfe nötig hat?», sagt Interieurdesigner Weber. Auch der Holzboden aus Recycling­material sei noch nicht abgesegnet. Gesetzt ist indes die Karosserieform, die auch einen Ausblick auf eine zu ­erwartende Coupé-Version des SUVs ­Kodiaq gibt. Noch ein Skoda-Tabu ge­brochen.

*Andreas Faust besuchte die Shanghai Motor Show vom 17. bis 19. April auf Einladung von Skoda Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2017, 16:02 Uhr

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