Leben
Indologie, Judaistik, Afrikanistik: Exotische Fächer haben ihren Reiz
Von Simone Rau. Aktualisiert am 01.02.2010 3 Kommentare
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741 Studierende haben im letzten Herbst an der Universität Zürich ein Wirtschaftsstudium begonnen. Insgesamt sind im Fach derzeit 2327 Studierende eingeschrieben. Ebenso beliebt sind Recht (3628), Psychologie (2569) und Humanmedizin (2043).
Ganz anders sieht es in der Indologie aus. Keine einzige Person hat sich im vergangenen Semester neu für das Fach eingeschrieben, das sich mit der Geschichte und Kultur Indiens von den Anfängen bis in die Gegenwart beschäftigt. Elf Frauen und vier Männer studieren Indologie zurzeit im Hauptfach, weitere sechs belegen es als Nebenfach. Dazu kommen je eine Handvoll Studierende in den Nebenfächern Sanskrit, Hindi und Indienkunde – insgesamt sind es etwa 40 Studierende. Laut Professorin Angelika Malinar, die den einzigen Indologie-Lehrstuhl in Zürich besetzt, hat die kleine Nachfrage mehrere Gründe: «Wer Indologie studiert, muss mindestens eine indische Sprache lernen. Das schreckt viele ab.» Das zeige sich auch darin, dass sich das Nebenfach Indienkunde, in dem keine Sprachkenntnisse erforderlich sind, einiger Beliebtheit erfreue. Zudem fasziniere Indien die Studenten anscheinend derzeit weniger als beispielsweise die islamischen Länder, mit denen sich das Fach Islamwissenschaft auseinandersetzt.
Individuelle Betreuung
In einem kleinen Studiengang zu lehren, hat für Professorin Malinar viele Vorteile: «Es ist schön, jeden Studenten individuell zu betreuen und über Jahre eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Die Betreuungssituation ist unvergleichbar besser als in Massenfächern.» Der Nachteil eines kleinen Faches sei hingegen, dass sie als Professorin allein ein riesiges Themenspektrum abdecken müsse. «Die Studierenden finden im Angebot nicht immer das, was sie suchen. Es wäre gut, wenn wir mehr Personal hätten.»
Auch Angela Hohenberger, die als Assistentin in der Indologie-Abteilung arbeitet, hebt die Nähe zu den Studierenden als besonderes Privileg hervor: «Man kennt einander, und die Atmosphäre ist sehr persönlich.» Auch vom Fach selber bekomme man als Assistentin viel mehr mit, so arbeite sie beispielsweise in der Bibliothek und lerne laufend neue Forschungsliteratur kennen. Eine kleine Abteilung habe wenig Geld und dementsprechend weniger Angestellte: «Ich kümmere mich um viel mehr Dinge, als ich das in einem grösseren Fach tun würde.»
Nicht einsam trotz Alleingang
Noch heute denkt die 30-Jährige gerne an ihr Studium zurück: «Als ich mich im Herbst 2001 für Indologie einschrieb, war ich die einzige Hauptfächlerin. Als ich sieben Jahre später die Liz-Arbeit schrieb, war ich wieder allein.» Einsam sei sie im Studium trotzdem nie gewesen. Besonders von Leuten in höheren Semestern habe sie viel gelernt: «Wenn man nur zu fünft oder zehnt in einem Seminar sitzt, kann man sich nicht verstecken. Auch die Hausaufgaben macht man immer, weil man sonst auffällt», sagt Hohenberger.
In ihrem Nebenfach Publizistik seien interessante Seminare jeweils rasch ausgebucht und die Vorlesungen überfüllt gewesen, dementsprechend habe sich ihre Freude am Fach verringert. Und mit der Zeit hätten sich auch die unangenehmen Fragen der Freunde gelegt, die wissen wollten, was sie eigentlich studiere und mit ihrem Abschluss zu machen gedenke.
«Echt» oder «unecht» klein?
Indologie ist nur eines von mehreren Kleinfächern an der Universität Zürich – oder «Orchideenfächern», wie man sie vor allem in Deutschland nennt. Im Angebot finden sich auch Multilinguale Textanalyse, Humanökologie oder Afrikanistik. Und auch andere Schweizer Hochschulen haben solche ungewöhnlichen, ausgefallenen Studiengänge im Angebot: Vorderorientalische Altertumswissenschaft, Volksmusik, Mehrsprachigkeitsforschung, Fassaden- und Metallbau oder Animation.
Laut Daniel Schönmann von der Universität Freiburg unterscheidet man dabei zwischen «echten» und «unechten» Kleinfächern: «Meint man Disziplinen, die so spezialisiert sind, dass sie in der ganzen Forschungslandschaft nur von einigen wenigen Experten betrieben werden, spricht man von «echten» Kleinfächern.» Als Beispiele in Freiburg nennt Schönmann Rätoromanisch oder Geschichte des Musiktheaters. Im Unterschied dazu seien «unechte» Kleinfächer nur an einem Ort klein, würden weltweit aber durchaus von vielen Fachleuten betrieben. Portugiesisch etwa studieren in der Schweiz nur wenige, in Brasilien aber viele.
Judaistik im Schatten der Geschichte
Ein «unechtes» Kleinfach ist nach Schönmanns Definition auch die Judaistik an der Universität Luzern. In den USA und in Israel von zahlreichen Fachleuten betrieben, zieht die Wissenschaft vom Judentum hierzulande nur wenige Interessierte an. In Luzern studieren derzeit sechs Personen Judaistik im Hauptfach, weitere vier sind in der Promotion. Die kleine Nachfrage hat gemäss Professorin Verena Lenzen verschiedene Gründe: «Die Judaistik ist in der Schweiz noch zu wenig bekannt oder mit Vorurteilen gegenüber dem modernen Israel beladen.» Andere glaubten, das Judentum sei eine fremde Religion, die sie nichts angehe. Vor allem aber stehe das Fach in Europa im Schatten der Geschichte: «Einst war die Judaistik auch bei uns ein grosses Fach. Doch das ist es seit dem Holocaust nicht mehr.»
Laut Lenzen, die seit 2001 am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung lehrt, erschöpft sich die Bedeutung der Judaistik jedoch nicht in den kleinen Studierendenzahlen: «An unseren Vorlesungen nehmen durchschnittlich 50 bis 70 Leute teil. In den Seminaren sitzen bis zu 30 Studierende.» So könne das Fach im Rahmen eines Studiums an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät belegt werden, und auch die angehenden Theologen besuchten die Judaistik als Pflichtfach. Zudem kämen immer wieder viele Gasthörer in die Vorlesungen. Nur zeige das die Statistik nicht.
Besonders soll das Profil sein
Über mehr Studierende würde sich Lenzen dennoch freuen: «Je mehr Leute das Fach wählen, desto mehr Vorurteile könnten abgebaut werden.» Judaistik sei kein Elfenbeinturm-Fach für Akademiker, sondern spannend für alle, die sich ein besonderes Profil aneignen wollen. «Wer Wirtschaft studiert, ist einer von vielen. Ein Judaistik-Student hingegen ist etwas Spezielles.» Und das sei in der Berufswelt gefragt. Wolle jemand später beispielsweise in den Medien oder in der Öffentlichkeitsarbeit tätig sein, so könne das Fach, in dem viele Fächer im Kleinen verborgen seien, von grossem Nutzen sein: «Sprache, Gesellschaft, Religion, Literatur, Politik, Geschichte, Kultur, Ethik – in der Judaistik bekommt man alles auf einmal», sagt Lenzen.
Übersicht über das Fächerangebot der Schweizer Universitäten:
www.berufsberatung.ch
Links zu den erwähnten Fächern:
www.indologie.uzh.ch www.unilu.ch/ijcf
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.02.2010, 04:00 Uhr
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3 Kommentare
Und wer bezahlt die Saläre dieser Professoren, plus Infrastrukturkosten? Wohl kaum diese akademischen Schnäppchenjäger. Ob diese Studenten ihr Zusatzwissen dereinst einmal nutzbringend anwenden werden, und damit den vorfinanzierenden Steuerzahler bei Laune halten? Antworten
Wissen, Kultur und Bildung haben immer einen Nutzen. Je gebildeter die Menschen sind, desto besser können sie sich in einer komplexen und schnell wandelnden Welt orientieren und sich "nützlich" im weitesten Sinne des Wortes verhalten, weil diese Leute ein feineres Vokabular besitzen, um gesellschaftliche Tendenzen und Strukturen zu erkennen und dabei konsequenter zu handeln. Antworten
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