Freiheit gedeiht in der bürgerlichen Gesellschaft

Wer dem Staat nur als Einzelner gegenübertritt, kann den Kampf um die Freiheit nicht gewinnen.

Sturm auf das St. Petersburger Winterpalais am 7. November 1917.

Sturm auf das St. Petersburger Winterpalais am 7. November 1917. Bild: zVg.

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Vor 100 Jahren vollzog sich in Russland eine Revolution, welche die Welt aus den Angeln hob. Die Revolte begann im Februar 1917 als Protest unzufriedener Arbeiter. Bald liefen die Soldaten der Garnison auf die Seite der Aufständischen über, liberale Parlamentsabgeordnete zwangen den Zaren, auf den Thron zu verzichten, und bildeten eine provisorische Regierung. Zur gleichen Zeit entstand in Petrograd ein Arbeiter- und Soldatenrat, der den Protest der Strasse gegen den Liberalismus der bürgerlichen Politiker ausspielte. Russland war ein gespaltenes Land, seine Eliten waren vom Volk durch einen tiefen sozialen und kulturellen Graben getrennt. Der Zar war die einzige Legitimationsquelle der Herrschaft gewesen, und nun gab es nichts mehr ausser dem Willen zur Macht. Ihn aber mochten die liberalen Politiker nicht gegen das Recht ausspielen. Ein Recht aber, das nicht durchgesetzt werden kann und dem sich niemand fügen mag, ist eine stumpfe Waffe. Und so setzte sich am Ende durch, wer über den Ausnahmezustand entschied.

Lenin und seine Gefolgsleute waren Männer der Tat, denen Gesetze einerlei waren. Sie beriefen sich auf den Willen zur Macht und auf die Unzufriedenheit der Massen. Und sie entschieden nicht nur über den Ausnahmezustand, sie setzten ihn, nachdem sie die Macht ergriffen hatten, immer wieder selbst ins Werk, um sich ihrer Souveränität zu vergewissern. Die Herrschaft des Terrors und der Gewalt aber ergab sich aus der Atomisierung der Gesellschaft, aus der Unfähigkeit nicht miteinander verbundener Menschen, sich zur Wehr zu setzen. Die Masse ist amorph, sie hat kein Ziel, sie ist kein Bollwerk gegen die Diktatur, sondern ihr eigentlicher Grund. Erst als Nationalstaaten, Rechtsordnungen und zivilgesellschaftliche Strukturen verschwunden waren, konnten die Bolschewiki jenes grosse Experiment des Schreckens verwirklichen, das in den millionenfachen Massenmord führte.

Was lernen wir aus solchen Erfahrungen über das Leben? Wir begreifen, dass der Nationalstaat ein Garant von Rechten ist, die der nackte Mensch nicht haben kann, dass es in einer Welt ohne Grenzen und Staatsbürger überhaupt keinen Ort mehr gibt, an den man gehen könnte, um sich in Sicherheit zu bringen, dass die Zerstörung von Staaten und Rechtsordnungen Minderheiten, Staatenlose und Überflüssige produziert, deren Rechte niemand beachtet und durchsetzt. Die bürgerliche Gesellschaft und ihre Assoziationen sind die einzigen Bollwerke gegen die totalitäre Versuchung. Wer dem Staat nur als Einzelner gegenübertritt, kann den Kampf um die Freiheit nicht gewinnen. Wo gleichgesinnte Menschen in Vereinen und Verbänden zusammenkommen, lässt sich in einer offenen Gesellschaft nicht nur Vielfalt aufrechterhalten, sondern auch ein Gegengewicht zur Tyrannei der Mehrheit oder der Parteien errichten. Das Vermögen, sich mit anderen Menschen nach Belieben zu vereinigen, ist also der einzige Weg, der Vereinzelung und Isolierung zu entkommen, die die Quelle der Unfreiheit ist.

Wir müssen es wagen, und wir können es, weil jeder Mensch, der auf die Welt kommt, wieder von vorne anfangen und sich erobern kann, was die anderen schon verloren haben. Es ist das Schicksal aller Macht, dass sie sich nicht totalisieren kann, weil sie Macht nur ist, wenn sie sich gegen Widerstand durchsetzt. Darin aber liegt die Chance einer jeden Gesellschaft: dass sich ihre Individuen jenen Raum stets zurückerobern können, den ihnen die Herrschaft entziehen will. (Basler Zeitung)

Erstellt: 17.03.2017, 10:08 Uhr

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