Bildung & Chancen

Wenn eine Welt zusammenbricht

Drei Jahre studiert und dann die Bachelorarbeit nicht bestanden. Waren das jetzt drei verlorene Jahre? Ein Erfahrungsbericht.

Nach der Prüfung ist vor der Prüfung: Studenten schreiben eine Prüfung an der Hochschule St. Gallen. <nobr>Foto: Ennio Leanza/Keystone</nobr>

Nach der Prüfung ist vor der Prüfung: Studenten schreiben eine Prüfung an der Hochschule St. Gallen. Foto: Ennio Leanza/Keystone Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Dreieinhalb. Ich schaue ein zweites, ein drittes Mal auf den Bildschirm. Die Zahl ändert sich auch bei einem vierten Mal nicht. Dreieinhalb – also ungenügend. Nie hätte ich gedacht, dass mir das passieren würde. Eine Prüfung nicht zu bestehen ist das eine. Doch gleich die Bachelorarbeit – damit hätte ich nicht gerechnet. Drei Jahre habe ich studiert. So viele Stunden habe ich investiert. So viel Zeit habe ich aufgebracht und damit auch Zeit mit Familie und Freunden verpasst. Alles für die Katz. Mein Magen zieht sich zusammen. In den nächsten Minuten durchlaufe ich verschiedene Gefühlsstufen.

Als Erstes kommt die Phase «Die anderen sind schuld». «Denen im Sekretariat ist sicher ein Fehler unterlaufen, als sie die Noten ins System eingegeben haben», denke ich. Mit einem eben eingetroffenen E-Mail bestätigt mir aber auch meine Betreuerin die Hiobsbotschaft.

Gefühlsphase zwei überkommt mich: «Ich war faul.» Vielleicht habe ich zu wenig Zeit aufgewendet. Hätte ich mir mehr Mühe geben sollen? Ich öffne meine Bachelorarbeit und blättere sie durch. Stundenlang habe ich Leitfaden-Interviews geführt und diese transkribiert, ausgewertet und analysiert. Doch, ich habe mir Mühe gegeben und vor allem viel Zeit investiert.

Mit dem Verfluchen der Expertin, die meine Arbeit korrigiert hat, beginnt Phase drei: «Die anderen sind inkompetent.» Was wissen die schon über mein Thema! Irgendwann wird mein Kopf schwer, und ich weiss nicht mehr weiter – die Gefühlsphasen vermischten sich.

Widerstand ist zwecklos

Einige Gin Tonics später und nachdem ich darüber geschlafen habe, suche ich nach einer Möglichkeit, diese Dreieinhalb anzufechten. Ein Vergleich oder ein Rekurs muss her. Ich recherchiere. Schulintern ist nicht viel zu machen, die Schulleitung beharrt auf der ungenügenden Note. In der Prüfungsordnung steht aber unter V, Artikel 64: «Verfügungen über das Bestehen des Diplomzeugnisses können mit Rekurs angefochten werden.» Ein Rekurs wäre also möglich. Bei der Rekurskommission, welche solche Begehren bearbeitet, heisst es auf Anfrage, dass sehr viele Studenten auf dieses Instrument setzen.

Letztes Jahr bearbeitete die Kommission 169 Fälle. Nur 12 wurden komplett gutgeheissen. Vielfach sei es so, dass die Begehren nicht in allen Punkten gutgeheissen werden können, sagt Viviane Sobotich, die Präsidentin der Rekurskommission der Zürcher Hochschulen. «Wir prüfen nur, ob etwa die Richtlinien von den prüfenden Dozenten eingehalten wurden. Wenn jemand eine bessere Note möchte, können wir die Prüfung nicht neu bewerten, da wir die Leistung nicht inhaltlich beurteilen können.» Kommt dazu, dass ein verlorener Rekurs mindestens 500 Franken kostet. Das ist viel für einen Studenten wie mich.

Es sieht so aus, als müsste ich noch mal eine Arbeit schreiben – so verlangt es das Reglement. Noch mal! Damit ich nicht mehr dieselben Fehler begehe, treffe ich mich mit meiner Betreuerin. Sie kann mir sagen, was gefehlt hat: Theorie. Die Arbeit ist zu wenig wissenschaftlich, obwohl sie inhaltlich gut sei. Na toll. «Egal, Kopf hoch», sage ich mir und überlege, was ich in meiner nächsten Arbeit machen könnte. Mir schiessen viele Ideen durch den Kopf, und plötzlich habe ich wieder Lust, etwas zu erforschen und zu erarbeiten. «Dieses Mal zeige ich es denen», denke ich. Ich habe den Mut wieder gefasst, habe mich trotz dem Rückschlag wieder aufgerafft. Mit gutem Gefühl gehe ich nach Hause und schaue meine Post durch. Ein Schreiben meiner Schule liegt dabei. Die Studiengebühr für die nächsten zwei Semester: 1000 Franken.


Wie es auch ohne Abschluss weitergeht: Drei Beispiele

Philipp Bürkler (37)
Journalist

«Während der Semesterferien meines Journalismusstudiums bin ich für etwa vier Wochen nach New York City gegangen, um mein Englisch aufzupolieren. Bereits während der ersten Woche war für mich klar, dass ich für einige Zeit dort leben möchte. Zurück in der Schweiz, kündigte ich meine Stelle bei Radio SRF und brach mein Studium ab. Seither lebe ich in New York und arbeite als freischaffender Journalist für deutschsprachige Medien. Die Entscheidung fiel mir leicht. Ich war bereits zu Beginn der Ausbildung über 30 Jahre alt und studierte berufsbegleitend. Bis zum Ende des Studiums wäre ich mindestens 37 Jahre alt gewesen. So lange wollte ich nicht warten, um meinen Wunsch zu erfüllen.»


Claudio Gagliardi (29)
Kommunikation, ZHAW

«Als ich erfuhr, dass ich nicht bestanden habe, war ich gerade mit meiner Frau auf unserer Hochzeitsreise in Israel und hatte kurz zuvor das Holocaust-Museum besucht. Ich hatte nach dem Museumsbesuch andere Sachen im Kopf, die ich zuerst verarbeiten musste. Erst zwei bis drei Tage später hat es mich so richtig genervt. Im Journalismus gibt es zurzeit nicht viele offene Stellen, da hilft auch ein bestandenes Studium nicht weiter. Auf jeden Fall wurde ich bis jetzt noch nie nach meinem Abschlussdiplom gefragt. Ich werde mir eine Stelle suchen und dann nächstes Jahr noch einmal die Bachelorarbeit schreiben. Da ich nun zu 100 Prozent arbeiten kann, wirft mich die ganze Geschichte nicht wirklich aus der Bahn.»

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2013, 20:05 Uhr

André Werner ist Leiter der Studien- und Laufbahnberatung im biz Oerlikon, einer Beratungsstelle der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. (Bild: zvg)

Studienberater können Hilfe anbieten

Wie viele Studenten kommen etwa zu Ihnen, weil sie ein Problem an der Uni haben?
Wir beraten jährlich einige Hundert Studierende. Die meisten suchen uns auf, weil sie sich im Studium nicht wohl fühlen oder Prüfungen nicht bestanden haben. In der Beratung geht es darum, die Situation einzuschätzen und allenfalls Ausbildungsalternativen zu entwickeln.

Ist es sinnvoll bei Nichtbestehen einen Rekurs einzulegen?
Rekurse sind selten erfolgreich. Aber natürlich wollen die betroffenen Studierenden bei schriftlichen Prüfungen wissen, wie?viel gefehlt hat, und nehmen die Möglichkeit wahr, Einsicht in ihre Prüfung zu nehmen. Das ist nicht nur sinnvoll, um einen eventuellen Rekurs zu erwägen, sondern es ist auch eine Konfrontation mit der Realität. Eine solche braucht es, um weitergehen zu können.

Was raten Sie Studenten, die nicht weiterkommen im Studium? Noch mal versuchen oder sich lieber auf einen Beruf konzentrieren?
Das lässt sich nicht generell sagen. Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam mit den Ratsuchenden eine gute Lösung zu finden. Manchmal kann man Teile eines Fachs als Nebenfach in einen neuen Studiengang mitnehmen, manchmal ist der Wechsel an eine Fachhochschule sinnvoll. Eine Berufslehre nach der gymnasialen Maturität und einem abgebrochenen Studium ist eher selten. Hingegen kann ein Berufseinstieg über die Postmaturitäre Wirtschaftsausbildung (PWA) oder über eine Way-up-Lehre eine gute Lösung sein.

Wie motivieren Sie die Studierenden dafür?
Wir können Ratsuchenden Mut machen und mit ihnen berufliche Lösungen erarbeiten. Motivieren müssen sie sich letztlich selbst.

Gibt es Leute, die studieren möchten, denen Sie aufgrund ihres Profils aber abraten?
Es gibt Gymnasiasten, die sich durch die Mittelschule gequält haben. Und solche, die von Arbeitstätigkeiten fasziniert sind, für die es kein Studium braucht. In Studienwahlberatungen ist die Frage «Studium – ja oder nein» relativ oft ein Thema.

Gibt es dies auch während eines Studiums, wo Sie sagen, dass es so keinen Sinn macht, wenn jemand weiterstudiert?
Das gibt es. Wenn der Leidensdruck zu gross wird, kann ein Studienabbruch die einzig richtige Lösung sein. Wann dieser Punkt gekommen ist, entscheidet aber nicht die Beraterin, sondern der Studierende. Gut ist, wenn schon vor dem Studienabbruch mögliche Alternativen erarbeitet werden.

Mit André Werner sprach Andi Wullschleger

Umfrage

Wie verarbeiten Sie persönliche Enttäuschungen?

Mit Rückzug

 
31.8%

Im Gespräch mit Freunden und Bekannten

 
28.3%

Indem ich vermehrt Sport treibe

 
8.6%

Mit Medikamenten, Alkohol oder Drogen

 
14.5%

Mit Yoga oder Meditation

 
2.5%

Auf andere Art

 
14.3%

1063 Stimmen


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