Leben
Mama allein zu Haus
Von Claudia Kocher. Aktualisiert am 09.09.2009
Letzten Sommer hatte Andrea P.* einen Nervenzusammenbruch. Dies, weil ihr Vater krank wurde. Längere Zeit konnte er ihren zweijährigen Sohn am Morgen nicht ins Tagesheim bringen. Der Tagesablauf der Familie geriet aus den Fugen. Andrea P. hat sich wieder erholt. Doch die Angst, dass sie ihren Job verlieren könnte, zehrt permanent an ihr. «Ich will auf keinen Fall fürsorgeabhängig werden», sagt die 40-jährige Mutter, die seit der Schwangerschaft alleinerziehend ist.
Mehrheitlich Frauen
Andrea arbeitet vier Tage die Woche im Hochschulbereich. Am Morgen muss sie oft um halb sieben los. «Ich kann den Kleinen aber nicht schon um halb sechs wecken, da krieg ich ihn gar nicht wach.» Sie ist darauf angewiesen, dass der Grossvater den Bub ins Tagi bringt. «Ohne ihn geht es nicht.»
Rund 15 Prozent aller Schweizer Familienhaushalte mit Kindern sind Einelternfamilien, und Andrea ist eine von vielen alleinerziehenden Frauen. Alleinerziehende Männer gibt es weit weniger. Das zeigt die Statistik aus dem Jahr 2007: Von 200 geschiedenen Ehen in Basel-Stadt wurden nur in sieben Fällen alle Kinder dem Vater zugesprochen. 41 Elternpaare teilten sich das Sorgerecht. Die übrigen Kinder wurden den Müttern zugeteilt. Alleinerziehend bedeute, dass jemand die Hauptlast trage, sagt Georg Mattmüller, Co-Präsident von «eifam», dem Verein für Alleinerziehende der Region Basel. Es bedeute: Wer betreut die Kinder, wer nimmt die soziale Verantwortung wahr? Natürlich sei ein Wochenendpapi am Wochenende alleine mit dem Kind. Aber als alleinerziehend würde ihn Mattmüller nicht bezeichnen. Andreas Ex-Mann sieht den Sohn mehrmals pro Woche. Aber nur kurz. Meist holt er ihn von der Krippe ab, wenn die Mutter noch arbeitet. «Es ist eine Beziehung gewachsen», sagt Andrea. Sie ist froh darum und hofft, dass das so bleibt. Der Vater ihres Kindes spreche oft davon, ins Ausland zu gehen. Was das für den Sohn heisse, überlege er sich nicht. Viele Jahre war sie mit dem Mann verheiratet, der dann Vater ihres Sohnes wurde. Während der Schwangerschaft zerbrach die Beziehung. «Ich habe fürchterliche Ängste gehabt, dass ich es nicht alleine schaffe.»
Geld bestimmt den Alltag
Andreas Sohn leidet an den Folgen eines Geburtsgebrechens. Er war schon oft nachts auf der Notfallstation des Kinderspitals. «Vielleicht reagiere ich übervorsichtig», sagt Andrea. «Doch wenn man alleine die Verantwortung trägt, ist es schwierig, in kritischen Situationen die Nerven zu behalten. »
Das Geld bestimmt den Alltag. Nicht einmal Andrea P. mit ihrem verhältnismässig guten Lohn kommt ohne subventionierte Tagesbetreuung durch. Und bei einer Wirtschaftskrise sind besonders Frauen mit Kindern gefährdet. Denn dann steigt der Druck in der Arbeitswelt. Eine Anfang Juni veröffentlichte Studie über Lohnunterschiede zeigt, dass Frauen mit Kindern weniger verdienen als kinderlose Frauen. Nach einer Trennung sind vor allem Frauen gefährdet, von der Sozialhilfe abhängig zu werden. Laut Statistik bezieht heute jede sechste Alleinerziehende Sozialhilfe. Meist reicht ein einzelnes Einkommen für zwei getrennte Haushalte nicht. Nach heutiger Rechtsprechung bleibt dem Mann das existenzsichernde Minimum, während die Frau zur Sozialhilfe muss.
Schuldenberg wächst
Das sei eine strukturelle Ungerechtigkeit, sagt der Co-Präsident von «eifam». Wahrscheinlich befürchte man, dass eine andere Rechtsprechung die doppelte Zahl von Sozialhilfebezügern zur Folge hätte. Auch die Eidgenössische Kommission für Frauenfragen (EKF) fordert, der «wirtschaftlichen Diskriminierung» der Frauen entgegenzuwirken. Die Sozialhilfe ist generell rückerstattungspflichtig. Bei den Alleinerziehenden häuft sich deshalb oft ein Schuldenberg an.
Die Sozialhilfe hat keine Freude an den Forderungen der EKF. An der letztjährigen Tagung «Armut nach Scheidung» sagte Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, dass die Sozialhilfe nicht alle Risiken, die durch gesellschaftliche Veränderungen entstünden, auffangen könne. Ein Mittel sei beispielsweise die Schaffung von Familienergänzungsleistungen. Damit könne auch die nicht mehr «zeitgemässe Alimentenbevorschussung» abgeschafft werden. Bei allen finanziellen, organisatorischen und erzieherischen Problemen, die sich Alleinerziehenden stellen, geht eines fast vergessen: die Zeit, sich zu erholen oder sich beruflich weiterzuentwickeln. Vielleicht Andreas grösstes Problem. So weiss sie, dass sie Anspruch auf Krankenkassenprämienverbilligung hätte. Doch ob sie in ihrer «Eigenzeit» auch noch Papierkram erledigen möchte? Die Energie für diesen Aufwand hat sie nicht. Der Kleine ist ein Nachtschwärmer, schläft erst gegen zehn. «Dann erst kann ich die Küche machen.» Und dann will Andrea P. nur noch schlafen, auch wenn ihr das nicht gut gelingt. «In meinem Kopf drehen sich die Gedanken an all das, was ich noch erledigen muss.»
Stigmatisierung hat abgenommen
Für Georg Mattmüller hat sich dennoch einiges verändert. So seien die Ansätze nach einer Trennung gleichberechtigter als früher. «Doch viele Haushalte sind nach einer Trennung in einer prekären finanziellen Situation. » Immerhin würden sich Alleinerziehende weniger schuldig fühlen als noch vor 30 Jahren. «Die Stigmatisierung hat abgenommen», weiss der Jurist. «Obwohl sie immer noch nicht verschwunden ist.»
Dies zeigt auch das Beispiel von Andrea P. Sie will anonym bleiben, denn sie fürchtet sich genau vor dieser Stigmatisierung an ihrem Arbeitsort. Im sozialen Umfeld sei dies weniger ein Problem, sagt Andrea P. «Da werde ich eher für meine Leistungen bewundert.» *Name geändert (Basler Zeitung)
Erstellt: 09.09.2009, 13:48 Uhr





