Ohne Kinder zum Glück

Von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 09.09.2009

Ein Diskussionsbeitrag für mehr Verständnis für Kinderlose – und ein Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein bei Kinderlosen.

Die Gesellschaft braucht beides, Familien ebenso wie Kinderlose.

Christoph Stulz

«Haben Sie Kinder?» Diese Frage wird so kaum gestellt. Sie lautet immer: «Haben Sie auch Kinder?» Diese Frage ist Zumutung und Indiskretion zugleich. Jene, die sie stellen und immer selbst Kinder haben, merken das nicht. Die inhaltlich adäquate und ebenso indiskrete Rückfrage lautet: «Haben Sie trotz Ihrer Kinder auch noch Sex?» Aber wer stellt letztere Frage je? Kinderlosigkeit kann ein Drama sein, zum Beispiel für jenes Ehepaar unter statistisch sieben, das unfreiwillig kinderlos ist. Die grundlegend hoffnungsfrohe Einstellung gegenüber der Menschheit heute lautet ja: Um jeden Preis ihren Fortbestand sichern. Erhöht sich die Geburtenrate pro Frau, wie Anfang Juli vermeldet wurde, freut sich die Menschheit und insbesondere die dermassen beschenkte Nation.

Und was ist mit den Kinderlosen? Man gönnt Schwulen und Lesben den Eintrag ins Heiratsregister und billigt Patchworkfamilien, Kinderlosen hingegen begegnet man mit einer Mischung aus Unverständnis und Mitleid. Als die amerikanische Schauspielerin Cameron Diaz sich letzthin «outete» und sagte, sie wolle keine Kinder, brach gar ein Sturm der Entrüstung über ihr los.

Familienfreundlich ist wirtschaftsfreundlich

Aber Amerika ist in jeder Beziehung weit weg – oder etwa nicht? Kinderförderungs- und Bildungspolitik haben in den vergangenen Jahren jede Faser des hiesigen Staatswesens erfasst. In einem rohstoffarmen, nicht besonders gebärfreudigen und in der ausserfamiliären Kinderbetreuung hinterherhinkenden Land wie der Schweiz ist dies nicht weiter verwunderlich. Besonders die Steuerpolitik wird immer mehr nach der Attraktivität für Familien ausgerichtet. Neben tiefen Steuern zeichnet sich ein «attraktives (wirtschaftliches) Umfeld» vor allem duch Familienfreundlichkeit aus. Der Opferbereitschaft von Eltern wird Genüge getan, wo es nur geht. Belohnt oder entlastet soll werden, wer sich fortpflanzt. Denn Familien mit Kindern tragen das grösste Armutsrisiko. Gesellschaft und Politik des beginnenden 21. Jahrhunderts haben sich in hiesigen Breitengraden bemerkenswert deutlich auf die sogenannt traditionellen Familienwerte zurückbesonnen. Nach dem sozialen Aufbruch der Jahre nach 1968, der Emanzipation der Frauen, nach den hedonistischen Achtzigern und der individualistischen, gierigen «Ich-AG» der späten Neunziger hat uns nun der konservative Backlash erfasst: Allein Familie zählt. Wer heute als Frau den Namen des Mannes annimmt, fällt auch in linken und intellektuellen Kreisen nicht mehr auf.

Kinderlose engagieren sich stärker

Familienförderung geht zulasten der Kinderlosen. Oder positiver formuliert: Die Kinderlosen tragen die Familien gesellschaftlich solidarisch mit. Je mehr Kinder- und Familienförderung betrieben wird, desto höher sind ihre Quersubventionen. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Aber man muss es einmal festhalten dürfen, ohne als Familienfeind dazustehen. Wer Kinder hat, ist angesichts der Staatskosten für Kinder kaum je Nettosteuerzahler. Familien mit Kindern können den Einzelpersonen oder den Paaren ohne Kindern durchaus dankbar sein. Es ist ja auch so, dass Kinderlose sich im öffentlichen Leben eher überproportional stark engagieren und damit etwas für die Gesellschaft tun.

Und damit sind wir beim Kern des Themas angelangt: Was tun Kinderlose im Leben eigentlich? Für viele von ihnen ist Kinderlosigkeit emotional belastend. Sie ist ein Schmerz, über den sie nicht hinwegkommen. Man kann ihn ausblenden, aber nicht vergessen. Und mit Eltern kann man schlecht darüber sprechen. Deren Verständnis bleibt oberflächlich. Selbst die besten Freunde, so sie denn Kinder haben, können im Grunde nicht nachvollziehen, was es heisst, keine Kinder zu haben. Es ist wesentlich einfacher und akzeptierter, kein Verständnis für Kinderlose aufzubringen, als umgekehrt: Wer sich Geschichten über Kinder und Klagen darüber, wie anstrengend und teuer Kinder sind, nicht anhören mag, dem wird rasch Kaltherzigkeit attestiert. Eltern fordern von Nicht-Eltern ein Mass an Verständnis ein, das umgekehrt nicht verlangt werden darf: Wer nicht versteht, warum jemand keine Kinder haben wollte oder wem es bei der Unterhaltung mit ungewollt Kinderlosen an Sensibilität mangelt, wird kaum je in Verdacht geraten, kaltherzig zu sein. Stünden diese Vorwürfe einmal im Raum, könnten sie dem Totschlägerargument des Kinderneids sofort und problemlos abgeblockt werden.

Die Art muss erhalten werden

Wohlverstanden: Der Schmerz der Kinderlosigkeit ist für Aussenstehende nicht zu verstehen und deshalb ist ihnen kein Vorwurf zu machen. Ein Problem liegt wohl darin, dass Kinderlose defensiv agieren. Sie sollten ihre Verteidigungshaltung aufgeben. Man kann die Argumente auch umdrehen und sagen: Den Eltern fehlen der Schmerz der Kinderlosigkeit und die Einsichten daraus. Ja – es geht ihnen eine essentielle Erfahrung ab. Auch wenn sie in den ersten paar Jahrzehnten ihres Lebens kinderlos gewesen sind: Die Aussicht auf Kinder hat bestanden und deshalb ist das etwas anderes.

Und hier nun sind wir beim Punkt der Sinnhaftigkeit des Lebens überhaupt: Fortpflanzung ist ein Primärsinn, der zum Überleben gehört. Die Art muss erhalten werden. Wer seine Art also nicht erhalten kann, der muss dem Leben einen Sinn abgewinnen. Einen anderen Sinn, der immer Ersatzsinn bleiben muss, der aber doch «das Defizit» aufheben kann. Diese Ersatzsinnsuche ist mit viel Aufwand und Frustration verbunden und es bleibt letztlich immer auch eine Angst übrig: Wer keine Kinder hat, wird einsamer sterben. Das Alter bekommt eine andere Dimension und Philipp Roths Satz: Älterwerden sei nicht schlimm, es sei ein Massaker, wird sehr unmittelbar: Ziel eines Massakers ist die völlige Auslöschung von etwas. Auch bei Kinderlosigkeit wird nichts zurückgelassen, zumindest auf der genetischen Ebene.

Grosse Herausforderung

Der Sinn der Sinnfindung bei Kinderlosen liegt im Prozess selbst. Die Selbstverständlichkeit der Sinnerfüllung, die mit der erfolgten Fortpflanzung ins Leben Einzug hält, bleibt aus. Kinderlose denken anders über die Dinge des Lebens nach. Anders – nicht tiefgründiger, nicht oberflächlicher: Anders. Zum Beispiel gilt es, Beziehungsfragen vor dem Hintergrund der Kinderlosigkeit zu erörtern. Diese Herausforderung ist ebenso gross wie die Beziehungsfrage mit Kindern, nur die Perspektiven sind andere. Es geht genau so um die Pflege des eigenen Gartens: «Jede glückliche Ehe ist eine Art Garten, ein Resultat von Hingabe, Werbung, Geduld», sagte der amerikanische Kulturhistoriker Robert Pogue Harrison kürzlich in einem Interview mit der NZZ. «Und auch wenn ich keine Kinder habe, denke ich, dass die Familie einem Garten ähnelt.»

Wer künftig von Familien spricht, sollte auch an Paare ohne Kinder denken, sie als Familie betrachten. Wer das tut, wird kaum mehr nach Kindern fragen. Und wer das tut, der wird bei der Trennung eines kinderlosen Paars nicht auf die Idee kommen zu sagen: «Zum Glück habt ihr keine Kinder.» Die Komplexität einer Beziehung oder der Schmerz einer Trennung lassen sich nicht an der Anzahl Kinder messen. Das (Lebens-)Glück sowieso nicht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 09.09.2009, 14:03 Uhr

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