Leben
Gehts auch ohne Megawow?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 24.03.2010
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Ein Sportler, noch ausser Atem, hat soeben eine Goldmedaille gewonnen. Ein Reporter, Jubelstimme, will ganz dringend wissen: «Was geht in Ihrem Kopf vor? Schon realisiert . . . ?» Wären wir Fernsehsportler enttäuscht, wenn der Reporter diese immergleichen Fragen nicht stellen würde oder wenn der Überglückliche eine andere Antwort wüsste als: «Unbeschreiblich, mega, wow!»? E. S.
Unter dem Aspekt der möglichen Enttäuschung der Zuschauer, wenn dieser Dialog einmal nicht ganz genau so, sondern zur Abwechslung einmal ganz anders stattfinden würde, habe ich diese Angelegenheit noch gar nicht betrachtet. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich sie übrigens nicht nur unter diesem Aspekt nicht, sondern eigentlich überhaupt noch gar nicht betrachtet. Weil ich nämlich nicht bloss kein Sportler, sondern auch kein Fernsehsportler bin und mich nichts so zügig zum Um- oder Abschalten bringen kann wie erwachsene Menschen in unvorteilhafter Sportbekleidung, die über verschenkte Zehntelsekunden und ihre in der letzten Saison erlittenen Verletzungen und dergleichen parlieren. Mit anderen Worten: Von mir aus könnten der Reporter und der Sieger an der Ziellinie genauso gut gemeinsam «Hänschen klein» singen. Oder «Alle Vögel sind schon da» und meinetwegen sogar «My Way», was ja eigentlich noch passen würde – ich würde es, wie gesagt, gar nicht bemerken. Wie Sie Ihrerseits aber wahrscheinlich bemerken, komme ich langsam auf den Geschmack, mir alternative Interviewszenarien auszudenken. Zum Beispiel könnte der Reporter den Sieger fragen, ob dieser Sport nicht ziemlich gefährlich sei und wo wir denn da hinkämen, wenn alle so rasen würden, und wie der Sportler es denn mit seiner Vorbildfunktion halte, immerhin sässen doch auch Kinder vor dem Fernseher. Und der Sieger täte darob in Tränen ausbrechen und von seiner schweren Kindheit berichten, wie ihn «s Mami und de Papi» schon in allerjüngsten Jahren getriezt hätten, wenn er nicht täglich drei Stunden trainiert hätte, und dass darüber natürlich die Hausaufgaben zu kurz gekommen seien, und sowieso hätte er viel lieber Altgriechisch studiert statt Kurventechnik, und alle seine Erfolge seien so sowieso nur für die Katz respektive allein dafür gut, um am bitteren Ende, d. h. etwa mit Mitte dreissig, das Sportartikelgeschäft der Eltern übernehmen zu können und . . . Und selbst wenn alles gelogen wäre – es wäre doch mal eine schöne Abwechslung. Gell?
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Erstellt: 24.03.2010, 10:14 Uhr
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