Leben
Hat der Mensch einen freien Willen?
Von . Aktualisiert am 03.06.2009 4 Kommentare
Es gibt anscheinend experimentelle Hinweise, dass bei jeder Wahl, die wir bewusst treffen, unser Hirn jeweils schon Sekundenbruchteile vorher die Entscheidung gefällt hat. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob diese Experimente verlässliche Aussagen zum Problem der Willensfreiheit ermöglichen, doch ein eindeutiges Forschungsergebnis, das uns den freien Willen abspricht, hätte wohl sehr weit reichende Konsequenzen auf unsere Weltanschauung etc. Ein Szenario, das ich mir gar nicht ausmalen möchte. Sehen Sie das ähnlich? P. H.
Lieber Herr H.
Was kann es bedeuten, wenn man sagt, dass «mein Gehirn» stets schon entschieden hat, bevor «ich» mich entscheide? Solange mein Gehirn mein Gehirn ist und nicht ein eingepflanzter Chip, der von Dr. Mabuse ferngesteuert wird, scheint es mir nicht sehr sinnvoll, aus mir und meinem Gehirn zweierlei Personen zu machen, von denen die eine (mein Gehirn) heimlich das Sagen hat, während die andere (ich) die längst getroffenen Entscheidungen lediglich scheinautonom nachvollziehen kann.
Lassen wir einmal für einen kurzen Moment das in letzter Zeit für allerlei Zwecke ideologisch doch arg überfrachtete Hirn aus dem Spiel, und konstruieren wir ein anderes Beispiel. Wenn sich herausstellte, dass ich immer schon rot werde, noch bevor ich bewusst merke, dass ich mich schäme - haben dann meine sichtbar erweiterten Hautkapillaren meine Scham «verursacht» bzw. «erzwungen» - ebenso wie angeblich eine vorgängige Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn meine Entscheidung erzwingt, noch ein Glas Wein zu bestellen? Vor ein paar Jahrzehnten führte man die Unschärferelation der Quantenphysik ins Feld, um die menschliche Freiheit zu beweisen; heute sind es Aktivitätsschemata des Gehirns, mit welchen gezeigt werden soll, dass es keine Willensfreiheit geben kann.
Bei beiden Beweisführungen kommt nichts mehr heraus als metaphysischer Hokuspokus. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn das Konzept «Willensfreiheit» beschreibt keine physikalische oder neurologische Realität, sondern es ist Teil einer Lebensform, in welcher niemand auf die Idee kommt, eine bestellte Pizza Margherita mit dem Argument zu retournieren, es täte ihm furchtbar leid, aber er habe die Bestellung nicht freiwillig gemacht, für die unglückliche Aktion sei vielmehr allein sein Gehirn verantwortlich, und darum hätte er doch lieber Lasagne. Wäre eine andere Lebensform denkbar, in der wir unser Gehirn statt uns für verantwortlich halten? Denkbar gewiss, aber es wäre eine absurde Lebensform, aus der uns nur der gesunde Menschenverstand in Gestalt des Kellners erlösen könnte, der uns darauf hinweist, dass in einem solch komplizierten Fall unser Gehirn die Pizza Margherita halt allein essen solle.
Fragen an Peter Schneider: leben@tagesanzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.06.2009, 10:14 Uhr
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4 Kommentare
Wie immer, ein Brillanter Kommentar von Peter Schneider. Er beweist, dass auch ein Psychoanalytiker absolut den gesunden Menschenverstand behalten kann....! Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch seinen freien Willen hat. Wenn Er den nicht mehr hat, ist er kein Individualist mehr, sondern eine beliebig formbare Masse, wie sie der Kommunismus zum Ziel hat. Antworten
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