Leben

Heilt ein Placebo nur, wenn der Heiler lügt?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 15.04.2009 2 Kommentare

Im Rahmen der Diskussion um die Komplementärmedizin hört man oft, man solle eine Methode nicht zurückweisen, bloss weil sie «nur» auf dem Placeboeffekt beruhe. Dieser wirke sich ja positiv aus, und es spiele keine Rolle, ob man durch den Glauben oder durch einen Wirkstoff geheilt werde. Dem kann ich zwar nicht widersprechen, aber es stellt sich mir die folgende Frage: Wenn ich einen Patienten darüber aufkläre, dass eine Therapie, die er in Erwägung zieht, eigentlich nicht wirken kann, mindere ich die Heilungschancen. Umgekehrt kann ich den Placeboeffekt verstärken, indem ich schwindle und die Therapie übertrieben positiv schildere. Liegt darin nicht ein ethisches Dilemma? M. Z.

Lieber Herr Z.

Ja, da liegt eines. Und zwar ein derart verzwirbeltes, dass ich es in diesen paar Zeilen allenfalls ansatzweise entzwirbeln kann. Nu so de: Wer heilt, hat Recht, sagt man. Was aber ist, wenn er, um zu heilen, nicht die Wahrheit spricht?

Man könnte sagen, in diesem Fall kollidieren zweierlei ethische Prinzipien: zum einen das therapeutische, welches das Handeln am Erfolg misst oder doch mindestens orientiert. Innerhalb der Reichweite dieses Prinzips heiligt der Erfolg gewisse Mittel, zu denen zu greifen sonst nicht gestattet wäre. (So erlaubt die chirurgische Therapie selbst rabiate Körperverletzungen wie Amputationen, wenn sie dazu geeignet sind, das Leben eines Patienten zu retten.) Zum anderen das Prinzip der Aufrichtigkeit. Wer mit Placebos experimentiert, verletzt dieses Prinzip wenigstens in Bezug auf die Probanden. Zudem setzt er voraus, dass die allfällige Wirkung des Placebos gewissermassen eine «illegitime» ist (denn sie ist eine Wirkung ohne Wirkstoff).

Der durch ein Placebo Geheilte ist ein «eingebildeter Gesunder». Wenn etwa bei leichten bis mittelschweren Depressionen ein Placebo so gut wirkt wie ein Antidepressivum, dann spricht in der schulmedizinischen Sichtweise dieses Ergebnis nicht für das Placebo, sondern gegen das Antidepressivum. Aber auch ein Homöopath würde auf dem Unterschied zwischen seiner Medikation und einem Placebo bestehen - denn wozu das sorgfältige Potenzieren eines Stoffes nach Hahnemannscher Vorschrift, wenn in Flaschen gefülltes ungeschütteltes Hahnenwasser denselben Effekt hätte?

Fragen wie: Wann ist eine Wirkung wirklich eine Wirkung? Beziehungsweise: Wie lässt sich eine wirkliche Wirkung so isolieren, dass sie von einer eingebildeten Wirkung zu unterscheiden ist? Respektiv: Was unterscheidet eigentlich eine eingebildete von einer wirklichen Wirkung? Diese Fragen lassen sich eben nur innerhalb der Grenzen eines gewissen Bezugssystems beantworten.

Die ethischen Probleme, die so ein harmloses Placebo aufwirft, sind also von den in ihm enthaltenen erkenntnistheoretischen kaum zu trennen. Immerhin gut föderalistisch wäre folgende Lösung des Placebo-Dilemmas: Ein jeder Heiler verschreibe nur das, woran er selber glaubt.

Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2009, 08:26 Uhr

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2 Kommentare

Stefan Werner

15.04.2009, 17:25 Uhr
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Was die interessante Folgefrage aufwirft: Darf der Therapeut ein Placebo geben, wenn er daran glaubt, dass die Placebowirkung plus seine Überzeugungskraft ausreichend sein wird? In diesem Zusammenhang sei Michael Balint zitiert: "Das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel ist der Arzt selber. Leider gibt es für dieses wichtige Medikament bisher keine Pharmakologie und keine Toxikologie". Antworten


Martin Hegg

12.06.2009, 17:31 Uhr
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Könnte vielliecht die Frage weiter helfen, ob der oder die durch ein Placebo "Geheilte" nicht ein eingebildete(r) Gesunde ist, sonder vielmehr ein oder eine eingebildete(r) Kranke(r) war ??? Aber dann wäre er ja in Wirklichkeit gesund und mit Gesunden auf Versicherungskosten Geschäfte zu machen wäre dann doch etwas zu viel des Guten. Antworten




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