Leben

Ist Gesundheit eine moralische Grösse?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 01.06.2011 1 Kommentar

Man bekommt den Eindruck, dass heute Gesund und Ungesund eigentlich für Gut und Böse stehen. Was meinen Sie? S. S.

Der Eindruck täuscht nicht. Diese Moralisierung der Gesundheit ist allerdings Teil einer umfassenderen Tendenz: einer «Naturalisierung» unseres Selbstverständnisses. Kulturelle Phänomene werden auf ihre natürlichen Grundlagen hin untersucht: Warum stehen junge Frauen auf alte reiche Männer? Warum bekommen Stripperinnen an ihren fruchtbaren Tagen mehr Trinkgeld? Welche Bewegungen beim Tanzen machen Männer besonders attraktiv? Sind beim Beten möglicherweise dieselben Hirnregionen aktiv wie beim Betrachten des neuen iPad?

Auf diese Art von Fragen geben Soziobiologie und evolutionäre Psychologie in der Popularisierung ihrer Forschungsergebnisse Antworten. Genauer gesagt, eine einzige Antwort, nämlich die, dass selbst auf den ersten Blick bizarr anmutendes Verhalten stets seinen guten evolutionären Grund hat. Es erweist sich bei genauerer Betrachtung als «vollkommen natürlich». Damit sind wir gehalten, unsere überkommenen Moralvorstellungen im Lichte der Biologie neu zu überdenken. Gute Moralvorstellungen sind dann solche, die sich selber durch die Natur des Menschen rechtfertigen lassen; schlechte moralische Forderungen sind zum Beispiel solche, die vor 30 000 Jahren vielleicht noch biologisch sinnvoll waren, sich inzwischen aber überlebt haben oder aber von Institutionen wie der Kirche wider alle biologische Vernunft durchgesetzt worden sind.

Welche Moral dabei ins Töpfchen und welche ins Kröpfchen kommt, variiert; wichtig ist die Unterscheidung selbst. Und das Ziel: Die Moral auf ihren natürlichen Kern zurückzuführen. Nun scheint es aber doch irgendwie in der Natur (kleiner Scherz!) der Moral zu liegen, ihren kulturellen Anspruch nicht kampflos aufgeben zu wollen. Sie sucht sich andere Felder, die sie neu besetzen kann. Wenn sie aus der Sexualität vertrieben wird, dann fährt ihr Geist halt in die Gesundheit. Dabei verkleidet sie sich zunächst im Sinn und Geist der Natürlichkeit: Es kann doch nicht im Sinne der Natur sein, dass wir uns selbst mit Nikotin vergiften; dass wir mehr essen, als wir verbrauchen; dass wir uns so wenig bewegen, obwohl wir von Natur aus Wesen sind, die eigentlich jeden Tag zehn Kilometer laufen müssten usw.

Wie traditionell moralisch die neue Moral werden kann, merken wir, sobald wir gegen die Gebote der Naturmoral verstossen. Dann rechnet man uns vor, was unser Fehlverhalten die Volkswirtschaft alljährlich kostet. Ungeklärt aber bleibt die Frage: Warum ist es ganz natürlich, dass Männer Stripperinnen an deren fruchtbaren Tagen mehr Trinkgeld geben, nicht aber, dass Menschen auch an ihren unfruchtbaren Tagen gerne Nüssli mampfend vor dem Fernsehen sitzen? Oder allgemeiner: Kann sich die Natur, die wir angeblich verkörpern, gegen sich selber wenden? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.06.2011, 11:02 Uhr

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1 Kommentar

Hanspeter Bruhin

03.06.2011, 12:09 Uhr
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Stimmt alles. Die Gesundheit als Moralersatz (Sexualität). Es wird aber noch etwas draufgesetz. Homosexualität und Onanie werden als normal betrachtet und kritische Beurteilungen untersagt. Der Mensch kann ohne Tabus nicht Leben. Tabus zu brechen, macht aber unendlich Spass und trägt zur Lebensfreude bei. Antworten




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