Leben

Ist die Wissenschaft nur eine soziale Praktik?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 10.06.2009 4 Kommentare

In einer Ihrer letzten Kolumnen bezeichnen Sie Wissenschaft als «eine soziale Praktik unter anderen sozialen Praktiken». Diese Aussage erinnert mich an die Argumentation von Kreationisten, die Gleichbehandlung von Schöpfungsgeschichte und Evolution an den Schulen fordern und dies damit begründen, dass Wissenschaft «auch nur ein Glaube» sei. In jenem Fall ist die Argumentation fadenscheinig, weil religiöse Fundamentalisten ihren Glauben ja gerade nicht als eine soziale Praktik wie jede andere ansehen. Bei Ihnen hingegen gehe ich davon aus, dass Sie nicht eine dogmatische Ansicht kaschieren wollen. Doch müssen Sie nicht eingestehen, dass einige Arten der Wahrheitssuche objektiv korrektere Resultate liefern als andere? Andernfalls würden Sie ja einen radikalen Relativismus vertreten, in dem es keine Fakten mehr gibt, sondern bloss noch Meinungen. M. Z.

Lieber Herr Z.

Es scheint mir irreführend und vor allem weltfremd, Wissenschaft mit Wahrheitssuche zu identifizieren. Denn eine solche idealistische Beschreibung von Wissenschaft führt doch ziemlich weit weg von dem, was Wissenschaftler wirklich tun. Wissenschaftler isolieren Proteine, graben Tonscherben aus, interpretieren mittelalterliche Urkunden, stellen Anträge für Drittmittelforschung, züchten Fruchtfliegen, schreiben Zeitschriftenartikel, lassen Computer aus Messdaten eines Magnetresonanz-Tomografen bunte Hirnbilder erzeugen, rekonstruieren den Prozess der zweiten Lautverschiebung, treffen sich auf Kongressen und einiges noch weitaus Komplizierteres mehr. Sie folgen bei ihrem bunten Treiben nicht einer einheitlichen «wissenschaftlichen» Methode und formulieren auch keine Wahrheiten, die dann in einem Experiment auf die Probe gestellt werden, sondern sie erfinden Tag für Tag neue Methoden und Untersuchungsgegenstände. (Ein «Gen» ist keine gefundene Wahrheit, sondern ein komplexes Ding, an dessen Wirklichkeit inzwischen nicht nur die Biochemie, Molekularbiologie und die Verhaltensforschung, sondern längst auch Semiotik, Jurisprudenz und Kriminalistik mitbauen.) Die Wissenschaften selbst funktionieren ziemlich relativistisch: Wissenschaftliche Tatsachen sind keine Steine in einem Puzzle, das zusammengesetzt irgendwann einmal die Weltformel ergibt, sondern einander zuweilen durchaus widersprechende Problemlösungen, die ihrerseits vor allem neue Rätsel in sich bergen. In dieser Offenheit liegt die Produktivität des wissenschaftlichen Denkens. In der frommen Theorie der Kreationisten hingegen geht es stets um die Wahrheit. Die Welt ist ein Rätsel, für das es - Gottlob! - eine Lösung gibt: dass Gott diese Welt erschaffen hat. Inklusive der Fossilien und Charles Darwin. So einfach ist das. Und so - Gähn!

Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2009, 09:20 Uhr

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4 Kommentare

Cédric Gehrer

10.06.2009, 10:38 Uhr
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Aber hallo? Wissenschaft ist der Versuch, Objektivität zu schaffen. Und dabei ist sie deutlich erfolgreicher als sich manche eingestehen. Wir wären noch immer im Mittelalter, wenn wir nicht versuchen würden, uns ein objektives Bild der Welt zu verschaffen. Dennoch: Der Trend geht heute erschreckenderweise genau in die andere Richtung, Glaube an Hokuspokus ist wieder "in". Und Schneider macht mit. Antworten


Werner Obrecht

10.06.2009, 16:45 Uhr
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Sie tischen den verblüfften Laien eine Darstellung von Wissenschaft auf, die einer ihrer eifrigsten Verbreiter, Bruno Latour, bereits 2007 als unzutreffend zurückgenommen hat (Das Elend der Kritik. Zürich: diaphanes.) Er folgt damit dem Kult-Relativisten der 60er u 70er Jahre, Thomas Kuhn, der wegen den irrationalistischen Implikationen seines Paradigmen-Begriffes auch zurückbuchstabieren musste. Antworten




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