Leben

Konservativ werden

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 20.01.2010

Wie kommt es, dass Menschen mit zunehmendem Alter nicht nur gesetzter werden, sondern in der Regel auch konservativer? Und warum ist das Umgekehrte so selten der Fall? A. S.

Liebe Frau S. Erstens: Weil mit dem Alter die Erfahrung wächst. Was für junge Leute etwas sensationell Neues ist, ist für uns Ältere oft bloss kalter Kaffee. Was als Konservatismus erscheint, ist dann eher eine Art Gelangweiltheit oder unwirsche Gereiztheit angesichts des Theaters beim Umfüllen des alten Weins in neue Schläuche. Zweitens: Trotz der wachsenden Erfahrung sind wir Älteren von den Neuheiten um uns herum überfordert und neigen dazu, den neumodischen Kram der Jungen, vor dem wir uns fürchten, als kulturellen Niedergang zu verachten. Drittens: Nicht nur hat man mit dem Altern schon mancherlei Aufregung entstehen und vergehen gesehen, man hat auch mehr als nur ein Buch zu einem Thema gelesen und weiss, dass die Welt nicht so einfach ist, wie sie dem Jungrevolutionär erscheinen mag. Man weiss, dass nicht nur Schnellschüsse, sondern überhaupt viele Schüsse hinten rausgehen, dass fast jede Lösung neue Probleme gebiert und dass jede Antwort, die man gefunden hat, neue Fragen aufwirft. Statt bei einer Abstimmung hundertzwanzigprozentig Ja oder Nein zu stimmen, votiert man (im Geiste) höchstens sechzigprozentig für oder gegen etwas oder legt des Öfteren auch mal einen leeren Zettel in die Urne.

Sie sehen, der Alterskonservatismus hat ein paar Facetten, und nicht jede ist Ausdruck einer mentalen Erstarrung oder einer zunehmenden Borniertheit. Und er ist auch nicht zwangsläufig das Gegenteil dessen, was man als Altersradikalität kennt. Diese muss sich nämlich nicht zwangsläufig darin äussern, dass man sich auf die alten Tage noch irgendwelchen total hippen, aber mindestens ebenso bescheuerten Ideologien verschreibt oder entweder zum Fortschrittsfreak wird oder aber seinen senilen Kulturpessimismus in ein gerade angesagtes, ökologisch korrektes Untergangsszenario ummünzt. Er kann schlicht darin bestehen, dass man mit dem Alter unduldsamer wird gegenüber Simplifizierungen und ideologischen Scheuklappen. Eine solche Altersradikalität ist also nicht die Umkehr eines zunehmenden Konservatismus, sondern ein wichtiger Aspekt desselben. Kein Verrat an der jugendlichen Radikalität, sondern deren Vertiefung. Ach, wenn es doch nur immer so wäre!

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2010, 08:53 Uhr


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