Leben
Machen Fernsehserien dumm?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 29.04.2009
Als Kantischülerin werde ich immer wieder auf meinen TV-Serien-Konsum angesprochen: «Du solltest es doch besser wissen und dieser dümmlichen Suchtmaschine abschwören können.» Allerdings sehe ich in vielen (in vielen auch nicht!!!) Serien einen didaktischen wie einen ästhetischen Wert. Ist denn Unterhaltung zwingendermassen dumm? Bin ich am Verblöden, wenn ich mich abends vor den Fernseher setze? Darf ich «House M.D.» nicht toll finden? L. W.
Liebe Frau W.
Natürlich dürfen Sie Dr. House toll finden. Erstens hat der Mann einen rauen Sexappeal, gegen den kein Dr. Samuel Stutz anstinken kann. Und zweitens ist jede einzelne Folge davon mindestens so lehrreich und hypochondrisch wertvoll wie die allabendliche Lektüre von ca. 10 Seiten Pschyrembel®. Also: Diese grundsätzliche Naserümpferei über TV-Serien ist so dumm, wie wenn einer erklären würde, er lese aus Prinzip keine Romane.
Der Vergleich ist nicht so an den Haaren herbeigezogen, wie es auf den ersten Blick scheinen will. Denn die Warnungen vor den Gefahren der Lesesucht, die Ende des 18. Jahrhunderts einsetzten und mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts (vor allem im Hinblick auf das Genre des Romans) eine Weile lang zum festen Bestandteil des damaligen kulturkritischen Diskurses gehörten, unterscheiden sich im Tonfall kaum von einer gewissen pauschalisierenden Fernsehkritik heutiger Tage. 1792 beichtet Ludwig Tieck seinem Freund Wackenroder eine 10-stündige Leseorgie. In höchstem Masse alarmiert, antwortet Wackenroder: «Welch ein entsetzliches Unternehmen, zwei Bände in einem Nachmittage und einer Nacht hintereinander in einem Atem zu lesen! Nicht genug! Ein Buch, was alle Phantasie aufs äusserste umherjagt, über die Grenzen der Besinnung herumjagt. Wie ist es denn möglich, dass Du Dich selber nicht mehr kennst? Oder opferst Du einer lüsternen Begier, einem Kitzel, etwas Ausserordentliches Dir selbst vorzutun, Deine Zufriedenheit auf, deren Zerstörung Du voraussiehst?» Knapp 30 Jahre später warnt der Pfarrer Heinrich Zschokke vor den Gefahren des Koma-Lesens: «Die Lesesucht ist eine unmässige Begierde, seinen eigenen, untätigen Geist mit den Einbildungen und Vorstellungen Anderer aus deren Schriften vorübergehend zu vergnügen.… Man gefällt sich in diesem behaglichen, geschäftigen Geistesmüssiggang, wie in einem träumenden Zustande.»
Vor kurzem las ich in der NZZ ein Interview mit George Steiner, das meine Hochschätzung dieses klugen Mannes leider etwas minderte: Die Menschen, so klagte er dort, «wollen unterhalten werden, und die Kitschindustrie liefert ihnen das Minderwertige, das leicht ist. Doch das sind Narkosen… Vor einigen Tagen gab es in Cambridge einen Stromausfall, und so haben wir Kerzen angezündet. Kerzen bringen nicht nur Licht, sondern ein ganz einzigartiges Schweigen… Ich las in den späten Gedichten Hölderlins. Im Kerzenlicht und im Schweigen waren sie mir auf einmal sehr klar.» Und mir wurde auch ganz ohne Kerzenschein einmal mehr klar, dass Kitsch Kitsch bleibt, auch wenn er aus dem Munde von George Steiner kommt und nicht aus dem Fernseher.
Fragen an Peter Schneider: leben@tagesanzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.04.2009, 13:54 Uhr
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