Leben

Nicht ohne meine Waffe

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 03.02.2011

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Lässt sich dieses Getue um den Waffenbesitz, wie es jetzt im Vorfeld zur Abstimmung über die Waffen-Initiative allerorten zum Vorschein kommt, irgendwie psychoanalytisch erklären? R. W.

Liebe Frau W.

Wenn Sie meinen, irgendwie mit Phallussymbol oder so, dann kann ich Ihnen damit leider nicht dienen. Freud hatte einmal den Plan, für eine populäre Darstellung der Psychoanalyse in einer amerikanischen Zeitschrift einen Artikel mit dem Titel zu verfassen «Don’t use psychoanalysis in polemics». Der Aufsatz wurde nie geschrieben, und also wissen wir nicht, warum er dagegen war, die Psychoanalyse in polemischer Absicht zu benutzen.

Aber ich kann Ihnen verraten, was ich dagegen einzuwenden habe: Die Psychoanalyse sollte dabei helfen, Rationalisierungen zu durchschauen, und nicht dazu, selber welche zu liefern. Darauf laufen aber all diese psychoanalytischen Ad-hoc-Diagnosen hinaus: Die Waffe ist ein Phallussymbol. (Wobei ja noch zu zeigen wäre, warum das eigentlich so selbsterklärend schlimm sein soll, dass irgendetwas ein Phallussymbol ist.) Männer, die ihre Waffe nicht im Zeughaus abliefern wollen, haben also wahlweise einen zu kleinen Schwanz, den sie mit der Waffe kompensieren wollen, bzw. leiden unter Kastrationsangst (oder beidem: Denn auch der Verlust von kleinen Dingen kann schmerzen). Nun gibt es auch Frauen, die gegen die Waffen-Initiative sind. Bilden diese unweiblichen Wesen die Gruppe der Penisneidischen, weil sie nicht nur einen zu kleinen Schniedel, sondern gar keinen haben?

Sie sehen, die polemische Psychologisierung und Pathologisierung der Liebe zur Waffe ist nicht minder blöd als die Argumente, die für das Sturmgewehr im Schrank angeführt werden: Erstens sei so ein Schiessgewehr daheim völlig ungefährlich, weil es sowieso ungeladen sei; zweitens müsse man schliesslich seine Familie verteidigen dürfen; drittens finde jeder, der sich umbringen wolle, sowieso einen Weg, und viertens müsse man auch an die traumatisierten LokiFührer denken, was einen fünftens zur

Schlussfolgerung bringt, dass es eigentlich sehr unverantwortlich ist, überhaupt noch Waffen ohne Munition abzugeben.

Davon abgesehen, dass mich die Argumente der Waffenlobby nicht im Geringsten überzeugen, kann ich dennoch sehr gut nachempfinden, dass einen so ein Schiesseisen fasziniert und man sich ungern von ihm trennt. So kann ich mir ohne weiteres vorstellen, an einer Pistole auf dieselbe kindliche Art Freude zu entwickeln wie z. B. an einer klassischen mechanischen Leica. Und die Tatsache, dass eine Pistole im Unterschied zu einer Kamera ein Instrument ist, das von einer Sekunde auf die andere ein Leben auslöschen kann, würde diesen Reiz keineswegs beseitigen, sondern sogar erhöhen. Aber gerade darum scheint es mir auch vernünftig und geboten, so ein Ding eben nicht im Haus zu haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.02.2011, 11:39 Uhr


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