Leben
Sind Linke denn nicht auch Bürger?
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In der Zeitung, im TV und im Radio sind die Menschen politisch in der Mitte oder rechts der Mitte immer «Bürger». Links der Mitte sind sie aber «Linke». Das sind doch aber auch ebenso gute oder schlechte Bürger. Warum dann die Bezeichnung «Linke und Bürger»? M. B.
Lieber Herr B.
Die Schulbuchantwort auf Ihre Frage lautet: Weil wir auf Deutsch nicht so klar wie im Französischen zwischen «citoyen» und «bourgeois» differenzieren können, sondern uns mit der weit weniger deutlichen Unterscheidung zwischen dem «Bürger» und dem «Bürgerlichen» begnügen müssen. Tatsächlich spricht man denn auch nicht unbedingt von «Linken» und «Bürgern», sondern von «Linken und Bürgerlichen». Auch die Linken sind also Bürger, aber sie sind nicht bürgerlich.
So weit die – wie gesagt – Antwort aus dem Lehrmittel Gemeinschaftskunde. Doch wie so meist im Leben sieht die Realität auch in diesem Fall in Wirklichkeit mal wieder etwas anders aus. Erstens in empirischer Hinsicht: Das Gros der Mitglieder der linken SP macht inzwischen Menschen aus, die man in soziologischen Kategorien eher als «bürgerlich» denn als typische Exemplare der Arbeiterklasse klassifizieren würde, wohingegen unter den Sympathisanten der «bürgerlichen» SVP zahlreiche klassische Büezer zu finden sind.
Zweitens aber auch unter systematischem Aspekt. Es gehört geradezu wesensgemäss zur bürgerlichen Ideologie, den Unterschied zwischen dem Staatsbürger, dem «Citoyen», und dem Angehörigen der bürgerlichen Klasse weitmöglichst zu verwischen (und dabei die Assoziation zum «Bourgeois» tunlichst zu vermeiden). Die Linken werden unter den Generalverdacht gestellt, lediglich Vertreter mehr oder minder berechtigter Partikularinteressen zu sein, welche innerhalb des politischen Systems auf gutbürgerliche Weise so weit zu mässigen sind, dass der Staat keinen Schaden nimmt. Dadurch stellen sich die Bürgerlichen als die wahren Bürger im emphatischen Sinn des Wortes dar, als diejenigen politischen Akteure, deren Abwehr überbordender linker Forderungen immer nur auf das staatsbürgerlich verstandene Gemeinwohl gerichtet ist.
Dieser Trick, den Doppelsinn des Wortes «Bürger» (mal schamvoll, mal schamlos) für bürgerliche Partikularinteressen auszubeuten, funktioniert trotz Abzocker- und Bonus-Debatte nach wie vor erstaunlich gut. Was wiederum zeigt, dass die Linken mit ihrem Versuch, den Begriff des Gemeinwohls moralisch aufzuladen, statt ihn als politische Kompromissbildung divergierender Interessen zu begreifen, eine nicht sehr erfolgreiche Strategie verfolgen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.09.2010, 10:57 Uhr
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