Leben

Sind Menschen nicht letztlich auch Tiere?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 22.04.2009 2 Kommentare

Sie haben einmal geschrieben, dass Tiere keine Menschen seien und Menschen keine Tiere. Mit der ersten Aussage bin ich einverstanden, aber mit der zweiten nicht. Der Mensch ist doch biologisch gesehen ein Tier, genauer gesagt ein Säugetier, zwar mit hoher Intelligenz und ganz spezifischer Kultur, aber auch immer noch seiner tierischen Natur verbunden. Oder sehen Sie das tatsächlich anders? M. E.

Liebe Frau E.

Was die biologische Klassifikation des Menschen angeht, bin ich selbstverständlich Ihrer Meinung: Alles, was nicht Pflanze, Bakterium oder Pilz ist, ist definitionsgemäss ein Tier - also auch der Mensch. Ich nehme an, nicht einmal fromme Kreationisten, die im Menschen die «Krone der Schöpfung» sehen, würden dem grundsätzlich widersprechen.

Aber was bedeutet es dann, wenn Sie schreiben, das Säugetier Mensch zeichne sich zwar durch eine «ganz spezifische Kultur» aus, aber sei «auch immer noch seiner tierischen Natur verbunden»? Weder von einem Igel noch von einem Pferd und auch nicht von einem noch so klugen Schimpansen würde man doch so etwas behaupten. Denn ein Schimpanse ist seiner tierischen Natur nicht verbunden, er ist vielmehr ein Tier, und zwar auf eine ziemlich offenkundig andere Weise, als auch ein Mensch (in biologischer Hinsicht) ein Tier ist. Schlicht deshalb, weil sich ihm das Problem seiner Zugehörigkeit zum Tierreich nicht stellt, wie es sich dem Menschen stellt.

Je nachdem, ob man die Kontinuität zwischen Tier und Mensch oder die Kluft zwischen Menschen und (anderen) Tieren betont, stellen sich andere Fragen und ergeben sich andere Antworten.

Gewiss ist anzunehmen, dass die Entwicklung der Sprache beim Menschen ein evolutionäres Produkt ist; aber eine evolutionsbiologische Theorie über den Übergang von der klassischen zur romantischen Literatur wäre wohl kaum erhellend. Das liegt aber nicht daran, dass der menschliche Geist ein viel zu erhabener Gegenstand ist für die plumpe materialistische Biologie. Sondern daran, dass der Traum einer «Einheitswissenschaft» vom Menschen nur zu träumen ist, wenn man alle Differenzen verkleistert, die den Gegenstand gerade charakterisieren - wie z. B. die Differenz von Kultur und Natur.

Diese Differenz anzuerkennen, bedeutet freilich nicht, dass der Mensch als in zwei Hälften geteilt gedacht werden muss. Die ominöse Natur-Kultur-Differenz ist vielmehr Teil eines Ordnungs- bzw. Koordinatensystems, das der Mensch gemacht hat, um über sich nachdenken zu können, und das seinerseits den Menschen «macht». Mit dem Ergebnis, dass der Mensch nun mit gleichem Recht von sich behaupten kann, dass er ein Tier sei, wie, dass er keines sei.

Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2009, 08:43 Uhr

2

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

2 Kommentare

Hans-Christian Müller

22.04.2009, 15:46 Uhr
Melden

Apropos Krone der Schöpfung: auch dies ein Ausfluss des menschlichen Intellekts, zu dessen Gunsten Eigenschaften wir "Instinkt" oder "Intuition" verkümmern. Tierisch, tiernah oder abgehoben: wir dürfen auf unsere Entwicklung nicht allzu stolz sein. Es sei denn, diese bringe einen Superintellekt hervor, behufs dessen sich die intellektuellen Fehlentwicklungen der Spezies Mensch korrigieren lassen. Antworten


Michael Kummer

22.04.2009, 19:43 Uhr
Melden

Mensch und Schimpanse haben 98% identische Gene. Unsere Sprache ist nur für uns einmalig, weil wir (andere) Tiersprachen nicht verstehen. Die Krone der Schöpfung ist ein aktueller Stand. In 2-3 Mio. Jahren sieht die Sache evt. anders aus. Darwin: alle Lebewesen, die je gelebt haben, gehören der selben Spezies an! Der menschliche Funke ist also - rein wissenschaftlich - gar nie über gesprungen. Antworten




Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!