Leben
Warum immer diese Fremdwörter?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 25.03.2009 4 Kommentare
Eigentlich lese ich Ihre Spalte «Leser fragen» im «Tages-Anzeiger» immer sehr gern, kürzlich hat mich ein Beitrag von Ihnen aber «stocksauer» gemacht. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie es nötig hätten, sich durch geschraubteste Formulierungen interessant zu machen. Ich denke jedoch, dass Sie von möglichst vielen Lesern verstanden werden möchten. Aus Ihrer Sicht sind vermutlich viele Ausdrücke («Konnotationen», «insinuiert») ganz normal und selbstverständlich. Ich möchte Sie aber bitten, weil es für einen nicht hochschulgebildeten Menschen anders aussieht, doch in Zukunft etwas Rücksicht zu nehmen, denn es stinkt mir, wenn ich die Zeitung nicht mehr ohne Duden lesen kann! E. V.
Lieber Herr V.
In zwei Punkten sind wir uns gewiss einig. Erstens: Wer von seinen Lesern nicht verstanden werden, sondern sie lediglich einschüchtern möchte, ist ein Arschloch. Zweitens: Nicht jede Unverständlichkeit entspringt einer bösen Absicht.
Alles Weitere, was nun noch folgt, ist der Versuch einer sehr persönlichen und daher kaum verallgemeinerbaren Ehrenrettung des Unverständlichen. Also: Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie im Ruhrgebiet, also nicht gerade aus einem Milieu, in dem das Mindeste, was man schon den Kleinsten angedeihen lässt, mindestens zweisprachige Frühförderung ist. Und mochten Mama und Papa, Oma und Opa auch noch so stolz sein, wenn der Bub schon früh schwierige Wörter aussprechen konnte und manchmal sogar gescheiter redete, als sie es selbst verstanden - schon in der erweiterten Verwandtschaft (von Klassenkameraden ganz zu schweigen) machte man sich nicht unbedingt beliebt, wenn man sich immer so seltsam ausdrückte.
Doch die Fremdwörter, welche meine Umgebung als Zumutung empfand, waren für mich eine Verheissung. Etwa so, wie Reiseprospekte mit Bildern von fremden Ländern einen davon träumen lassen, wie es wäre, einmal woanders zu leben als auf ewig in jenem Dorf, in dem man nun einmal zur Welt gekommen ist. Was ich nicht verstand, machte mich nicht wütend und stiess mich nicht ab, sondern machte mich heiss und zog mich an. Beziehungsweise so, wie Adorno es in seinem Essay über die «Wörter aus der Fremde» beschreibt: «. . . es lockt eine Art der Exogamie der Sprache, die aus dem Umkreis des Immergleichen, dem Bann dessen, was man ohnehin ist und kennt, heraus möchte.»
Mit der Zeit lernt man natürlich, dass nicht jeder unverständliche Satz die liebevolle Bewunderung auch verdient, die man ihm naiv entgegengebracht hat. Man lernt zwischen gedrechselter Wichtigtuerei und einer unumgänglich sperrigen Ausdrucksweise, zwischen elitärem Bildungsdünkel und einer Bildung zu unterscheiden, welche nicht vor allem darauf aus ist, die Proleten dumm zu halten und es sie mit jedem Wort wissen zu lassen, dass sie es sind und auch in Zukunft bleiben sollen. Wenn aber wieder mal ein unverständliches Wort auf der Anklagebank sitzt - dann neigt man eben doch zuerst, im Zweifelsfalle für den Angeklagten zu entscheiden. (PS: «Exogamie» meint - im Unterschied zur «Endogamie» - die soziale Regel, sich ausserhalb der eigenen Gruppe zu verheiraten.)
Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.03.2009, 07:30 Uhr
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4 Kommentare
Ja, nicht jeder Artikel in der Zeitung verdient die liebevolle bewunderung die man ihm naiv entgegengebracht hat. Manchmal handelt es sich bloss um ein artifizielles Elaborat eines narzistischen Pseudo-Intellektuellen, der mit Wohlgefallen und Dankbarkeit auf die plebsgebliebenen Proletarier hinunterschaut, da diese seinen vermeintlichen Aufstieg noch grossartiger erscheinen lassen! Antworten
Bravo Herr Schneider: diese ewig weinerliche Manier der Schweizer, alles "gebildete" schlechtzumachen, geht mir schon lange auf den Keks. Ich erinnere mich auch an eine frühere Kolumne von Ihnen, wo Sie schrieben, auch "Gebildete" hätten Anspruch darauf, dass man von Zeit zu Zeit einen Text für sie schreibt. Antworten
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