Leben
Warum lieben wir unsere Vorurteile so sehr?
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In Vorurteilen gegenüber (oft) jedem und allem sehe ich eines der Hauptprobleme des menschlichen Zusammenlebens. Woher stammt dieser scheinbar fest verankerte Hang zum Vorurteil? Ich selber erkläre mir ihn damit, dass der Mensch wegen seiner eigenen Unsicherheit Grenzen ziehen will oder muss, um sich nicht auf eine differenziertere Art auf die Sichtweise anderer einlassen zu müssen, die ihm auf Anhieb nicht verständlich scheint. R. M.
Lieber Herr M. Vorurteile haben eine Entlastungsfunktion. Wir können nicht ständig die Welt neu erfinden. Wir müssen davon ausgehen, dass Urteile, die sich in der Vergangenheit bewährt haben, in der Regel auch noch für die Zukunft brauchbar sind. Vorurteile sind somit geronnene Erfahrung: Was gestern galt, wird auch morgen noch gelten – es sei denn, ich habe gute Gründe, etwas anderes anzunehmen. Vorurteile überziehen die Welt mit einem Netz von Orientierungspunkten. Ist dieses Netz zu starr, verhindert es neue Erfahrungen; ist es zu locker geknüpft, laufen wir durch die Gegend wie jemand, der wesentliche Teile seines Gedächtnisses verloren hat.
«Die Lebenswelt ist eine durch ihre Funktionstüchtigkeit definierte Welt», schreibt Hans Blumenberg in der «Theorie der Lebenswelt»: «Aber als menschliche Lebenswelt ist sie an ihrer Peripherie immer schon undeutlich konturiert, leicht unbeständig, sozusagen ausgefranst zwischen ihrer konstanten Selbstverständlichkeit und den Invasionen von Unbekanntem.» Dieses Unbekannte versehen wir mit Etiketten aus dem Bereich des Bekannten, damit es wieder in das Raster unserer Vorurteile passt. Was man bei der Reise in sehr ferne und fremde Länder zuweilen als «Kulturschock» erlebt, ist hingegen der weitgehende Zusammenbruch unserer gut etablierten Vorurteilsstruktur. Wir fallen gleichsam aus unserer Lebenswelt.
Und das kann eine sehr produktive Erfahrung sein. Nicht, weil wir dadurch von unserem Hang zum Vorurteil geheilt würden (das ist weder möglich, noch wäre es grundsätzlich wünschenswert), sondern weil sie uns eine unsere Selbstverständlichkeiten auflockernde Selbstentfremdung gestattet. Und uns so die Möglichkeit gibt, unser alltägliches Desinteresse und unsere Ungeduld wenigstens punktuell in mehr Geduld gegenüber dem Unbekannten und mehr Interesse auch am Selbstverständlichen zu verwandeln.
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Erstellt: 13.10.2010, 09:25 Uhr
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