Leben
Warum überlässt man die Macht den Mächtigen?
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Warum wollen die Ohnmächtigen (die Mehrheit) die Machtstrukturen offensichtlich nicht ändern? Mir bleibt ein Rätsel, warum gerade auch in Demokratien von dieser Mehrheit – so oft entgegen ihren eigenen Interessen – einer Minderheit Macht zugesprochen wird. Steckt darin der Wunsch, auch mächtig und reich zu sein? Identifiziert man sich lieber mit den Mächtigen, als durch Politik (Abstimmungen) die eigene Lage zu verbessern? B. K.
Lieber Herr K. Alle Macht geht vom Volke aus. «Aber wo geht sie hin?» (Bertolt Brecht). Und warum kommt sie nur so ungern zum Volk zurück? Gerade in Demokratien scheint das Rätsel der Macht, das Sie formulieren, besonders rätselhaft. In Diktaturen scheint die Machtfrage wunderbar klar zu sein: Oben sind die Herrschenden, unten die Beherrschten; und jene halten diese mit einem meistens recht unzimperlichen Gewaltapparat in Schach. Bis den Beherrschten irgendwann der Kragen platzt und der Kopf des Diktators rollt, die Massen die Macht ergreifen und sich schliesslich über kurz oder etwas länger – eine neue Diktatur der Revolutionäre bildet. Das Revolutionsmodell der Machtergreifung durch die Ohnmächtigen ist historisch so vielfach diskreditiert, dass kein vernünftiger Mensch mehr dessen rauem Charme erliegen mag. Aber warum sind auch Demokratien, selbst die direkte Schweizer Demokratie, so ohnmächtig gegenüber undemokratischen Machtstrukturen?
Weil die politische Macht gegenüber der wirtschaftlichen Macht weitgehend machtlos ist. (Umgekehrt gilt das allerdings nicht.) Der Fall der UBS («too big to fail») ist ein in jeder Hinsicht skandalöses Lehrstück für diese Machtlosigkeit der Politik gegenüber privaten wirtschaftlichen Interessen. Was dem Volk bleibt, ist das Geschimpfe über die Abzocker, ein Protest-Nein zur Senkung des Umwandlungssatzes bei den Renten (das in seiner Deutlichkeit gewiss nicht allein aus der Sache selbst motiviert war) – kurz: irgendwelche Übersprungshandlungen, welche die empfundene Ohnmacht kurzfristig kompensieren, aber die Machtstrukturen unangetastet lassen. Das neue sozialdemokratische Parteiprogramm ist viel belächelt worden. Ich finde sehr zu Unrecht. Die Gedanken zur «Wirtschaftsdemokratie» gehören zum Klügeren, was man in der letzten Zeit aus der Politik gehört hat.
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Erstellt: 07.07.2010, 10:06 Uhr
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